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	<title>Jens Kassner</title>
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	<description>Texte, Kommentare und anderes.</description>
	<pubDate>Wed, 16 May 2012 17:55:01 +0000</pubDate>
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		<title>Urheberrechtsstreit bald in 3D</title>
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		<pubDate>Wed, 16 May 2012 17:21:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Die Computerzeitschrift c´t kaufe ich mir äußert selten, nicht nur weil ich nicht weiß, wie man den Namen ausspricht. Aber ein Nerd bin ich eben nun wirklich nicht mit meinen Defiziten im naturwissenschaftlich-technischen Wissen und Denken. Zum Erwerb veranlasst hat mich bei der aktuellen Ausgabe das Titelthema zu 3D-Druckern und der vorgelagerten Digitalisierung existenter dreidimensionaler [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Computerzeitschrift <em>c´t</em> kaufe ich mir äußert selten, nicht nur weil ich nicht weiß, wie man den Namen ausspricht. Aber ein Nerd bin ich eben nun wirklich nicht mit meinen Defiziten im naturwissenschaftlich-technischen Wissen und Denken. Zum Erwerb veranlasst hat mich bei der aktuellen Ausgabe das Titelthema zu <a href="http://www.heise.de/ct/artikel/3D-Drucker-im-Aufbau-und-in-Aktion-1565069.html" target="_blank">3D-Druckern</a> und der vorgelagerten Digitalisierung existenter dreidimensionaler Objekte. Bisher kannte ich solche Geräte nur als extrem teure Spezialanfertigungen. Da steht nun, dass das günstigste Modell heute für 800 Euro zu haben ist, kaum mehr als ein ordentlicher Laptop. Und das Umwandeln des Blumenstraußes in eine Datei ist mit Smartphone und kostenloser Software machbar.</p>
<p>Nun lese ich ebenfalls heute in der Spiegel-online-Kolumne von Sascha Lobo den Artikel <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobos-kolumne-ueber-copyright-und-die-debatte-uebers-urheberrecht-a-833147.html" target="_blank"><em>Gabeln aus dem Drucker</em></a>. Er hat ganz recht mit dem Hinweis, dass der eskalierende Streit zum Urheberrecht sich heute noch um Musik, Filme, Bücher dreht, aber schon in Kürze aber materielle Produkte gleichermaßen geklaut oder eben auch legal kostenfrei heruntergeladen werden können - zumindest der Bauplan, das Material muss sich dann schon noch anschaffen. Wenn nun in diesem der Überschrift nach an einen uralten Kraftwerk-Song erinnernden Aufruf <a href="http://www.zeit.de/2012/20/Aufruf-Urheberrecht" target="_blank"><em>Wir sind die Urheber</em></a> davon die Rede ist, das Urheberrecht sei eine wichtige Errungenschaft des bürgerlichen Zeitalters, dann haben die Verfasser des Textes (viele Unterzeichner werden gar nicht wissen, was gemeint ist) irgendwie recht. Zugleich kann man das aber auch so lesen, dass mit der Unhaltbarkeit des gegenwärtigen Rechts die bürgerliche Epoche sich eben dem Ende zuneigt.</p>
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		<title>Demut bis zum Delirium - Jonathan Meese hyperventiliert im Dienst an der Sache</title>
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		<pubDate>Thu, 10 May 2012 16:58:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Die gute Nachricht zuerst: Die Manifeste Jonathan Meeses sind völlig ungeeignet, eine nennenswerte Gefolgschaft hinter sich zu scharen. Eigentlich will er das auch nicht, sieht sich doch der Trainigsjackenträger nicht als Führerpersönlichkeit und ebenso wenig als Guru, sondern nur als zutiefst demütige Ameise der Kunst.
Auf mehr als 600 Seiten breitet Meese seine Ansichten zur Diktatur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die gute Nachricht zuerst: Die Manifeste Jonathan Meeses sind völlig ungeeignet, eine nennenswerte Gefolgschaft hinter sich zu scharen. Eigentlich will er das auch nicht, sieht sich doch der Trainigsjackenträger nicht als Führerpersönlichkeit und ebenso wenig als Guru, sondern nur als zutiefst demütige Ameise der Kunst.<span id="more-1916"></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Auf mehr als 600 Seiten breitet Meese seine Ansichten zur Diktatur der Kunst aus. Eigentlich lassen sich diese Vorstellungen in wenigen Sätzen zusammenfassen: Die Diktatur der Kunst kommt unausweichlich wie ein Vulkanausbruch, wenn der Innendruck zu hoch wird. Es wird keine Diktatur von Künstlern oder sonst irgendwelchen Menschen sein, sondern eine Totalherrschaft der Sache. Kunst ist keine Kultur. Kultur ist Totritualisietes. Kreativität ist die Höchststrafe für Selbstverwirklicher. So wie im Tierreich wird die Herrschaft der menschenfreien Kunst einzig metabolisch reguliert, also durch Stoffwechsel.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Um das Endresultat seines Stoffwechsels auszubreiten, braucht Metabolist Jonathan Meese dann eben diesen respektablen Umfang eines dicken Buches. Wenn man in der editorischen Notiz liest, dass sein handschriftliches Werk bereits auf über 50.000 Seiten angewachsen ist, kann man Suhrkamp nur dankbar sein, auf eine Gesamtausgabe vorläufig verzichtet zu haben.