Continuum

2013-continuum

David O`Kane, ‚Continuum‘, jede Tafel 160 x 200 cm, Öl auf Leinwand, 2013, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Ein rechteckiges Fenster ohne Rahmen. Das nächste. Noch eins. Und so weiter. Wie ein Schienenstrang ratternd. Hochsitzend über der nackten grauen Wand. Wir sind in eine Lagerhalle geraten. Die hier gestapelten Güter sind Ideen. Unbezahlbar.

Zentral ein Tisch. Oder so. Beine sind verzichtbar. Hat Leonardos Abendmahltisch etwa Beine? Die Platte glänzt wie polierter Stahl. Oder wie ein See ganz früh am Morgen, vor dem ersten Windhauch. Zeit für ein Spiel.

Das ist keine Lagerhalle. Es ist eine Bühne, sieht man doch. David O´Kanes Arbeiten sind immer Bühnen. Die Stücke, die hier gespielt werden, hat er in einem Dubliner Antiquariat gekauft. Mehrere Vorbesitzer haben Änderungen im Text vorgenommen. Auch er arbeitet mit dem Bleistift an den Manuskripten. O´Kane ist ein Spieler.

Zwei Hauptdarsteller haben die Szene betreten. Zwei steht für Harmonie, für Balance. Die blonden Jungen sind Brüder, aber keine Zwillinge. Einer größer, der andere kleiner.

Das Böse ist gerade, die Wahrheit ist eine ungerade Zahl, und der Tod ist ein Punkt. Schreibt Flann O´Brien. Ooops, das tut weh. Weiterlesen

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„Ich möchte alles hochfahren!“

In der LVZ ist in den Abdruck meines Interviews mit Thomas Locher, dem designierten neuen Rektor der HGB meine Einlassung nach der dritten Frage so abgedruckt worden, als wäre sie Teil der Antwort. Darum hier noch einmal das Interview in Originalform.


Anfang Februar wurde Thomas Locher als neuer Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig gewählt. Die Führung der Akademie wird seit fast einem Jahr kommissarisch ausgeführt. Locher, Jahrgang 1956, ist bekannt als Konzeptkünstler, eine Arbeit von ihm ist im Pressezentrum der Messe Leipzig zu sehen. Er lebt und arbeitet gegenwärtig in Berlin. 
Kunstpalais Erlangen Ausstellungseröffnung Thomas Lochner 5. Juli 2012

Kunstpalais Erlangen Ausstellungseröffnung Thomas Lochner 5. Juli 2012, Foto: Erich Malter


Was hat Sie als aktiven Künstler daran gereizt, solch eine Aufgabe zu übernehmen, die mit viel Verwaltungsarbeit verbunden ist?
Viele Kollegen haben mich gefragt, wieso ich das Amt des Rektors anstrebe. Es ist für mich kein Positionsonswechsel, eine Kunsthochschule zu leiten. Das haben Künstler schon über Jahrhunderte gemacht. Ich will weiterhin die Entwicklung junger Künstlerinnen und Künstler begleiten, ihre Methodenfindung unterstützen. Es ist sicher eine intensive Aufgabe, aber man ist nicht allein, hat ein Team, hat Prorektoren, es gibt Gremien und Ausschüsse.
Mich reizt auch, darüber nachzudenken, was eigentlich Schule ist. Damit habe ich mich schon in den letzten Jahren aus dem Lehrverhältnis heraus beschäftigt. Was ist Lehre? Und wie muß sie in der Zukunft aussehen? Schule ist ein Thema, weil die gegebenen Bedingungen für künstlerische Praxen nicht so einfach sind. Daher liegt ein starker Fokus auf der Ausbildung, die noch der einzige glückliche Raum innerhalb des Kunstfeldes zu sein scheint. Allerdings sind Kunsthochschulen auch ganz konventionell Institutionen und Teil dieses Feldes der Kunst. Trotzdem gibt es ein Moment des Unvorhersehbaren und des Experimentellen, der ein Versprechen auf Zukunft darstellt.

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Zu den Guten gehören

Ist es nicht ein gutes Gefühl, zu den Progressiven zu gehören? Zu denen, die es dem Schweinesystem mal so richtig zeigen? Die dem Establishment so schmerzhaft auf die Füße treten? Geil! Stimmts?

