Das dezentrale Bilbao

Damals vor zehn Jahren, als die Kulturhauptstadt vorbei war und eher Katerstimmung als Euphorie herrschte, war sich niemand so wirklich sicher, ob der Titel wirklich einen Anschub mit dauerhafter Wirkung gebracht hatte. Aber die Leute, die zu etwas Geduld rieten, hatten wohl recht.

Manche Initiativen wirkten fast wie ein Pilz-Myzel im Untergrund, ohne dass nach außen viel sichtbar wurde. Eine Sache aber war nicht zu übersehen – die zunehmende Zahl künstlerischer Murals an Hauswänden und auch sonst immer mehr Urban Art.

Die „Hallenkunst“ war neben dem „Purple Path“ dabei ein Katalysator. Schon 2025 entstanden 11 Wandbilder und die Lichtinstallation am Bahnhofsvorplatz. Und es ging weiter, nicht im gleichen Tempo, doch kontinuierlich.

Andere Akteure wie „Rebel Art“, die schon lange Fassaden in Chemnitz gestalten, wollten sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen und verstärkten ihre Aktivitäten. Als dann die großen Wohnungsgenosenschaften in eine Art Wettbewerb traten, wer die meisten und besten Murals hat, kam es zum Knall. Sogar die GGG hat sich mitreißen lassen, aber auch private Immobilienbesitzer und gewerbliche Betriebe.

„Chemnitz: The Painted Town“ titelte im Januar 2030 die „New York Times“ in ihrer Reisebeilage. Unterdessen hatte ja sogar Oberbürgermeister Sören Uhle das Potential der Entwicklung erkannt und eine Werbekampagne in Auftrag gegeben. Doch auch der Künstler Rolf Lieberknacht entschied sich, dass seine kinetischen Kunstwerke in den Parks der Stadt besser platziert sind als in seinem abgeschirmten Grundstück in Einsiedel. Ein weiterer Baustein war der Hans-Brockhage-Weg vom Falkeplatz über die Stadthalle zum Schlossberg mit Arbeiten des Schwarzenberger Holz-Gestalters.

Die ganz Jungen ließen sich inspirieren und machten Chemnitz zu einer großen Freiluftgalerie.

Als 2025 eine Basketballmannschaft für eine Saison ganz oben war, kamen gleich Ideen auf, dass man ihnen auf der Brache hinter der „Parteifalte“ eine Sporthalle bauen müsse, die architektonisch mit dem Guggenheim-Museum in Bilbao vergleichbar ist. Die Mannschaft spielt heute in der dritten Liga, die Brache ist immer noch eine wunde Stelle der Innenstadt, wenn auch durch den übergroßen Geodome des Holzkombinates zeitweise belebt. Auch die Deklaration des RE 6 nach Leipzig als Museumsbahn mit Dampflokomotiven war ein Desaster.

Doch in Chemnitz halten jetzt mehr Reisebusse als im Kulturhauptstadtjahr 2025. Die „bemalte Stadt“ ist weltbekannt. Chemnitz ist zum dezentralen Bilbao geworden.

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Eine fatale Fixierung

Anfang Mai fanden in Chemnitz mehrere Verlegungen von Stolpersteinen statt, zu denen rund sechzig Nachkommen der betroffenen jüdischen Personen (sie hatten die Flucht geschafft) nach Chemnitz gekommen waren. Was ich erst dabei erfahren habe ist, dass der frühere OB Peter Seifert in den 1990er Jahren die Suche nach solchen Nachkommen begonnen hat. Das passierte nicht aus politischen Opportunismus. Ein enger Verwandter Seiferts hat in Chemnitz im NS-Regime als Rechtsanwalt vielen jüdischen Familien (die sich das finanziell leisten konnten), bei der Ausreise geholfen. Heute wird diese Arbeit durch die AG Stolpersteine und den Verein Buntmacherinnen fortgesetzt.

Bei diesen Verlegungen der Gedenksteine und auch den folgenden zwei Ausstellungen der Reihe „Threads“ im Smac und im Fahrzeugmuseum konnte ich mit einigen dieser Nachfahren sprechen, anderen zumindest zuhören.

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Spoiler

Ich sehe mich gezwungen, allen meinen Beiträgen und Kommentaren zu Themen wie Israel, Palästina, Nahost-Konflikt, aber auch Juden und jüdisches Leben künftig zwei Anmerkungen voranzustellen:

  1. Ich habe bereits am 3. Oktober 2023 auf „X“ geschrieben, dass das Massaker der Hamas nichts mit Befreiungskampf zu tun hat. Da ich mich vor anderthalb Jahren von dieser zur Güllegrube gewordenen Plattform verabschiedet habe, kann ich es nicht mehr nachweisen. Darum hier ganz klar: Der 7. Oktober 2023 war ein Massaker, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt. Die Hamas ist ebenso wie die Hisbollah und das iranische Regime terroristisch.
  2. Zum Vorwurf der Obsession, wenn man sich gelegentlich mal zu diesen Themen äußert: Schon aus familiären Gründen liegt mir die Situation in Russland und in der Ukraine viele näher als Israel. Auch mit den Ereignissen in Georgien, die in deutschen Medien weitgehend ignoriert werden, beschäftige ich mich intensiv. Um die Nahostfrage und das Antisemitismus-Thema komme ich aber nicht herum. Der Konflikt findet nicht (nur) Tausende Kilometer entfernt statt, sondern hier in der Gesellschaft. Viele zionistische Propagandisten sind in sogenannten Sozialen Medien hyperaktiv, posten täglich mehrere Beiträge. Ihnen wird keine Obsession vorgeworfen, nur den Kritikern.
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Sich aussprechen

