Der Anti-Schwärmer

Byung-Chul Han kann gut schreiben. Und seine Bücher sind mit hundert Seiten im Kleinformat und in der häppchenweisen Untergliederung auch leicht zu konsumieren. Dabei ist er aber keinesfalls flach. Es macht Spaß zu lesen, wie er mit fundiertem Wissen sprachliche Konventionen auseinandernimmt. Gleich zu Beginn des Büchleins Im Schwarm unterscheidet er plausibel zwischen Respekt und Spektakel, die den gleichen Wortstamm haben. Rückschau versus Gegenwartssucht. Später erklärt er im Sinne seines Anliegens, dass digital vom lateinischen Finger herstammt, der zum Zählen diente. Abzählen versus Denken. Weiterlesen

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Weg von Mono

Wie Monokulturen in der Landwirtschaft den Boden aussaugen, so ist es auch auf dem Terrain der Künste. Hans-Werner Schmidt, Direktor des MdbK, schreibt das im Katalog zur aktuellen Ausstellung Herz, Reiz & Gefühl. Welche Monokultur er meint, wird nicht ganz klar. So wie es an der heutigen HGB vier Fachrichtungen gibt, so war auch zu DDR-Zeiten die Malerei als Shooting-Star begleitet von weiterhin starken Bereichen der Buchkunst und Fotografie. Eine Bemerkung Schmidts in der Pressekonferenz am Freitag kann zur Aufklärung beitragen. Die Malerei aus Leipzig werde heute – speziell festgemacht an einzelnen Namen – vom Stadtmarketing benutzt. Doch gerade diese Namen würden dann nicht bei Dokumenta, Venedig-Biennale oder der gegenwärtigen Manifesta in St. Petersburg auftauchen. Dafür aber andere Leipziger, die nicht so marketingträchtig wirken.

Das Erscheinen der Guten: Frederic Bußmann, Hans-Werner Schmidt, Ana Dimke und Ralf F. Hartmann.

Das Erscheinen der Guten: Frederic Bußmann, Hans-Werner Schmidt, Ana Dimke und Ralf F. Hartmann.

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So. So? Ja doch, so!

So eine Frechheit. Nur vier Songs auf der ersten CD des Doppelalbums, quasi die A-Seite. Noch frecher: Der erste Titel ist unendlich lang, fast eine halbe Stunde. Am frechsten: Er besteht aus gerade mal zwei Akkorden in Endlosschleife.

Bei Müller im Ramschkasten fand ich Neil Youngs Psychedelic Pill für wenig mehr als 5 Euro. 2012 ist als Datum der Pressung angegeben. Fast neu. Also mal reinhören. Hey now, hey now now, I´m drifting back. Hey now, hey now now, I´m drifting back. Hey now, hey now now, I´m drifting back. Neil Young wie in seiner Blütezeit vor vierzig Jahren. Keine Experimente! Obwohl er die ja auch gewagt hat. Hier aber alles so, als würden noch Hippies scharenweise durch das Land ziehn mit langen, ungewaschenen Mähnen, kiffend, rudelbumsend. Youngs Ningelstimme im Overdub, die Gitarre in diversen Verzerrungen ausprobiert, endlose Variationen der zwei Akkorde hoch und runter auf dem Griffbrett, der Schlagzeuger hat schon Krämpfe in den Armen, nochmal Hey now, hey now. Jetzt müsste eigentlich Schluss ein. When you hear my song now, you only get five percent. Wie meinen? I´m drifting back. Ach so. Klar.

So ein Selbstbewusstsein. Neil Young kann es sich leisten. Tausend andere Dinosauriere könnten es sich auch leisten, tun es aber nicht. Hecheln dem Zeitgeist hinterher, der so geistlos ist, nicht aber zeitlos. Drifting back. Auch eine Strategie. Nicht unbedingt, um das große Geld zu verdienen. Die meisten dieser Alten können aber sowieso von den Tantiemen leben, ohne bei Eröffnungen von Baumärkten oder Gebrauchtwagenhändlern zur Klampfe greifen zu müssen.

So langweilig. Da passiert nichts. Hin und her. G und C oder A und E, je nach Stimmlage am Lagerfeuer nachmachbar, würden die Mitfeuernden nicht spätestens nach fünf Minuten zu Wurfgegenständen greifen.

