Die Brille ohne Gläser und Rahmen

Eine Kritik der „Kritik der Mitte“ von Tobias Prüwer

Ich kenne Tobias Prüwer vor allem als Journalisten und zeitweiligen Chefredakteur des Leipziger Stadtmagazins Kreuzer, aber auch durch seine ziemlich intensiven Aktivitäten auf Social Media-Kanälen. Bei einer schon im Titel so bezeichneten Kritik der Mitte musste ich auch dieser Kenntnis heraus annehmen, dass ein Lob der Ränder oder zumindest eines Randes eingeschlossen ist. Das passiert nicht, soviel kann ich vorab sagen.

Gleich zu Beginn sagt er bezüglich der Mitte: „Sie lässt sich erst durch die Nichtmitten, ihre Position zwischen Extremen okalisieren. Diese Negativdefinition ist ein Merkmal der Mitte. (S. 14). Dennoch nähert er sich dem Begriff von verschiedenen Seiten – historisch, geografisch, geometrisch. Die Exkurse sind umfangreich, dabei auch unterhaltsam. Wichtig ist die Bemerkung zur „Geburt der Gegenwart“ im 17. Jahrhundert, als das Bewusstsein für historische Prozesse zu einer Empfindsamkeit für die Mitte zwischen Vergangenem und Künftigen führte. Von hier an machte man Zukunftspläne, man wurde nicht mehr vom dräuenden Kommenden erstickt, sondern fühlte eine Freiheit im Entwerfen. (S. 26)

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Kurzbesuch in Nova Gorica

Der Urlaub war nicht durchgeplant. Erst mal ein Aufenthalt in Slowenien. Da es schon während er ersten Woche zwei Tage heftig geregnet hatte, und die Prognose für die nächste Woche auch nicht so gut aussah, entschieden wir uns zur Weiterreise nach Italien. Eigentlich hatten wir ab dem 11. September in Chioggia gebucht. Am nächsten Tag kam eine Mail, dass erst ab dem 12. frei ist. Darum haben wir einen Zwischenstopp gesucht und dabei Gorizia gewählt, ein nicht all zu tolles Appartement gebucht.

Im vorigen Jahr hatte ich Sendi Mango von der Künstlergruppe Bridaaus Nova Goca zwar nicht persönlich kennengelernt, aber einen Artikel über ihren Aufenthalt in Chemnitz für die FP geschrieben, der gut ankam. Wie Chemnitz ist die Stadt 2025 ECoC, also European Capital of Culture. Als ich auf Facebook postete, dass wir in Slowenien sind, kam von Sendi gleich eine Einladung zum Kaffee. Ich schrieb ihr, dass wir zum Zwischenstopp in Gorizia sind. Wir sollen doch bei ihnen kurz vorbeikommen. Das heißt, in Sempas, einem Dorf etwa zehn Kilometer östlich von Nova Gorica. Mit etwas Mühe fanden wir das Anwesen. Ein sehr schönes Haus, dass Jurij, Sendis Mann, geerbt hat. Eltern und Schwester leben nebenan in einem Neubau. In dem Haus bringen sie auch Künstler bei Residenzen unter, vermieten zwischendurch über AirBnb. Nach dem Begrüßungskaffee entschieden wir uns zum Mittagessen in der Dorfkneipe namens Olga. So heißt die Großmutter des heutigen Betreibers. Es gab regionale Küche. Bei (meiner) Olga Forelle, bei mir gefülltes Schnitzel nach Ljubljanaer Art. Gut und preiswert.

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Dieser 24. Februar

Dieser 24. Februar begann dramatisch. Ich war in Berlin, um meine Enkelin zu betreuen. Es war ein Donnerstag. Buchtag in der Kita. Am Abend hatten wir schon das Buch ausgesucht, das sie beim morgendlichen Gesprächskreis vorstellen möchte, und im Korridor bereit gelegt. Dort lag es auch noch, als wir uns der Kita näherten und ich die Fehlstelle bemerkte. Mea culpa. Als ich es Nala gestand, war sie verzweifelt. „Kein Buch! Nein, ich gehe nicht in die Kita!“ Musste sie aber, meine Rückfahrt nach Leipzig ließ sich nicht verschieben.

Auf der Fahrt zum Hauptbahnhof hatte ich endlich Zeit, in die Nachrichten zu schauen. Russland hat die Ukraine überfallen, ist von drei Seiten einmarschiert. Horror.

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Sehnsucht nach den Neunzigern

Auf der Suche nach einem Buch fielen mir vor Kurzem mehrere Bände über Grafidesign in den 1990er Jahren in die Hände: Neville Brody, David Carson, Why not? Beim Blättern kommen nostalgische Gefühle auf. Diese fröhliche Anarchie. Dieses postmoderne „Anything goes“, das sich in der Architektur zu dieser Zeit schon überlebt hatte. Die Möglichkeiten früher Bildbearbeitungs-, Grafik- und Satzprogramme wurden bis an die Grenzen getrieben. Gesetze von Gestaltung und Typografie galten nicht mehr, bis hin zur Unlesbarkeit.

