Spät gekommen

Möglicherweise ist es nicht das schlechteste Merkmal eines Künstler, dass ein unbedarfter Betrachter zunächst nicht weiß, was er denn von dessen Hervorbringungen halten soll. So ging es mir mit Bjørn Nørgaard. Wie es die Schreibung des Namens verrät ist er Däne. Als vor sieben Jahren in Chemnitz über den Wettbewerb für einen Marktbrunnen heftigst Tim Ulrichs Vorschlag eines Tassenbrunnes verrissen wurde, beachtete man den ebenfalls erstplatzierten Vorschlag Nørgaards fast überhaupt nicht. Mir kam diese seltsame Figuration reichlich verquast vor.

Kein allzu gutes Gefühl hatte ich dann auch, als mir vor kurzem die Kunstsammlungen Chemnitz den Katalog zur Ausstellung des Dänen zuschickten, welche im Beisein von Königin Margarethe eröffnet wurde. Ein schnelles Durchblättern machte den Eindruck, dass da allerhand nordische Mystik mit gewaltigem Materialaufwand zelebriert wird. Gestern habe ich nun die Ausstellung gesehen und muss mich korrigieren. Das mit der Materialschlacht stimmt zwar, aber es ist eine fröhliche Eklektik, da trifft beispielsweise kettengesägtes Holz auf edles Porzellan. Und genau so unbekümmert vermatscht sind auch die diversen mythologischen oder modernistischen Bezüge. Richtig ironisch wird es bei Mickeys Zirkus, wo die imaginäre Familie des Disney-Klassikers respektlos abgewatscht wird, und schließlich bei der Gruppe „Der Prinz kam zu spät“. Da liegt das nackte Schneewittchen mit gespreizten Beinen im Kreis der Gnome, die aus ihrer Lust auch kein Hehl machen. Ich hätte gern das Gesicht der echten Königin beim Anblick der märchenhaft offenen Prinzessinenpussi sehen wollen. Wer zu spät kommt, ….

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Mal ne Frage, Herr Sick

Stutzig geworden durch den Beipackzettel eines neu erstandenen Produktes, wo stand Echt Schweinsleder, fragte ich mich, warum das nicht Schweineleder heißt. So wie Schweinefleisch. Oder Schweinestall. Weshalb können sich manche Wörter den Luxus erlauben, zwei verschiedene Endungen bei genitivistisch angehauchten Komposita zu bilden? Das ist doch Schweinskram.

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Songs from the Horn

Wären da nicht die Atemschwierigkeiten in dem wenig größer als ein normales Wohnzimmer dimensionierten Veranstaltungsraum von Horns Erben in Leipzigs Südvorstadt, angefüllt mit mindestens hundert Leuten, könnte man den gestrigen Abend durchaus als gelungen bezeichnen. Dabei ist die Ankündigung eines Liedermacher-Festes gar nicht sonderlich zeitgeistig. Trotzdem waren die meisten Besucher deutlich jünger als wir.

Das Programm, zusammengestellt von Peter Piek (der auch etwas sang und spielte), bot sowieso ausreichend Kontrast. Lasse Mathiessen aus Kopenhagen stellt am ehesten das dar, was man unter der Überschrift vermuten kann – Balladen zu Klampfe und Mundi. Kikki Solaris, Berlin, mit ihrer E-Gitarre vor gepunktetem Kleidchen sei das nervige Herumgelaufe während des Vortrages Mathiessens verziehen. Die Songs im rauhen Indie-Stil sind schon Ok. Beim dritten Gast, der sich Noiserv nennt und aus Portugal kommt, fällt das Aufmachen einer Schublade aber ganz schwer. Die melancholische, tiefe Stimme á la Cat Stevens und die Gesangsweise könnten vielleicht unter Chanson eingeordnet werden. Doch er benutzte ein Instrumentarium von Gitarre über Spielzeug-Xylophon und Hooter bis zum Keyboard. Das ganze immer nur in Schnipseln, per Loop-Maschine übereinandergelegt. So baute sich jeder Song vom Minimalismus bis zum Bombast schrittweise auf. Sehr interessant. Auf der CD, die wir dann noch erstanden (mit angehängtem Buntstift zum Ausmalen der Strichzeichnungen im Booklet), kling es recht glatt. Die kleinen technischen Schnitzer, über die sich Noiserv während des Konzertes mit seinem rudimentären deutschen Vokabular aufregte, gaben eigentlich den nötigen Drive.

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Mal was Besonders

Nicht alle geben es zu, aber eigentlich möchte doch jeder etwas Besonderes sein, sich irgendwie von der restlichen Masse unterscheiden. Nicht nur im Warholschen Sinne, für 15 Minuten Superstar zu spielen. Nein, dauerhaft die Differenz leben. Das habe ich unwissentlich 48 Jahre getan. Doch gerade jetzt soll Schluss damit sein. Der HNO-Professor, an dessen Wand ein Dankesschreiben von Boris Becker hängt, guckte mich heute morgen kurz an, nahm dann ein stählernes Einblicksinstrument zur Hand, um festzustellen: „Ich habe schon viele Nasen gesehen, aber Ihre ist was Besonderes. Das ist ja extrem!“ Am 29. September wird er diese Extremitäten beseitigen. Eine neue Nase – Erfolgsmodell Michael Jackson. Und schon ist es vorbei mit dem Besonderssein.

