Der lange Sommer

Sie wollen nur Musik machen. Mehr Mainstream-Rock als Punk, wie sie es bezeichnen. Kräftige, aber alles im allem brave Musik. Ihre Idole sind David Bowie, Blondie, Lou Reed.

Mike (vermutlich heißt er Michail) ist mit seiner Band im Leningrad der frühen Achtziger schon einigermaßen bekannt, als er Vikor Tsoi trifft. Den gab es wirklich, er wurde bald zu einer Underground-Größe. Es ist die lähmende Endphase der Ära Breshnew, die Uhr scheint still zu stehen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter film | Hinterlasse einen Kommentar

Der verschwimmende Schatten der Identität

Die libanesische Malerin und Schriftstellerin Etel Adnan wuchs als Tochter einer Griechin und eines Offiziers der osmanischen Armee mit Griechisch und Türkisch als Muttersprachen in einer arabisch-französisch geprägten Umfeld auf. Doch zum ersten Mal, so berichtet sie in einem Artikel der Zeitschrift Lettre International, sei sie während des Studiums in den USA gefragt worden, wie sie sich denn selbst definiere. Nach der ersten Überraschung, so berichtet die geborene Kosmopolitin, habe sie sich dann aber durchaus wohl damit gefühlt, einer bestimmten Gruppierung zuzugehören.

Identisch, so lernt man im Matheunterricht, nennt man es, wenn zwei oder mehr Dinge deckungsgleich sind, ununterscheidbar. Für Menschen scheint das schwer anwendbar zu sein. Selbst eineiige Zwillinge sind nicht absolut gleich. Dennoch hat der Begriff Identität gerade Hochkonjunktur in der politischen Debatte. Die Identitäre Bewegung ist nur ein besonders auffälliger Ausdruck dessen. Seit Beginn des Jahrhunderts ist in Frankreich die Génération identitaire aktiv, seit 2012 hat sie in Österreich, seit 2014 in Deutschland Ableger. Die deutsche IB wird vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft und beobachtet. In Halle betreibt sie nahe des Steintor-Campus der Uni eine Art inoffizielles Hauptquartier. Weiterlesen

Veröffentlicht unter kulturpolitik, politik | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Eine legitime Entscheidung

Die in der Spinnerei ansässige Galerie Kleindienst trennt sich von einem Künstler, dessen politische Meinungen sie nicht teilen kann – Axel Krause. In den Medien gibt es einen Aufschrei. Nicht nur in Springerblättern wie Die Welt, sondern auch im MDR, der den ZEIT-Redakteur Hanno Rauterbach dazu interviewt hat. Andere springen gierig auf den Zug auf, so Erika Steinbach oder das rechtsextreme Portal Achse des Guten. Und deren Anhänger sind dann selbstverständlich mit „Zensur“ und „Gestapo“ schnell bei der Hand.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter kulturpolitik, kunst, leipzig | 4 Kommentare

Nach wie vorgeschrieben

Eine Bitte um Rezension lag der mit Buntstiften beschrifteten Postsendung nicht bei. Dennoch spürt man die Sehnsucht des Verlegers nach einer solchen. Aber wie das so ist mit Gefälligkeitskritiken ….   Man kennt Autorin oder Autor, findet sie sympathisch oder ist gar befreundet. Wie verpackt man dann die Dinge, die einem nicht so ganz gefallen?

Hans Brinkmanns neuester Gedichtband „Die Unheit“ steckte im Umschlag des Eichenspinner Verlages. Zum Glück habe ich nachgesehen, was ich zum vorherigen Buch Brinkmanns geschrieben habe. Sonst wäre vielleicht ein annähernd identischer Text entstanden. Ist ein Schriftsteller zufrieden, wenn man die Rezension in zwei Worten zusammenfasst? Gewohnt gut, könnten diese lauten. Wahrscheinlich findet er es nicht all zu schmeichelhaft. Weiterlesen

Veröffentlicht unter kritik | Hinterlasse einen Kommentar

Warum ausgerechnet Europa?

Der Text ist eine Fortsetzung meiner sporadischen Untersuchungen zum Begriff der Moderne. Vorhergehende Artikel, ohne die dieser stellenweise schwer zu verstehen ist, lassen sich unter der Kategorie „Tagebuch der Moderne“ finden.