Gestern abend war ich zu einer Veranstaltung in der Chemnitzer Unibibliothek mit Thomas Feist, dem Beauftragten der sächsischen Regierung für Jüdisches Leben in Sachsen. Der Gast begann seinen Vortrag damit, sich zu wundern, dass es keine Proteste gegen die Diskussion gäbe. Moderator Vladimir Shikmann wies darauf hin, dass es eine Technische Universität sei.

Dass ich von der Veranstaltung erwartet hatte, etwas mehr über das einladende neue Komitee gegen Antisemitismus unter dem Dach der Jüdischen Gemeinde zu erfahren, war mein Fehler. Dazu wurde nichts gesagt. Aber zu Zielen und Methoden dieser Shikmann-Kogan-Gruppe, die sich nun für politische Zwecke in einer religiösen Organisation institutionalisiert hat, weiß ich ja sowieso seit einem reichlichen Jahr Bescheid: Ausgrenzen, Canceln, Diffamieren. Schön zu hören von Herrn Feist, dass er zu Beginn sagt, Grundlage für Diskussionen sei, sich zuzuhören und aussprechen zu lassen.

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Unter Extremisten

Ich habe es gestern riskiert, zu einer Veranstaltung zu gehen, deren Organisatorin als Mitglied einer „gesichert extremistischen“ Vereinigung verschrien ist. Die Person ist Nirit Sommerfeld, israelisch-deutsche Jüdin, Enkelin eines Holocaustopfers. Die Vereinigung heißt „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“. Da ist sie allerdings kein Mitglied mehr.

Macht nichts. Trotzdem hat im Vorfeld eine sich Deutungshoheit anmaßende Chemnitzer Pressure Group massiven Druck auf die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen ausgeübt, die eine Förderung der Gesprächsreihe „Gespräche auf dem Goldenen Sofa“ von reichlich 14.000 Euro zugesagt hatte. Die Stifung war glücklich, einen Verfahrensfehler gefunden zu haben, um die Rücknahme der Förderung nicht politisch begründen zu müssen.

Erster Gast war die aus Österreich stammende, schon lange in Berlin lebende Historikerin (Fotschungsschwerpunkt Holocaust) und Schriftstellerin Eva Menasse. „Es sind immer sehr wenige, die einen Shitstorm entfachen“, sagte sie zu Anfang. Der Brandbrief, den die Gruppierung aber an diverse Institutionen verschickt hatte von Zentralrat der Juden bis Kriminalpräventiver Rat (!), trug immerhin rund 100 Unterschriften, allerdings deutschlandweit eingesammelt. Zu der Veranstaltung im Café Julius im Archäologiemuseum smac, betrieben von Sommerfeld und benannt nach ihrem in Sachsenhausen ermordeten Großvater, kamen aber ungefähr gleich viele Chemnitzer. Ein Streisand-Effekt wegen der vorherigen Aufregung? Wohl eher echtes Interesse und ein Bedürfnis nach Gesprächen über solche Themen wie jüdische Diversität und Missbrauch des Antisemitismus-Vorwurfs. Ich war als Privatperson da, habe Eintritt bezahlt, schreibe hier nicht als Journalist.

In jeder Elternversammlung gäbe es 30 normale Menschen und vier Irre, so Menasse. Es muss auch blöde Juden geben, hätte ihr Großvater gern gesagt. Sie beobachte seit ungefähr 2017 die Tendenz, dass in Deutschland israelkritische Haltungen stigmatisiert würden und Organe des israelischen Staates, darunter der Botschafter, eine aktive Rolle dabei spielen. Die Akteure würden vermutlich glauben, die Welt zu verbessern. Doch: Die Verbesserung der Welt beginnt nicht da, wo man Leute vom Reden abhalten will.

Welche weiteren extremistischen Äußerungen gab es in den anderthalb Stunden? Die BDS-Bewegung wurde als ein legitimes Mittel bezeichnet, Israel unter Druck zu setzen. Es sei ein „Kampf mit dem Verstand“ statt mit Steinen oder Attentaten wie in den ersten beiden Intifadas. Und die gegenwärtige israelische Regierung wurde als faschistisch bezeichnet, dafür dann auch Argumente gebracht.

Auf Nachfrage aus dem Publikum, was sie denn zum Massaker vom 7. Oktober 2023 sagen, antworteten sowohl Menasse als auch Sommerfeld, dass es ein Schock war. Sie möchten das aber nicht immer wieder jeglicher Kritik an der Politik der israelischen Regierung voranstellen müssen.

