Anstößiger Verlierer

Die Liste der Verlierer jenes Moderne zu nennenden Prozesses ist lang. Der gesamte Adel gehört dazu, auch wenn er noch heute oder heute wieder beachtliche Einschaltquoten bei Vermählungen, Krönungen, Begräbnissen, Tunnelfahrten und sonstigen wichtigen Ereignissen erzielt. Das Handwerk, einst treibende Kraft, gehört dazu. Die Flora und Fauna dieser Welt hingegen ist ganz unschuldig in die Charts der Loser gekommen, kann dort heute aber einen Spitzenplatz behaupten.

Auch ganz weit vorn liegt die Kirche, nicht nur die katholische. Die Ironie dabei ist, dass Faktoren, die für die Entstehung der Moderne alles andere als nebensächlich sind, von ihr selbst ausgingen. Weiterlesen

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Der Knoten des 13. Jahrhunderts

Das Mittelalter erscheint auch heute noch, Jahrhunderte nach Erfindung dieses pejorativen Ausdrucks, für viele wie ein kompakter, dunkelschwarzer Klumpen, der sich zwischen die überschaubare, da nach wie vor andauernde Neuzeit und die zwar sagenumwobene, aber alles in allem glorreiche Antike geschoben hat. Abgesehen davon, dass dieser angeblich welthistorische Einschub nur aus (west-)europäischer Perspektive überhaupt verständlich wird, muss man doch diese angeblich ein volles Jahrtausend andauernde Düsternis nach heutigem Erkenntnisstand für einen PR-Gag der nachfolgenden Generationen halten, die sich als die großen Erlöser ansahen. Weiterlesen

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Rechtes Geningel

Bei den deutschen Rechtsauslegern herrscht gerade zumindest Katerstimmung, wenn nicht gar  Panik, wo vor wenigen Monaten noch euphorische Siegeszuversicht dominierte. Was ist bloß passiert? Ok, in Österreich hat im dritten Anlauf den unwichtigen Posten des Präsidenten ein Grüner gegen einen “Freiheitlichen” gewonnen. Und Wilders hat in den Niederlanden weniger Stimmen geholt als erwartet, aber dennoch hinzugewonnen. Ja, auch die AFD zerfleischt sich gerade, aber doch mit guten Chancen auf einen Sieg des radikalen Flügels um Höcke.

Schlimmer wirkt sich auf das Wohlbefinden der deutschen Rechten das Verhalten ihres vor kurzem noch als Idol bejubelten US-Präsidenten aus. Noch vorige Woche krittelte in der Blauen Narzisse Robin Classen, Trump mache handwerkliche Fehler. Als wichtigeren Faktor für seine Erfolglosigkeit sah er aber noch den Widerstand aller möglicher Linker bis in die GOP hinein. Seit vorigen Donnerstag aber steht fest: Trump ist der Falsche! Weiterlesen

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Russland verstehen, anderes weniger

Den Untertitel muss man gewichtiger nehmen als die eigentliche Überschrift Russland verstehen des Buches von Gabriele Krone-Schmalz. Da steht: Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens. Folglich ist es keine Anleitung zum Verständnis der russischen Innen- wie Außenpolitik. Es geht wirklich nur um die Ereignisse in der Ukraine seit 2014 nebst Einlassungen zur Vorgeschichte. Die langjährige Russland-Korrespondentin der ARD kennt das ehemalige Sowjetreich gut und hat offenbar dabei auch eine echte Sympathie für das riesige Land und seine Bewohner entwickelt.

Das 2015 in erster Auflage erschienene Buch hat einen klar aufklärerischen Anspruch, der da lautet: Die westlichen Medien, auch die großen, GEZ-finanzierten, zeichnen ein verzerrtes Bild der Ukraine-Krise. Nun aber kommt Gabriele Krone-Schmalz und rückt das zurecht. Vor allem im einführenden Kapitel wird sie nicht müde zu betonen, wie wichtig es für Journalisten sei, die Wortwahl immer wieder zu durchdenken und die Herkunft von Nachrichten und ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Gut. Leider unterlaufen ihr in dieser Hinsicht selbst etliche Fehler. Gerade wenn man solch einen Anspruch hat, sollten Autorin wie auch Lektoren des Verlages besonders penibel arbeiten. Weiterlesen

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Continuum

2013-continuum

David O`Kane, ‚Continuum‘, jede Tafel 160 x 200 cm, Öl auf Leinwand, 2013, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Ein rechteckiges Fenster ohne Rahmen. Das nächste. Noch eins. Und so weiter. Wie ein Schienenstrang ratternd. Hochsitzend über der nackten grauen Wand. Wir sind in eine Lagerhalle geraten. Die hier gestapelten Güter sind Ideen. Unbezahlbar.