Der chinesische Admiral und Eunuch Zheng He leitete von 1405 bis 1433, also fast ein Jahrhundert vor den großen “Entdeckern” wie Kolumbus, Diaz oder da Gama, im Auftrag der Ming-Kaiser sieben große Seereisen. Die Flotten bestanden aus bis zu 62 Schiffen (Kolumbus hatte vier bei der ersten Reise) mit bis zu 20.000 Mann Besatzung. Die größten der Dschunken übertrafen die europäischen Schiffe dieser Zeit um ein Vielfaches. Auf dem Deck wurde sogar Gemüse angebaut, so dass das Problem Skorbut nicht aufkam. Für die Navigation wurden u.a. Kompasse verwendet, eine chinesische Erfindung.

Die Liste der Innovationen, mit denen das “Reich der Mitte” Europa um Jahrhunderte voraus war, ist lang. Schießpulver und damit Feuerwaffen, Papier, Porzellan, Druck mit beweglichen Lettern, Schleusensysteme für schiffbare Kanäle etc. Manchen rechtsradikalen “Theoretikern” ist es bis heute nicht peinlich zu behaupten, die europäische Überlegenheit beruhe auf einem höheren Intellekt der “weißen Rasse”. Weiterlesen

Veröffentlicht unter tagebuch der moderne | Hinterlasse einen Kommentar

Managementfehler in der Denkfabrik

Dass das Cover in Schwarzrotgold gehalten ist, überrascht nicht sonderlich. Das D im Titel “Recherche D” steht aber nicht für Deutschland, sondern für Dresden, Sitz der rechten “Denkfabrik für Wirtschaftskultur”. Auf der Rückseite stehen Floskeln ohne Gebrauchswert. “Inhalte statt Marketing” etwa, oder “Gemeinschaft statt Anonymität”.
Warum aber braucht es ein straff rechtes Wirtschaftsmagazin? Dass es bei den “Patrioten” Nachholebedarf in Sachen Wirtschaftspolitik gibt, mag stimmen. “Deshalb werden wir uns publizistisch, politisch und in beratender Funktion für die Bewahrung des historisch Gewachsenen und die Erarbeitung von theoretischen und praktischen Alternativen zum Globalismus einsetzen.” Schon in diesem Satz steckt ein fundamentaler Widerspruch. Auch der Globalismus ist etwas “historisch Gewachsenes”, und das nicht erst in den letzten zwanzig Jahren. Im Editorial schiebt Chefredakteur Felix Menzel, auch als Chef der “Blauen Narzisse” bekannt, konkretere Ansprüche nach: “Wir wollen damit ökologischer als die Grünen sein, sozialer als die SPD, konservativer als die CDU, freiheitlicher als die FDP und alternativer als die AfD.” Nur linker als Sahra Wagenknecht will er nicht sein. Das beruhigt ein kleines bisschen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter politik | Verschlagwortet mit | 11 Kommentare

Völlig rücksichtslos

Mein Vorhaben, bis zum 20. März Nietzsches Also sprach Zarathustra zu lesen, ist kläglich gescheitert. Immerhin bin ich bis zum hübschen Zitat „Wer einen Stern gebären will, muss noch etwas Chaos in sich tragen“ gekommen. Das musste als Vorbereitung und Leitlinie für das gestrige Laibach-Konzert im Täubchenthal reichen. Zuvor hatte ich noch die Ehre, den Autor Alexander Pehlemann persönlich kennenzulernen.

Vor zwei Jahren habe ich sie zum ersten Mal im Haus Auensee gesehen und gehört. Damals war ihr Albung Spectre aktuell und ihre skurrile Nordkorea-Reise war gerade passiert. Spectre fand ich für die Maßstäbe der Band ungewöhnlich gefällig. Es Pop zu nennen wäre eine Übertreibung, aber es ist doch ziemlich viel an den Kanten gefeilt worden. Trotzdem war das Konzert mit seiner Wucht des Sounds überwältigend. Weiterlesen

Veröffentlicht unter noise + voice | Hinterlasse einen Kommentar

Denkbare Bewegungsrichtungen der Mundwinkel

Die Möglichkeitsform heißt in der Grammatik Konjunktiv, haben alle mal gelernt, die nicht ausgerechnet an diesem Schultag mit Darmgrippe im Bett lagen. Viele Möglichkeiten zu Lächeln verspricht Udo Tiffert im Titel seines neuen Gedichtbandes, welcher im Eigenverlag der Veröffentlichung ausgewählter Lyrik in der berühmten Serie „Poesiealbum“ folgt.

