Neun erstaunliche Wahrheiten über Leipzig

  • Im Leipziger Hauptbahnhof fahren auch Züge ab
  • Leipzig ist nicht Berlin
  • Leipzig ist kein Vorort der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz
  • Im Gewandhaus kann man keine Klamotten kaufen
  • Leipzig ist nicht Klein-Paris
  • Die Höfe am Brühl haben keine Höfe
  • Michael Fischer-Art heißt eigentlich Michael Fischer, ist kein Künstler und wohnt nicht in Leipzig
  • In der Leipziger Schule kann man kein Abitur machen
  • Der Erfinder des Begriffs Hypezig ist Hallenser
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Wörterbuch des Protests

Auf dieser Seite gab es mal eine Rubrik mit ähnlichem Namen. Die ist nun verschwunden, weil daraus ein gedrucktes Buch geworden ist. Es erscheint als Book on Demand mit der ISBN 9-783753-491936.

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Chemnitz–Leipzig und zurück

Abends gegen sieben, das Handy klingelt. Ein Redakteur der LVZ ist dran. Ob ich nicht morgen schnell einen Nachruf auf Erasmus Schröter schreiben kann. Kann ich, aber nur deshalb, weil ein Gespräch mit meinem neuen Arbeitgeber gerade abgesagt wurde. Es gibt noch Verzögerungen beim Vertrag. Also liefere ich am nächsten Tag 120 Zeilen ab, pünktlich und exakt. Wie gewohnt in den letzten zehn Jahren. Der vorletzte Text. Den letzten über Frenzy Höhne in der ODP-Galerie hatte ich selbst eingerührt.

Dass ich anfing für die LVZ zu schreiben, war eher Zufall. Ich erwähnte 2011 auf Facebook, dass ich gerade meine letzte Ausstellungsrezension für den Stadtstreicher Chemnitz abgeliefert habe. Da fragte mich Meinhard Michael, ob ich nicht auch in Leipzig mal was schreiben wolle. Gern. Ironie der Geschichte war, das Michael einige Wochen später vom damaligen Chefredakteur geschasst wurde. Das wollte ich nicht, aber ich profitierte davon.

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Die neue Inquisition

Caroline Fourest setzt sich scharf mit den linken Identitären auseinander

Sie ist Frau, lesbisch, links. Eigentlich könnte es sich die Französin Caroline Fourest bequem in der Opferrolle einrichten und rumjammern. Doch sie hat schon zu viele Idiotismen der dogmatisch-linken Identitären erlebt und über noch viel mehr sorgfältig recherchiert und legt mit Generation beleidigt eine scharfe Abrechnung mit diesen Sektiererinnen und Sektierern vor.

Gestern kämpften Minderheiten gemeinsam gegen Ungleichheiten und patriarchale Herrschaft. Heute kämpfen sie, um herauszufinden, ob der Feminismus „weiß“ oder „schwarz“ ist. Bei all diesem Differenzieren in immer kleiner Opfergrüppchen, die in den Wettbewerb miteinander treten, gerät die Frage der sozialen Ungerechtigkeit immer mehr in den Hintergrund, auch wenn gerade von Leuten, die wohl Marx nie gelesen haben, der Begriff Klassismus als neuester Scheiß in die Welt gesetzt wurde. Caroline Fourest sieht diese neue Spaltung als einen Generationenkonflikt. Kann sein, das würde aber nichts Gutes bedeuten. Bei dem Konflikt um Wolfgang Thierses Äußerungen deutet sich solche ein Kampf Alt gegen Jung aber tatsächlich an.

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Oberhalb der maschinenbetriebenen Rußstadt

Patricia Holland Moritz widmet dem Ort ihrer Kindheit und Jugend, dem Chemnitzer Stadtteil Kaßberg, einen Roman

Der Kaßberg war bis 1945 das Chemnitzer Stadtviertel der „besseren“ Schichten, ist heute wieder das beliebteste Wohngebiet der Stadt. Diese hat vor dreißig Jahren den übergestülpten Namen des aus Trier stammenden Theoretikers der Arbeiterbewegung wieder abgelegt, welcher jene Stadt „wo jeder Auswärtige sagte, er sei mal durchgefahren und sie habe eine schöne Umgebung“ nie betreten hatte. Die Schriftstellerin Patricia Holland Moritz, Jahrgang 1967, ist auf dem Kaßberg aufgewachsen, doch nur bedingt mit dieser Ulrike identisch, die zu Beginn ein unbeschwertes Kindergartenkind, zum Schluss eine dicke Teenagerin ist. Es ist ein Roman, keine Autobiografie. Und erst recht keine Dokumentation.