Nun ist wirklich Schluss. 27:29 zeigt der Player an. Da schwingt noch was nach, auch eine Rückkopplung sägt auf den Hörnerven, als gäbe es keine fortgeschrittene Studiotechnik. Muss ein. Tatsächlich jetzt: Aus! Aus! Aus!

So gut.

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Sturzgeburt

Nach dem schon nicht gerade umwerfenden Logo – die Rolle der Nullen betonend – hat das seinerseits begründungsseitig wacklige Stadtjubiläum, dessen Abfeiern für das kommende Jahr beschlossen wurde, nun einen Slogan: LIKEZIG. In erstaunlicher Offenheit gibt die dafür zuständige Marketing und Tourismus GmbH LTM zu, dass an der Worterfindung keine Werbeagentur monatelang gebrütet hat, sondern sie in einem Workshop von Studenten der Uni entstand. Zumindest preisgünstig also.

Dabei hat man bei den meisten Kampagnen des Stadtmarketings meist den Eindruck, dass sie vor allem zur Auftragsbeschaffung der Werbewirtschaft dienen. Wer sonst braucht diese albernen Sprüche? Was ist eigentlich gegenwärtig der offizielle Slogan von Leipzig jenseits des jubiläums? Immer noch Leipziger Freiheit? Wenn ja, was wollen uns die Erfinder damit sagen?

Dass also kein Geld für Likezig ausgegeben wurde, ist noch das Beste daran. Was bei Ausschreibungen mit fettem Budget rauskommt, kann man ja annähernd flächendendeckend studieren. In Chemnitz etwa hat Zebra, eine der größten Werbeagenturen Sachsens, den Wettbewerb gewonnen. Die Stadt bin ich nennt sich das Produkt. Darauf muss man erst einmal kommen. Möglicherweise haben die Zebras einen Betriebsausflug nach Berlin gemacht und sich da von Sei Berlin inspirieren lassen. Der angeblich identitätsstiftende Neue Kollektivismus ist ansteckend, spätestens seit BILD verkündete: Wir sind Papst!

Die bald 550.000 Leipziger sollen nun also zu Followern ihrer selbst werden. Sich mit sich anfreunden. Ein Selfie in XXXL. Klingt ach Onanie. Aber das ist wohl Wesensmerkmal all dieser krampfhaften Kampagnen. Wie nett wäre es, bei einer Reise irgendwo zu lesen: XYZ – die Stadt die keinen Slogan braucht!

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Flanieren in der Zeit

Es ist schon bemerkenswert, wenn eine große Buchhandelskette wie Lehmanns einen gut sichtbar positionierten Tisch mit Produkten kleiner unabhängiger Verlage einrichtet. Dort liegt unter anderem die Edition Poetikon aus dem Berliner Verlagshaus J. Frank – kleine Hefte in grauem Karton eingeschlagen. Einzelne Begriffe wie Geschlecht, Gruppendynamik oder Tradition stehen als Titel. Das Heft namens Geschichte hat der Leipziger Jan Kuhlbrodt geschrieben, als diplomierter Philosoph ist er für so ein Thema prädestiniert. Weiterlesen

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Schon bezahlt

Ein Roman? Hat doch niemand behauptet. „Geschichten“ steht als Gattungsbezeichnung auf dem Schmutztitel. Sind aber Geschichten nicht auch ausgedachtes Zeug? Nicht unbedingt, doch immerhin war Katja Petrowskaja mit ihrem Buch Vielleicht Esther in der Kategorie Belletristik auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse ominiert. Während Helmut Lethen mit seinem sehr subjektiven, von persönlichen Erinnerungen gesättigtem Buch bei den Sachbüchern gewann. Andererseits hat Katja Petrowskaja den Bachmann-Preis geholt, der eigentlich für Belletristik und deren eindrucksvolle Vortragsweise vergeben wird. Gut, Kathrin Passig hat ihn auch schon mal für Sachliteratur bekommen. Pseudo-Sach. Dagegen ist Vielleicht Esther ausgesprochen fundiert in der Recherche und Faktentreue. Weiterlesen