Als ich vor vier Wochen hier einen Text zum Thema Westwerk retten veröffentlichte, gab es punktuelle Zustimmung, vor allem aber Angriffe unterschiedlichen Niveaus. Denn ich gehöre eben nicht zu den Guten, die sich uneingeschränkt solidarisch zeigen und keine Fragen stellen. Dabei habe ich durchaus Sympathie für die Kreativen oder Gewerbetreibenden nicht allein im Westwerk. Doch es ist kein reiner Sprachpurismus, wenn ich diverse Floskeln kritisiere. Ich halte es geradezu für kontraproduktiv, Thesen in den Raum zu stellen, die nicht haltbar sind, fordere stattdessen sachlichen Pragmatismus ein. Das kommt bei manchen Leuten nicht gut an, zumeist nicht selbst betroffen, aber von der Revolutionsromantik infiziert. Weiterlesen

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Zwischen den Stühlen

Die Stühle stehen ungeordnet in einem ansonsten leeren Raum, so als wären Studenten nach dem Seminar schnell ausgeschwärmt. Zurück bleibt nur eine zusammengesunkene Person. Elisabeth Voigt, Künstlerin und Hochschullehrerin, hat sich 1956 im Zustand der Resignation dargestellt.

Offiziell war sie zu dieser Zeit 58 Jahre alt, eigentlich aber schon 63, da sie als Studentin ihre Papiere manipuliert hatte. Die Fälschung kam erst nach ihrem Tode 1977 ans Licht. Es ist aber nicht in erster Linie das Alter, das Elisabeth Voigt zu schaffen machte. Wieder einmal konnte sie ihre künstlerischen Vorstellungen nicht frei umsetzen.

Dass der Name der Künstlerin heute immer noch so etwas wie ein Geheimtipp ist, hat verschiedene Ursachen. Mit dieser von Barbara John kuratierten Ausstellung kann sich daran endlich etwas ändern. Denn als Malerin und Grafikerin ebenso wie als Lehrerin ist Voigt ein wichtiger Bestandteil der Leipziger und überregionalen Kunstgeschichte. Weiterlesen

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Die Unschuld der Astern

Knallig rote Blüten beherrschen das Bild, die Blätter vibrieren silbrig. Erst bei einem gewissen Betrachtungsabstand vermischen sich die Farben im Auge. Die Frau mit dem Buch im Hintergrund könnte man fast übersehen, so verschmilzt sie mit dem Garten. Der Bildtitel „Lesende junge Frau“ aber weist auf sie hin. Emil Nolde hat das Bild 1906 gemalt, dem Jahr, als er der Gruppe Brücke beitrat.

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Durchstreift man flüchtig die Ausstellung, so muss diese Mitgliedschaft fast zwangsläufig erscheinen. Die künstlerische Verwandtschaft zwischen den Sachsen und dem Norddeutschen mit dänischem Pass springt ins Auge. Doch so einfach ist die Sache nicht allein wegen der geografischen Herkunft dann doch nicht. Weiterlesen

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Kommentar zu 2,5 Artikeln

Leider ist meine Seite Kunstszene Leipzig aus Zeitgründen wieder mal eingeschlafen, auch das Archivieren von PDFs meiner Artikel in der LVZ habe ich aufgegeben. Da ich vor einer reichlichen Stunde einen Anruf bekam, bei dem mir eine Bekannte erzählte, wie bei der Eröffnung der Ausstellung Lüpertz/Klinger der große Meister („one of the most overrated“, um es mit Genossen Trump auszudrücken) über diesen Schreiberling der LVZ geschimpft habe, gebe ich die zwei Artikel hier wieder. Dass sich dieser zu den Big 5 der deutschen Künstlerschaft (am Einkommen gemessen) gehörende Markus Lüpertz überhaupt über einen Lokaljournalisten aufregt, zeugt von einer gewissen Dünnhäutigkeit. Ist er sich seiner Sache selbst gar nicht so sicher?

Der erste Artikel erschien am Freitag, dem 27. Januar in der LVZ. Die Knappheit ist dem späten Pressetermin am Vortag geschuldet. Am folgenden Sonnabend erschien dann der Hauptartikel. Leider war die Zeilanzahl vorgegeben, in diesem Fall hätte ich gern etwas mehr Platz gehabt.

Warum steht nun in der Überschrift etwas von 2,5 Artikeln? Noch ist mir nichts bekannt geworden, doch ich halte es für denkbar, dass manche der 12 Aufrechten, die den Offenen Brief gegen das Beethoven-Denkmal von Lüpertz schrieben, und ihre Unterstützer nun vielleicht behaupten, ich wäre eingeknickt. Der weltberühmte Schriftsteller Jendryschik hatte ja in einer Podudiumsdiskussion in Bezug auf meinen damaligen Blog-Artikel behauptet, ich hätte angeblich geschrieben: „Wer sich gegen Lüpertz wendet, ist eigentlich ein Idiot …“ Schade, dass ein Schriftsteller so mies im verstehenden Lesen ist. Aber wahrscheinlich hat der alte Herr gar kein Internet, hat sich da nur was zutragen lassen. Weiterlesen