„Man musste etwas mitbringen, um hier leben zu können, es hier auszuhalten, ohne verrückt zu werden“, sagt die Autorin schon auf den ersten Seiten über Kaßbergen, wie der über dem Talkessel schwebende Stadtteil bei ihr heißt. Später wird aber klar, dass die Dichte an Verrückten da nicht höher war und ist als anderswo.

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280 Zeichen Poesie

Schriftsteller wie auch Nichtautoren nutzen Twitter als Experimentierfeld für literarische Miniaturen

Die ganz großen Namen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wird man allerdings kaum mit einem eigenen Twitter-Account finden. Und wenn doch, dann nur um auf Neuerscheinungen, Lesungen oder Preisverleihungen hinzuweisen. Ein Marketinginstrument, nicht mehr. Dass ein Großmeister wie Peter Handke dennoch auf Twitter opulent vertreten ist, liegt an seinem Ausspruch, mit dem er die Kritiker an der Nobelpreisvergabe abfertigen wollte: „Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes …“ Das war ein gefundenes Fressen für Häme und unzählige Abwandlungen.

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Bananen für Wuppertal, Fleischkäse für Zeitz

Die Zeichnungen des Leipziger Künstlers Sebastian Jung sind lakonisch, seine Projekte hintergründig

Zimperlich ist er nicht bei der Auswahl der Schauplätze, wo er im Stakkato Dutzende oder gar eine dreistellige Anzahl von Skizzen zeichnet. Sebastian Jung geht zu Erotik-Messen, beobachtet Trinker vor einer Imbissbude, hat sogar eine Jahreskarte für den Freizeitpark Belantis erworben. Und er war im September 2018 beim Aufmarsch Rechtsradikaler in Chemnitz ebenso dabei wie beim Massenevent der sogenannten Querdenker im November des gerade zu Ende gegangenen Jahres in Leipzig. Detailliert können solche hastig angefertigten Skizzen natürlich nicht sein. Doch das sind auch andere, ruhiger entstehende Zeichnungen nicht. Der quasi kindliche Blick hat für den Künstler eine gewisse Universalität, aber auch ein meditatives Moment. Um handwerkliche Raffinesse geht es ihm nicht.

Auch wenn er pausenlos Bilder anfertigt, muss man Sebastian Jung eher als Konzeptkünstler bezeichnen. Die Kritzeleien sind die eine Sache, nicht unwichtig. Doch sie sind zumeist eingeordnet in übergreifende Projekte zu gesellschaftlich relevanten Themen, in welche häufig auch weitere Beteiligte einbezogen werden. So entstehen dann Publikationen wie das 2019 erschienene Buch „Ostdeutsch Now“, in dem mehrere Autorinnen und Autoren wie Jörg Sundermeier, Nhi Le und Christoph Tannert ihre Sicht auf das Thema darstellen, aber auch mehrere Aktionen Jungs dokumentiert werden. Eine davon fand in Zeitz in einem ehemaligen Geschäft mit dem schönen Namen Fleischerei Merkel statt. Auf dem leeren Wursttresen liegt die deutsche Fahne mit dem Loch in der Mitte. Das herausgeschnittene Emblem des „Arbeiter- und Bauernstaates“ ist nach unten gerutscht. Mehrfach taucht das Motiv eines Fleischkäsebrötchens auf. „Meine Freunde sind nach Bayern gezogen, ich nach Sachsen“ nennt sich die Intervention, die sich mit dem Strukturwandel im Osten beschäftigt.

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Was kommt im MdbK?

Innerhalb weniger Tage sind diverse Artikel zum Amtsantritt Stefan Weppelmanns als neuem Direktor des MdbK Leipzig erschienen. Seine Direktorenschaft beginnt zu einem denkbar unglücklichen Zeitpunkt. Musste das Haus schon im letzten Frühjahr mehrere Wochen schließen, so ist es seit November wieder zu, die groß angekündigte Gursky-Ausstellung wartet auf die Eröffnung. Meist gibt man Frischlingen in der Leitung öffentlicher Einrichtungen 100 Tage Welpenschutz, bevor die Kritik einsetzt. Das kann diesmal nicht reichen. Bis Ende März wird wohl in dem Haus fast nichts passieren, was öffentliche Relevanz hat.