Ein Extremist.

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Schnapszahl

Was für ein Geburtsdatum: 9. 9. 1909. Das kann man so nicht planen, aber an Geburtsplanung konnte in der Handwerkerfamilie Bartel im oberlausitzer Dorf Sohland an der Spree sowieso keiner denken. Die spätere Frau meines Großvaters, Elisabeth Schmidt, kam übrigens am 1.1. ´10 zur Welt. Mit dreißig, die Tochter – meine Mutter – war noch keine fünf Jahre alt, kaufte der gelernte Zimmermann Willy Bartel ein marodes Fachwerkhaus im Nachbarort Wehrsdorf. Weiterlesen

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Kreiselkompass

Vor knapp drei Wochen hat das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kunst einen Kulturkompass für Sachsen vorgelegt. Gut, dass man sich an höchster Stelle Gedanken macht, wie sich dieser Bereich in den nächsten Jahren im Freistaat entwickeln soll. Manche Punkte sind garantiert auch diskutierenswert. Dass beispielsweise Kultur nun als harter Standortfaktor bezeichnet wird, ist eine Bestimmung, deren Folgen noch gar nicht voll absehbar sind. Sofern sie anerkannt wird. Darin aber liegt das Problem dieses ganzen Kompasses. Wer soll sich den eigentlich ans Handgelenk binden, um im sächsischen Dschungel von Hoch-, Sozio-, Sub-, Massen- und Gegenkultur nicht irre zu werden? Als das Dokument in die (regionale) Welt gesetzt wurde, war schon ziemlich klar, dass dieses Ministerium nach der nun vollzogenen Wahl nicht mehr von der SPD besetzt werden wird. Und wieso sollte sich ein neuer Minister mit schwarzem oder gelbem Schlips irgend etwas aus der Vorlage machen außer Klopapier?

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escehaeriefte

Aufenthaltszeiten im Bahnhof haben etwas tückisches an sich – ich werde zum Besuch der dortigen Buch- und Zeitschriftenhandlung verleitet. Und ab und zu stoße ich dann auf einen Titel, den ich noch nie gesehen habe. Escehaeriefte zum Beispiel. Kein Wunder, es ist ja auch die erste Ausgabe der Zeitschrift. Trotz des nicht ganz bescheidenen Preises habe ich mich zum Kauf animieren lassen. Man muss nicht erst darüber grübeln, wie sich der Name aussprechen lässt. Weiterlesen

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Kardiologisch

Da sich immer wieder mal jemand vom Suchmaschinen-Eintrag positive Gedichte auf meine Seite verirrt und dann vermutlich sehr enttäuscht die kooperativen Versuche von Udo Tiffert und mir in dieser Richtung zur Kenntnis genommen hat, wusste ich nun meinen Drang nicht mehr zu zügeln, wie solche Werke denn tatsächlich aussehen könnten. Ist gar nicht so schwer. Besonders ergiebig ist die Seite Herzpoetin. Auch optisch finde ich das Teil sehr gelungen. Da weiß man, was man hat. Oder eben nicht, wie in meinem Falle. Herz.

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Happy broodsday

Sicherlich ist es nur ein simpler Buchstabendreher, aber gut geeignet für Assoziationen. Ziemlich lange habe ich nicht in den Blog reingesehn, den Clemens Meyer ausgerechnet bei der FAZ betreibt. Allzu produktiv ist er da aber auch nicht. Der letzte Eintrag stammt vom 19. Juni. Und ebenda lese ich etwas vom Gebrutstagsbesuch der Kanzlerin in der Leipziger Baumwollspinnerei.

Wie ist denn die Brut geraten, Frau Merkel? Ganz brüterlich. Die Bauwollspinnerei ist ja ohnehin so was wie ein Schneller Brüter für die Neue Leipziger Schule, und Judy Lybke die Glucke inmitten des ganzen Rauchs.

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Die letzte Schlacht gewinnen wir

Werft die Manuskripte weg, werte Schauspieler, denn die letzte Schlacht gewinnen wir. Die Idee ist wohl , soweit ich weiß, vor einigen Jahren mal in München geboren worden. „Dead or alive“ nennt sich das Format, bei dem lebende Slammer eigene Texte vortragen, professionelle Schauspieler mit dem reichhaltigen Erbe nicht mehr ganz so Lebendiger der Weltliteratur gegenhalten. In Leipzig läuft es etwas anders ab. Auch die Schauspieler lesen selbst produzierte Ergüsse. Sind also lebendig. Zumindest zu Beginn der Veranstaltung. Morgen geht „Die letzte Schlacht“ im Sommertheater an der Galopprennbahn ab 21 Uhr über die Bretter. Zieht euch warm an, liebe Mimen.

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