Von der Zeitschrift „Lowdown“ habe ich etliche Exemplare trotz prekärer finanzieller Situation gekauft und immer noch im Regal stehen, obwohl mich die Kernthemen Hip Hop und Skaten gar nicht interessieren. Allein die Frechheit des Layouts hat mich fasziniert.

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Return to Sender

Als am 24. Februar Russland brutal die Ukraine überfiel, gab es eine sehr breite Solidarität in der deutschen Bevölkerung. Nicht ganz flächendeckend. Neonazi Martin Kohlmann, Chef der „Freien Sachsen“ begrüßte die Aggression in der Hoffnung, Putin möge später bei der ihm angestrebten Abspaltung Sachsens von der Bundesrepublik und Europa helfen. Und genauso durchgeknallte Linksextreme (ich will jetzt nichts von Hufeisen hören) wie Wagenknecht oder Dagdelen spielten bereitwillig die Rolle der Putintrolle.

Ich muss zwei eigene Irrtümer eingestehen. Bis zum 23. Februar glaubte auch ich, dass Putin zwar den Donbass annektieren wird, aber habe es nicht für möglich gehalten, dass er ohne auch nur einen Anlass zu konstruieren, das ganze Land von drei Seiten überfällt. Der zweite Irrtum (da bin ich aber mit vielen „Experten“ im gleichen Boot) war, dass er es nach dieser Brutalität schaffen könnte, die Ukraine schnell zu überrollen und einen Marionettenstaat zu konstruieren.

Das ist nicht passiert. Seine Strategie ist gescheitert. Daran mögen interne Fehler und Irrtümer mit schuld sein. Vor allem aber liegt es aber am energischen Widerstand nicht nur der ukrainischen Armee, sondern einer großen Mehrheit der Bevölkerung, sogar der russischstämmigen.

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Kein Russensoul mehr

Seit mindestens 15 Jahren habe ich eine CD namens Russensoul. Die mochte ich mal. Habe vor kurzem reingehört, und kann jetzt das fröhliche Geträller nicht ertragen. Mit einer Ausnahme. Der erste Song auf der CD „Ja Soldat“ (Ich bin Soldat). Der ist allerdings von einer ukrainischen Band namens 5Nizza (also Freitag) und in seinem Sarkasmus so weitsichtig. „Ich bin ein Held, sagt mir aus welchem Roman …“

Bischen seltsam ist es schon, dass ich ausgerechnet jetzt, während des brutalen Angriffs- und Vernichtungskrieges gegen die Ukraine plötzlich interessante russische Brands jenseits des Russensoul entdecke. Es fing an mit Shortparis aus St. Petersburg. Deren Song „Apfelgarten“, den sie gemeinsam mit einem Veteranenchor singen, hat es sogar schon in die Kulturzeit von 3Sat geschafft. Starke Musik, großartiges Video. Ich habe auch andere Songs der Band gehört. Auch gut, aber dieser ist so aktuell.

Weiter ging es mit EY3SPEAK, auf die durch einen Artikel in Die Zeit aufmerksam wurde. Eigentlich Gruftimusik, sehr düster. Aber auch politisch. „Dead but Pretty“ ist der aktuelle Song. Das Duo soll in der Provinz untergetaucht sein.

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Für den Frieden demonstrieren? Gern, aber …

Seit Wochen ist der angebliche Ukraine-Konflikt (worin besteht der eigentlich?) Hauptthema der Außenpolitik und zweitwichtigstes Thema der Medien nach Corona, knapp vor Olympia, Fußball und Diätratgebern.

Wir sind wieder nach Berlin gefahren. Um den dritten Geburtstag der Enkelin zu feiern. Nachdem sie ins Bett gebracht wurde, kam es eben zur Diskussion mit differenzierten Haltungen. Meine Frau ist Russin, bezeichnet Putin klar als Diktator, hat aber zur Ukraine eine etwas andere Haltung als ich. Die Tochter hat dort direkte Verwandschaft, macht sich große Sorgen. Nicht nur um diese Leute, auch um ihre kleine Tochter. Sie denkt darüber nach – angesichts Bidens Getöse von einem neuen Weltkrieg – wohin man denn schnellstmöglich ein Flugticket buchen könnte.

Gestern kam es zur familieninternen Diskussion, warum es denn keine Großdemonstrationen gegen den drohenden Krieg gibt. Wir sind doch vor fast genau 19 Jahren extra nach Berlin gefahren, um mit mindestens einer halben Millionen Menschen gegen den Einmarsch in den Irak zu demonstrieren. Der konnte zwar nicht verhindert werden, aber zuminderst die nicht direkte Beteiligung Deutschlands könnte man als Erfolg werten. Warum gehen wir heute nicht auf die Straße?