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Schlachtenlärm ums Westwerk

Rettet das Westwerk! Das klingt dramatisch. Wann soll denn die Abrissbirne anrollen? Offensichtlich gar nicht. Dennoch gibt es Plakate und FB-Seiten mit diesem eindringlichen Appell. Eine Diskussion soll ebenso stattfinden wie eine Demo.
Im Dezember musste der Westpol Airspace ausziehen, nun haben auch Sublab und einige andere Mieter die Kündigung bekommen. Ja, das sind Verluste. Für das unmittelbare Umfeld, nicht die Stadt. Sebastian Denda bespielt unterdessen schon andere Lokalitäten und wird sicherlich auch mal den Westpol wieder eröffnen, wenn auch nicht mit solch einem großzügigen Platzangebot. Das Sublab wird ebenso eine Bleibe finden, Hacker sind ja eigentlich sowieso ortlos. Weiterlesen

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Pendel

Ein Mann geht durch eine weite, offene Landschaft. Plötzlich hängt in Augenhöhe ein kleiner Ball aus Hartgummi vor ihm. Er blickt nach oben in den wolkenlosen Himmel, kann aber nicht erkennen, wo die Schnur befestigt sein könnte. Er nimmt den Ball, tritt ein paar Schritte zurück und gibt ihm Schwung. Der Ball schwingt nach vorn, immer weiter, ist bald nicht mehr zu sehen. Der Mann geht weiter, sieht einige seltsam geformte Steine, Tieren ähnlich. Dann steht er vor einem Loch in der Erde, etwa einen Meter im Durchmesser. Er kann nicht erkennen, wie tief es ist. Als er sich über die Öffnung beugt, trifft ihn der Hartgummiball am Hinterkopf.

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Klassisches Eigentor

Die Erfolge der großen Vereinfacher in den letzten Monaten, von Johnson und Trump bis zu Erdogan und Kaczynski, ziehen auch hierzulande nicht nur simpel gestrickte Dumpfbacken in ihren Bann, sondern auch einige echte Intellektuelle. Manche bekommen nach ersten Vorstößen Angst vor der eigenen Courage und rudern zurück, so der ewige Fähnchen-in-den-Wind-Halter Sloterdijk. Andere meinen es wohl ernst.

Seit einigen Wochen schreibt die promovierte Philosophin Caroline Sommerfeld für Götz Kubitscheks neurechtes Portal Sezession. Gleich in einem ihrer ersten Artikel – er bezieht sich auf Carolin Emckes Buch Gegen den Hass – greift sie voll daneben. Zumindest muss es aus Sicht ihrer Mitstreiter so aussehen. Sommerfeld schreibt: Von „Reinheit“ ist rechterseits nie die Rede, auch „Homogenität“ ist eine Strohpuppe, die NS-Bezüge insinuiert („Rassereinheit“), die aber im gegenwärtigen politischen Diskurs niemand vertritt. Weiterlesen

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Dresdens erfolgreiche Befreiung von den Patrioten

Alles in allem war dies eine sinnlose Schlacht gewesen. Die meisten der blutjungen Verteidiger waren mit alten Musketen oder noch mit Säbeln bewaffnet. Nur einige wenige moderne chinesische Waffen hatte man noch aus der Stadt heranbringen können. Die Jungs waren chancenlos gegen unsere Truppen; sie starben, obwohl sie doch wissen mussten, dass wir ihnen lediglich etwas Zivilisation bringen wollten. Ein Wahnsinn.

Der Wahnsinn nennt sich Einnahme von Bannewitz, einem Dorf südwestlich von Dresden. Die Beschreibung stammt aus den Erinnerungen des Generals Yusef Hadid. Das Problem dabei ist, dass es diesen General ebenso wenig gegeben hat wie das dargestellte Scharmützel.

Der aus Syrien stammende Künstler Manaf Halbouni schreibt die Geschichte um. Die angeblichen Erinnerungen handeln im Jahr 1919. Die arabische Armee erobert mit Unterstützung der türkischen Vasallen ganz Mitteleuropa. Natürlich vor allem um etwas Zivilisation zu bringen, ist doch der Mittelmeerraum wirtschaftlich und technisch viel weiter entwickelt als das alte Abendland. Lediglich China, das die europäischen Rebellen unterstützt, ist ein ernsthafter Konkurrent.

Manaf Halbouni "Die Neue Arabische Karte", 2015, Zeichnung, Tusche auf Papier, 24 x 30 cm, Courtesy: MdbK Leipzig/Manaf Halbouni

Manaf Halbouni „Die Neue Arabische Karte“, 2015, Zeichnung, Tusche auf Papier, 24 x 30 cm,
Courtesy: MdbK Leipzig/Manaf Halbouni

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