Zentral ein Tisch. Oder so. Beine sind verzichtbar. Hat Leonardos Abendmahltisch etwa Beine? Die Platte glänzt wie polierter Stahl. Oder wie ein See ganz früh am Morgen, vor dem ersten Windhauch. Zeit für ein Spiel.

Das ist keine Lagerhalle. Es ist eine Bühne, sieht man doch. David O´Kanes Arbeiten sind immer Bühnen. Die Stücke, die hier gespielt werden, hat er in einem Dubliner Antiquariat gekauft. Mehrere Vorbesitzer haben Änderungen im Text vorgenommen. Auch er arbeitet mit dem Bleistift an den Manuskripten. O´Kane ist ein Spieler.

Zwei Hauptdarsteller haben die Szene betreten. Zwei steht für Harmonie, für Balance. Die blonden Jungen sind Brüder, aber keine Zwillinge. Einer größer, der andere kleiner.

Das Böse ist gerade, die Wahrheit ist eine ungerade Zahl, und der Tod ist ein Punkt. Schreibt Flann O´Brien. Ooops, das tut weh. Weiterlesen

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„Ich möchte alles hochfahren!“

In der LVZ ist in den Abdruck meines Interviews mit Thomas Locher, dem designierten neuen Rektor der HGB meine Einlassung nach der dritten Frage so abgedruckt worden, als wäre sie Teil der Antwort. Darum hier noch einmal das Interview in Originalform.


Anfang Februar wurde Thomas Locher als neuer Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig gewählt. Die Führung der Akademie wird seit fast einem Jahr kommissarisch ausgeführt. Locher, Jahrgang 1956, ist bekannt als Konzeptkünstler, eine Arbeit von ihm ist im Pressezentrum der Messe Leipzig zu sehen. Er lebt und arbeitet gegenwärtig in Berlin. 
Kunstpalais Erlangen Ausstellungseröffnung Thomas Lochner 5. Juli 2012

Kunstpalais Erlangen Ausstellungseröffnung Thomas Lochner 5. Juli 2012, Foto: Erich Malter


Was hat Sie als aktiven Künstler daran gereizt, solch eine Aufgabe zu übernehmen, die mit viel Verwaltungsarbeit verbunden ist?
Viele Kollegen haben mich gefragt, wieso ich das Amt des Rektors anstrebe. Es ist für mich kein Positionsonswechsel, eine Kunsthochschule zu leiten. Das haben Künstler schon über Jahrhunderte gemacht. Ich will weiterhin die Entwicklung junger Künstlerinnen und Künstler begleiten, ihre Methodenfindung unterstützen. Es ist sicher eine intensive Aufgabe, aber man ist nicht allein, hat ein Team, hat Prorektoren, es gibt Gremien und Ausschüsse.
Mich reizt auch, darüber nachzudenken, was eigentlich Schule ist. Damit habe ich mich schon in den letzten Jahren aus dem Lehrverhältnis heraus beschäftigt. Was ist Lehre? Und wie muß sie in der Zukunft aussehen? Schule ist ein Thema, weil die gegebenen Bedingungen für künstlerische Praxen nicht so einfach sind. Daher liegt ein starker Fokus auf der Ausbildung, die noch der einzige glückliche Raum innerhalb des Kunstfeldes zu sein scheint. Allerdings sind Kunsthochschulen auch ganz konventionell Institutionen und Teil dieses Feldes der Kunst. Trotzdem gibt es ein Moment des Unvorhersehbaren und des Experimentellen, der ein Versprechen auf Zukunft darstellt.

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Zu den Guten gehören

Ist es nicht ein gutes Gefühl, zu den Progressiven zu gehören? Zu denen, die es dem Schweinesystem mal so richtig zeigen? Die dem Establishment so schmerzhaft auf die Füße treten? Geil! Stimmts?