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Im unangenehmen Windhauch der Gebetsmühle

Es ist einige Jahre her, als ich von der LVZ gebeten wurde, eine Ausstellung zweier jüdischer Künstler im Archiv Massiv der Spinnerei Leipzig zu rezensieren, die im Rahmen der Tage jüdischer Kultur stattfand. Ich bin hingefahren und fand die Bilder sehr banal, eigentlich keiner Besprechung wert. Den Artikel habe ich trotzdem geschrieben, dabei vorsichtig versucht, mein Unbehagen auszudrücken. Am nächsten Tag klingelte das Telefon. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde ruft an. Was tun? Auflegen und mich tot stellen? Hab ich nicht getan. Er sagte sinngemäß (habe keine Aufzeichnung): „Ich finde es gut, dass Sie die Ausstellung kritisieren. Man muss nicht alles toll finden, nur weil es als jüdisch bezeichnet wird.“ Noch mal gut gegangen. Aber der Fakt, dass ich darüber nachdenken muss, ob ich Künstler kritisieren darf, die als Juden bezeichnet werden, zeigt doch, dass in der ganzen Debatte um den Antisemitismus einiges schief läuft.

In einem Artikel für Die Zeit vom 27. Januar bezeichnet Eva Menasse die Antisemitismus-Jagd als Religion. Das empfinde ich auch so. Ein Glaubenskrieg, unempfänglich für Argumente. Das hat etwas von Exorzismus an sich. Das reiht sich ein in die Politik der Links-Identitären, ist darin aber ein Sonderfall.

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Clauss Dietel ist gestorben

Ende September war ich bei Clauss Dietel (an den reaktivierten anderen Vornamen habe ich mich nie so richtig gewöhnen können). Es war freundliches Wetter. Zuerst saßen wir im Garten, Maria, seine so freundliche Frau, kam dazu. Dann zogen wir ins Atelier um. Tee und Kekse gehörten zum üblichen Angebot für Gäste. Schon seit Mai, als ich den Job bei der Freien Presse in Chemnitz angetreten hatte, wollte ich ihn besuchen. Das endliche Treffen war schließlich auch aus einem beruflichen Anlass erwachsen. Ich bat ihn um ein persönliches Statement zu 50 Jahre Marx-Monument, was er auf seine eigenwillige Art dann auch machte. Er erzählte mir, dass er wegen seines chronischen Asthmas gerade drei Wochen auf einer Nordseeinsel war und sich da gelangweilt habe. Einen kranken Eindruck machte er aber nicht.

Anfang Dezember rief er mich an. Nichts Dringendes. Er wollte mit mir über einige meiner Artikel sprechen. Ich stand aber gerade im Bahnhof, der Zug nach Leipzig fuhr ein. Er versprach, in den nächsten Tagen noch mal anzurufen. Er hat es nicht gemacht. Ich habe nicht zurück gerufen. Schade. Jetzt ist es zu spät.

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Ein Türsteher namens Ludwig

Mit der Umbettung von Max Klingers berühmter Beethoven-Skulptur setzt der neue MdbK-Direktor Weppelmann einen ersten Akzent.

Nein, er steht nicht. Den grimmigen Gesichtsausdruck und die geballten Fäuste hat er aber mit den muskulösen Herren vor dem Berghain oder anderen Clubs gemein. Max Klingers Beethoven von 1902 gehört zu den bekanntesten Exponaten des Museums für bildende Künste Leipzig. Seit Kurzem hat die Skulptur einen neuen Standort in der Eingangshalle, wo die Besucher nach Bewältigung der übergroßen Türen dem Kassenraum zustreben. Jahrelang stand hier der Maskenmann Wolfgang Mattheuers, zeitweilig auch ein Flüchtlingsauto Manaf Halbounis.

(Fast-)Stillleben mit Desinfektionsspender.

Nun also Beethoven, eine Preziose des Museums. Als 2004 der vom Berliner Büro Hufnagel Pütz Rafaelian entworfene, nicht ganz einfach zu bespielende Neubau des Museums bezogen wurde, war für Klinger ein besonderer Raum eingerichtet worden mit erhöhter Deckenlast, weil der Beethoven mit seinen reichlich sechs Tonnen ein schwerer Brocken ist. Im vorigen Jahr konnte man ihn dort noch in der großen Hommage an das Leipziger Multitalent Klinger sehen, bevor er nach Bonn zur Fortsetzung der Ausstellung ausgeliehen wurde. Die Demontage und Montage der acht Teile aus verschiedenen Materialien ist immer eine logistische Meisterleistung. Nach der Rückkehr aus Beethovens Geburtsstadt musste er zumindest nicht mehr Fahrstuhl fahren.

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