Die Veranstaltung fand ohne Förderung statt, so wie die nächsten der Reihe. Neun Gespräche sind geplant. Schön zu sehen, dass Sabine Wolfram, Direktorin des smac und Chefin des Tacheles-Jahres, den Veranstaltern den Rücken stärkt, ebenso wie Chris Münster vom Verein Tage der jüdischen Kultur. Er wird übrigens zum Sündenbock wegen des Verfahrensfehlers der Kulturstiftung gemacht.

Alles gut? Überhaupt nicht. Die Kampagne reiht sich ein in die Weimerschen Verhältnisse mit dem Canceln von Preisträgern, Druck auf die Biennale und so weiter. Es wird ein Klima der Einschüchterung geschaffen. Und wo Selbstzensur nicht greift, ist der Übergang zur echten Zensur schon in Sichtweite.

Warum es vor allem Künstler sind, die dagegen aufbegehren, stellte Eva Menasse eine eher rhetorische Frage. Weil sie eben nicht in Verhältnissen stehen, wo es arbeitsrechtliche Konsequenzen haben kann, wenn etwas gesagt wird, das von offizieller Seite stigmatisiert ist.

Stimmt, darum werde ich zur nächsten Veranstaltung in zwei Wochen mit Fanny-Michaela Reisin wieder als Privatperson gehen.

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Zur Trittrichtung

Keine Ahnung, wer den albernen Slogan erfunden hat, Satire dürfe sich nur an den Mächtigen abarbeiten. Aber von woken Nachplapperern wird er eifrig weiterverbreitet.

Schon Diogenes, der Kyniker in der Tonne, spottete über seine Mitmenschen, die dem Leistungszwang huldigten. Till Eulenspiegel verstreute die Schuhe der all zu leicht Verführbaren, Kästner machte sich über die „sogenannten Klassefrauen“ lustig, und so weiter.

Nein ich will nicht nur über die Windbeutel da oben ätzen, auch über den Nazi von Nebenan, den urbanen SUV-Fahrer, den Naidoo-Fan. Und die woken Nachplapperer.

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Blut in der Milch

Nirit Sommerfeld, israelische Jüdin und Enkelin eines Holcaust-Opfers, hat mit über 60 ihren ersten Roman geschrieben. Zu einer Versöhnung mit radikalen Zionisten wird er vermutlich nicht beitragen.

„Beduinenmilch“ heißt der Roman. Der Titel ist einer der wenigen Kritikpunkte am Buch für mich. Abgesehen davon, dass man erst kurz vor dem Ende den Zusammenhang erfährt, ist er mir zu sentimental bezüglich so gar nicht sentimentalen Handlung.

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Im Trockendock

Als Christoph Heins „Das Narrenschiff“ zur Leipziger Buchmesse dieses Jahres präsentiert wurde, bekam es jede Menge Lob in diversen Medien. Ich habe nun meine Kur genutzt, die 750 Seiten zu lesen.

Als Panorama der DDR-Zeit und so ähnlich wird das Buch gepriesen. Das ist es durchaus. Die Handlung beginnt im Mai 1945 und endet in den frühen 1990er Jahren. Hein erzählt die Geschichte dieses Staates, doch er erzählt nicht wirklich. Er berichtet.

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Ein farbloses Chamäleon

Keine Literaturkritik, nur ein subjektives Urteil zu einem Roman mit brennend aktuellen Thema.

Der Plattform „Perlentaucher“ als einem für mich sehr seriösem Medium vertrauend, habe ich mir nach einer positiven Rezension ebenda das Buch „Chamäleon“ von Yishai Sarid gekauft, nun auch mit etwas Verzögerung gelesen.

Anlass dafür war vor allem das in der Rezension beschriebene Thema. Ein Journalist, Shai Tamus, verkauft sich in der Krise seiner Karriere an die andere politische Seite. Schon diese Darstellung in besagter Rezension stimmt nicht. Er hat schon sukzessive die Seite vom scharfzüngigen linken Kritiker hin ins Lager der rechtslastigen Regierung Netanjahu, der im Buch im Unterschied zu anderen Politikern nicht beim Namen genannt wird, gewechselt. Es ist es kein Strohhalm, sondern ein Einfallstor, als er von einem Fernsehsender, nur als „Channel“ bezeichnet, die Chance bekommt, als geläuterter Ex-Linker täglich in einer Talkrunde seine immer radikaleren Meinungen von sich zu geben. Er muss sich nicht mehr verbiegen, nur noch gegenüber Frau und Kindern halbherzig rechtfertigen.

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Auf der anderen Seite

Ich habe mich mit Meinungsäußerungen zum Nahostkonflikt seit vielen Monaten völlig zurückgehalten. Postet man da auch nur zwei Mal im Jahr etwas, was nicht ganz der Netanjahu-Linie entspricht, gilt es schon als „Obsession“.

Wenn ich mich aber als Journalist angegriffen fühle, muss ich doch mal was sagen. Auf einem FB-Profil, ich möchte keinen Namen nennen, wurden kurz nacheinander Beiträge gepostet, die dem entsprechen.

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