Als ich vor vier Wochen hier einen Text zum Thema Westwerk retten veröffentlichte, gab es punktuelle Zustimmung, vor allem aber Angriffe unterschiedlichen Niveaus. Denn ich gehöre eben nicht zu den Guten, die sich uneingeschränkt solidarisch zeigen und keine Fragen stellen. Dabei habe ich durchaus Sympathie für die Kreativen oder Gewerbetreibenden nicht allein im Westwerk. Doch es ist kein reiner Sprachpurismus, wenn ich diverse Floskeln kritisiere. Ich halte es geradezu für kontraproduktiv, Thesen in den Raum zu stellen, die nicht haltbar sind, fordere stattdessen sachlichen Pragmatismus ein. Das kommt bei manchen Leuten nicht gut an, zumeist nicht selbst betroffen, aber von der Revolutionsromantik infiziert. Weiterlesen

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Zwischen den Stühlen

Die Stühle stehen ungeordnet in einem ansonsten leeren Raum, so als wären Studenten nach dem Seminar schnell ausgeschwärmt. Zurück bleibt nur eine zusammengesunkene Person. Elisabeth Voigt, Künstlerin und Hochschullehrerin, hat sich 1956 im Zustand der Resignation dargestellt.

Offiziell war sie zu dieser Zeit 58 Jahre alt, eigentlich aber schon 63, da sie als Studentin ihre Papiere manipuliert hatte. Die Fälschung kam erst nach ihrem Tode 1977 ans Licht. Es ist aber nicht in erster Linie das Alter, das Elisabeth Voigt zu schaffen machte. Wieder einmal konnte sie ihre künstlerischen Vorstellungen nicht frei umsetzen.

Dass der Name der Künstlerin heute immer noch so etwas wie ein Geheimtipp ist, hat verschiedene Ursachen. Mit dieser von Barbara John kuratierten Ausstellung kann sich daran endlich etwas ändern. Denn als Malerin und Grafikerin ebenso wie als Lehrerin ist Voigt ein wichtiger Bestandteil der Leipziger und überregionalen Kunstgeschichte. Weiterlesen

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Die Unschuld der Astern

Knallig rote Blüten beherrschen das Bild, die Blätter vibrieren silbrig. Erst bei einem gewissen Betrachtungsabstand vermischen sich die Farben im Auge. Die Frau mit dem Buch im Hintergrund könnte man fast übersehen, so verschmilzt sie mit dem Garten. Der Bildtitel „Lesende junge Frau“ aber weist auf sie hin. Emil Nolde hat das Bild 1906 gemalt, dem Jahr, als er der Gruppe Brücke beitrat.

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Durchstreift man flüchtig die Ausstellung, so muss diese Mitgliedschaft fast zwangsläufig erscheinen. Die künstlerische Verwandtschaft zwischen den Sachsen und dem Norddeutschen mit dänischem Pass springt ins Auge. Doch so einfach ist die Sache nicht allein wegen der geografischen Herkunft dann doch nicht. Weiterlesen

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Kommentar zu 2,5 Artikeln

Leider ist meine Seite Kunstszene Leipzig aus Zeitgründen wieder mal eingeschlafen, auch das Archivieren von PDFs meiner Artikel in der LVZ habe ich aufgegeben. Da ich vor einer reichlichen Stunde einen Anruf bekam, bei dem mir eine Bekannte erzählte, wie bei der Eröffnung der Ausstellung Lüpertz/Klinger der große Meister („one of the most overrated“, um es mit Genossen Trump auszudrücken) über diesen Schreiberling der LVZ geschimpft habe, gebe ich die zwei Artikel hier wieder. Dass sich dieser zu den Big 5 der deutschen Künstlerschaft (am Einkommen gemessen) gehörende Markus Lüpertz überhaupt über einen Lokaljournalisten aufregt, zeugt von einer gewissen Dünnhäutigkeit. Ist er sich seiner Sache selbst gar nicht so sicher?

Der erste Artikel erschien am Freitag, dem 27. Januar in der LVZ. Die Knappheit ist dem späten Pressetermin am Vortag geschuldet. Am folgenden Sonnabend erschien dann der Hauptartikel. Leider war die Zeilanzahl vorgegeben, in diesem Fall hätte ich gern etwas mehr Platz gehabt.

Warum steht nun in der Überschrift etwas von 2,5 Artikeln? Noch ist mir nichts bekannt geworden, doch ich halte es für denkbar, dass manche der 12 Aufrechten, die den Offenen Brief gegen das Beethoven-Denkmal von Lüpertz schrieben, und ihre Unterstützer nun vielleicht behaupten, ich wäre eingeknickt. Der weltberühmte Schriftsteller Jendryschik hatte ja in einer Podudiumsdiskussion in Bezug auf meinen damaligen Blog-Artikel behauptet, ich hätte angeblich geschrieben: „Wer sich gegen Lüpertz wendet, ist eigentlich ein Idiot …“ Schade, dass ein Schriftsteller so mies im verstehenden Lesen ist. Aber wahrscheinlich hat der alte Herr gar kein Internet, hat sich da nur was zutragen lassen. Weiterlesen

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