Welche Möglichkeiten des Lächelns fallen einem auf Anhieb ein – das seelige, verträumte, ungläubige, schüchterne, entspannte, ängstliche … Wenn man Udo Tiffert auf der Bühne erlebt hat, weiß man, dass eher das laute Lachen seine Sache ist. Beim Publikum zumindest, er behält bei seinen trockenen Pointen eher ein unbewegtes Gesicht, damit den Effekt noch verstärkend. Weiterlesen

Veröffentlicht unter kritik, literatur | Hinterlasse einen Kommentar

Weiter diskutieren?

„Naja, ich würde ja gern weiter diskutieren […]“ schreibt mir Christian W. Lech, nachdem er zuvor eine Anzeige gegen mich angedroht hat. Und dann „Die Verniedlichungen nehme ich in aller Form zurück. Das war wirklich Quatsch.“ Immerhin. Die Rücknahme nehme ich gern an. Über die Verdächtigungen, Kritik an israelischer Politik sei per se Legida-mäßig höre ich noch nichts. Schon in einer vorherigen Auseinandersetzung habe ich darauf hingewiesen, dass die rechtsradikale Website PI-News bis zum kürzlichen Relaunch im Kopf stehen hatte „proisraelisch“ und „proamerikanisch“. Das Klischee, dass heutige deutsche Rechte durchweg antisemitsch seien, stimmt nicht mehr. Für die echten Dumpfbacken der Freien Kameradschaften mag es noch zutreffen. Einige „Neue Rechte“ argumentieren heute aber so, dass Israel als einziges Land konsequent gegen den Islam(ismus) kämpfe, damit Verbündeter sei.

Weiter diskutieren? Klingt interessant. Worüber? Vorab muss ich sagen, dass ich  antiisraelische und antiamerikanische Demonstrationen ebenso kategorisch ablehne wie Boykottaufrufe für israelische Waren. Für mich wäre Grundlage einer Diskussion, darüber zu reden, welche Lösungsvorschläge es denn für die Zukunft der Palästinenser gibt. Weder von der israelischen noch der US-amerikanischen Regierung noch den deutschen krititikfernen Israel-Freunden ist dazu etwas Ernstzunehmendes zu hören. Das wäre aber ein Diskussionsgrundlage. Ich persönlich meine, dass nur noch eine Ein-Staaten-Lösung umsetzbar ist. Dann müsste Israel allerdings beweisen, wie demokratisch es wirklich ist. Denn die Möglichkeit einer nichtjüdischen Bevölkerungsmehrheit und damit einer Koaltionsregierung arabischer und jüdischer Parteien (hoffentlich auf beiden Seite liberale) ist nicht auszuschließen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter politik | Hinterlasse einen Kommentar

Warum ich Christian W. Lech jetzt „entfreunde“ – eine Grundsatzentscheidung

Schon vor einem Jahr schlug ich vor, den Begriff „entfreunden“ als Unwort des Jahres zu wählen. Erfolglos. Ich weiß nicht, seit wann Christian W. Lech mein „Freund“ auf Facebook ist. Ich kenne ihn persönlich überhaupt nicht, kann also die Anfrage nicht veranlasst haben. Habe dann wohl einfach auf auf Bestätigen gedrückt, weil eine ausreichende Anzahl meiner sogennannten FB-Freunde auch seine sind.

Seitdem gab es schon einige Male Zoff, weil Christian W. Lech sich als radikaler Antisemitenjäger erweist, auch unter dem Namen „Antideutsche“ bekannt. dass er wohl auch SPD-Anhänger oder gar Mitglied ist, spielt hingegen keine Rolle.

Nun muss ich zwischen zwei Sachverhalten unterscheiden. Erstens seine politische Haltung. Zweitens seine Art der Argumentation. Weiterlesen

Veröffentlicht unter politik | 2 Kommentare