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Gedächtnisstörungen

Bei den ewigen Diskussionen um die neue Bebauung des Wihelm-Leuschner-Platzes, dem vorauseilend schon eine neuer Beiname angehängt wurde, durch Straßenbahnen und U-Bahnschächte hallend, las ich der Leipziger Internet-Zeitung in einem Kommentar: Das historische Straßennetz einer Stadt ist auch deren Langzeitgedächnis. Das habe ich schon mehrfach gehört. Klingt irgendwie vernünftig, wie eine durch Autoritätsbeweise untermauerte Volksweisheit, über die nicht mehr diskutiert werden muss. Durchdenkt man sich aber dieses nostalgische Geplapper, wird es absurd. Welches historische Straßennetz ist gemeint? Als hätte es mal einen fertigen Zustand der Stadt gegeben, der dann verwischt wurde. Bevorzugt unterstellt man diese Gedächtnisstörung der Überbauung bzw. Beräumung zu DDR-Zeiten, weshalb viele auch das Bowlingzentrum weg haben wollen. Nach dieser Logik muss natürlich auch die Ringbebauung am Roßplatz verschwinden. Allerdings auch die Schilleranlagen, auf dass man die Stadtmauer wieder errichte. Meister im Wegreißen und Überbauen waren nun gerade die Planer des 19. Jahrhunderts, die jetzt so gern verklärt werden. Da musste eben auch mal eine mittelalterliche Kirche weichen, um die Petersstraße zu erweitern. Und kein Verein, keine Bürgerinitiative wurde wütend.

Wie so ein angebliches Langzeitgedächtnis aussieht, kann man am Dresdner Neumarkt bewundern, Disney hätte seine Freude dran. Oder in Berlin, wo das Schloss wiederersteht. Fast so als könnten sich noch viele Berliner dran erinnern, nicht aber an den Palast der Republik, der dafür weichen musste. Ist ja nur Kurzzeitgedächtnis, kann weg.Aber auch die Behauptung, dass Grundrisse den Stadtcharakter ausmachen, ist fraglich. Manhattan hat heute im Wesentlichen noch das gleiche Straßennetz wie vor 200 Jahren. Dass man deswegen den Geist dieser Zeit noch spüren könne, ist ja wohl Quark.

Kalendersprüche sind für die Stadtplanung kaum tauglich.

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Aktuell, vorläufig

Dank des Feiertages und der draußen unerträglichen Wärme habe ich es endlich mal geschafft, das Verzeichnis um die bisher in diesem Jahr erschienenen Artikel in der LVZ zu ergänzen. Leider habe ich wieder mal verpasst, manche Artikel als PDF abzuspeichern, weshalb sie hier nur als Word- oder OpenOffice-Texte stehen.

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Kunstanhäufung

WGT, Stadtfest, Sommerwetter zu Pfingsten? Ja, auch. Aber außerdem geballte Kunst, wie sie sonst höchstens zu den Rundgangswochenenden vorkommt. Am Donnerstag eröffnete die 21. Leipziger Jahresausstellung wie schon in den beiden vorigen Jahren im Westwerk. Diese Örtlichkeit hat den Vorteil, dass auch Leute reinspazieren (Eintritt frei), die ansonsten nicht so viel mit Kunst am Hut haben. Und die Mischung ist eben auch so, dass fast für jeden Geschmack was Geeignetes dabei ist, außer vielleicht hochintellektuelle Konzeptkunst.

uhlenhaut

Greifautomat von Hannes Uhlenhaut in der Jahresausstellung.

Die altarartige Installation "L.I.A.R." von Claus Georg Stabe, ebenfalls für die jahresausstellung ausgewählt.

Die altarartige Installation “L.I.A.R.” von Claus Georg Stabe, ebenfalls für die jahresausstellung ausgewählt.

Seit gestern läuft nun wieder das Fotofestival f/stop, zum zweiten Mal unter Regie von Christin Krause und Thilo Scheffler. Schon der Umfang ist überwältigend. Drei Hallen, jede von der Größe eines Fußballfeldes, werden bespielt. Dazu das Archiv Massiv und die Plakatwand in der Spinnerei. Außerdem neun Galerien im Stadtgebiet, die als offizielle Satelliten unter dem Dach des Festivals gelten sowie etliche Spinnerei-Galerie, als Komplizen bezeichnet, die zeitgleich Fotografie zeigen.

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Verkürzter Schatten

Preis der Leipziger Buchmesse für das beste Sachbuch des Jahres – eine starke Hausnummer. Und in der überregionalen Presse flankierende Rezensionen von wohlwollend bis begeistert. Also habe ich mir Helmut Lethens Der Schatten des Fotografen gekauft. Und gelesen. Mit einer gewissen Enttäuschung, zumindest gemessen am allgemeinen Lob. Weiterlesen

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