Ein Rückblick. Als Alfred Weidinger 2017 antrat, gab es Skepsis. Ein als Klimt-Experte geltender Österreicher in Leipzig? Auch Weppelmanns vorherige Station ist Wien, er hat sich als Kenner der Renaissance einen Namen gemacht. Das erscheint noch entlegener. Weidinger hat schon vor Amtsantritt mit Arno Rink mehrfach lange Gespräche geführt, als er dann hier war, tingelte er durch viele Ateliers und Residenzprogramme, lud etliche Leute zu sich ein. Eine große Neugier war nicht zu übersehen. Doch in der ersten Pressekonferenz legte er schon ziemlich konkrete Kernpunkte seines Programms vor, darunter die Absicht, Fotografie und Kunst von Frauen hervorzuheben. Es folgte ein Stakkato vieler kleiner, einiger großer Ausstellungen. Viele davon zeigten ganz junge Kunst, manchmal noch Studentinnen und Studenten. Auch das Digitale spielte eine Rolle.

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Plädoyer für den Schulschluss

Die Ausstellung muss warten, der sehenswerte Katalog „Antipoden? Neueste Leipziger Schule“ ist aber erschienen

Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand den Begriff Neueste Leipziger Schule in die Welt setzt. Ob die Welt ihn braucht, wäre zu prüfen. Dafür muss man unvermeidlich ein kleines bisschen in die Geschichte gehen. Wer zum ersten Mal die Bezeichnung Leipziger Schule benutzt hat, wird sich wohl nicht mehr eindeutig klären lassen. Der Kunsthändler Claus Baumann reklamiert dies für sich. An dieser Darstellung darf man zweifeln, war das Etikett doch bereits in den 1970er Jahren gebräuchlich. Von einer Neuen Leipziger Schule sprachen jedenfalls zuerst Journalisten zu Beginn der 2000er Jahre, als die Gruppierung um die Galerie Liga Aufmerksamkeit erregte. So wie man die erste Staffel nicht auf das Trio Heisig, Tübke, Mattheuer reduziert werden kann, so besteht auch die Zweitauflage nicht nur aus Rauch, Weischer, Ruckhäberle und Schnell. Und was ist mit den Malern sowie – nicht zu unterschlagen – Malerinnen der Zwischenperiode, etwa Annette Schröter?

Zwölf Malerinnen und Maler wurden nun von einem Kunsthistoriker-Team um Frank Zöllner, Experten also, ausgewählt, um eine Neueste Leipziger Schule zu etablieren. Schon seit rund sechzig Jahren gilt Leipzig als ein starker Standort der Malerei. Galt dies nach 1990 als ein zu überwindendes Zeichen tiefster Provinzialität, so war es ein reichliches Jahrzehnt später eher ein Exotenstatus. Wie Zöllner im Vorwort des Kataloges betont, wird nach dem mehrfach verkündeten Tod der Malerei heute in der ganzen Welt wieder gemalt, auch figurativ und erzählerisch.

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Der Traum des Ziegenzüchters von der Grauen Eminenz

Eine Publikation durchleuchtet Götz Kubitscheks „Institut für Staatspolitik“

Entspricht der Untertitel nicht exakt dem Vorwurf, dass alle Leute, die ein andere Meinung haben, pauschal als Nazis oder Faschisten bezeichnet werden? „Das IfS. Faschist*innen des 21. Jahrhunderts“ steht da.

Doch schon in den einführenden Abschnitten wird erklärt, wie es zu dieser Kennzeichnung kommt. Armin Mohler, der Hausheilige der Neuen Rechten in Deutschland, hat 1995 in einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung auf die Frage, ob er Faschist sei, geantwortet: „Ja, im Sinne von Primo de Rivera.“ Dieser hatte in Spanien 1923 eine Militärdiktatur errichtet. Und bezüglich der Nachfrage seiner Haltung zu Hitler sagte Mohler: „Er hat immerhin eine richtige Führung geschaffen. Die Kader, die er heranzog, hatten Stil.“

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