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Mit 14 Jahren soll der 1970 in Tokyo geborene Meese nur eine Handvoll Worte, oder besser gesagt Laute, benutzt haben. Auch heute, mit über 40, ist der Wortschatz eingeschränkt. Doch die Grundregel jeder Propaganda, Slogans unendlich zu wiederholen, hat er sich verinnerlicht. Als dauerhaftes Personal seiner Fantasien hat er echte Antihelden der Geschichte von Nero und Caligula bis Stalin, Charles Bronson und Hitler – das Stofftier, das weggekuschelt werden muss – versammelt, aber auch Humungus, den Bösewicht aus dem Film „Mad Max – der Vollstrecker“, und Alex de Large, Kubriks Bandenführer in „A Clockwork Orange“. Dazu kommen bei jedem dritten Wort die Vorsilbe Erz- sowie infantile Buchstabenverschiebungen. Das ganze Panoptikum wirkt wie ein Gastspiel von Rammstein in Bayreuth. Durch die maßlose Überdosis wird der Horrorfaktor aber neutralisiert. Dem vorhersehbaren Vorwurf, sich lächerlich zu machen, wirkt Meese entgegen: „Wer nicht durch das Tal der Lächerlichkeit geht, wird niemals zur Größe finden.“ Nietzsche und Wagner hätten diesen Weg vorgelebt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Er lästert permanent über den tatsächlich albernen Hype um Selbstfindung und Selbstverwirklichung in der modernen Gesellschaft, baut aber gleichzeitig einen exzessiven Kult um sein Ego inklusive der dutzenden Über-Ichs von Dr. Meesüß bis Vietnameese auf. Die rationale Aussage dieser Übung könnte sein, dass man als Künstler heute um solch eine Inszenierung nicht herum kommt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Auf hervorragende Weise wird nämlich anhand des real existierenden Androiden Jonathan Meese vorgeführt, wie der Kunstmarkt der Gegenwart funktioniert. Eine namhafte Berliner Galerie nahm sich 1998 auf Empfehlung Daniel Richters des langhaarigen Studenten an. Nach ersten Verkaufserfolgen brach er sein Studium ab, konnte sich fortan über Studenten als „Hämorrhoiden am Arsch des Staates“ mokieren. Seitdem läuft das Geschäft zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Mit der Buchveröffentlichung, in der die nackten Texte von ihrem Kontext der Performances und Installationen entkleidet werden, kommt das Fehlen von Inhalten und Entwicklungen besonders klar zum Vorschein. Der Karriere kann das nicht schaden. Wenn ein Kunsthistoriker oder Feuilletonist seriös klingende Interpretationen liefert, so wie dies Robert Eikmeyer im Nachwort tut, wird Meese zur Feier des Tages mit seiner Mutter beim Lieblingsjapaner zu Abend essen und sich danach noch einmal „Zardoz“ ansehen. Und wenn ein Verriss erscheint ebenfalls. Denn für jeden, der in diesem Betriebssystem erst einmal eine feste Adresse hat, ist auch negative Promotion gute Promotion.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Eine Frage bleibt aber offen. Wieso erscheint diese Textauswahl ausgerechnet in der ehrwürdigen edition suhrkamp, diesem Heldensaal großer Denker der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit? Theoriehaltigkeit werden selbst die wohlwollendsten Kommentatoren aus diesem Konvolut nicht herausquetschen können. Aber auch keine Handlungsanweisungen. So bleibt zumindest der sichere Trost, dass die Meesesche Diktatur der Kunst nie zu einer Massenhysterie führen kann.</p>
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<p><em>(Erstveröffentlicht in der Leipziger Volkszeitung am 7. Mai 2012)</em></p>
<p>Nachbemerkung: Am selben Tag, als diese Rezension in der LVZ erschien, las ich eine in <a href="http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/1494.html" target="_blank"><em>Fixpoetry </em></a>von Tobias Roth zum gleichen Buch. Dort ist die Bewertung völlig anders. Unter Bezug auf eine weitere Kritik in der Süddeutschen Zeitung weist Roth zwar darauf hin, dass die naheliegende Verbindung mit Dada nicht geeignet ist, da dies ein Scheitern von Dada impliziert. Um seiner Begeistung aber Halt zu geben, findert er trotzdem genügend Argumente. Eines der untauglichsten ist die des &#8220;großartigen Ironiedetektors&#8221;. Wer also die Ironie nicht merkt, ist eben etwas unterbelichtet. Das ist eine grundsätzlich unwiderlegbare Aussage und genau deshalb für eine Kritik nicht brauchbar.</p>
<p>Ich frage mich, ob die Schreiber der positiven Rezensionen tatsächlich entzückt sind, und ob sie es überhaupt geschaft haben, das Geleier wörtlich von vorn bis hinten zu lesen. Oder ist es eben so, dass man einen Künstler, der erst einmal vom Kommerz hochgejubelt wurde, nicht mehr in Frage stellen darf ohne die Gefahr, sich selbst als Banause zu blamieren? Ist mir egal. Ich bleibe dabei: Was Meese da ausbreitet, ist gequirlte Scheiße.</p>
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		<title>Kulturen des Laberns</title>
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		<pubDate>Thu, 03 May 2012 08:09:43 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Am Sonntag konnte ich nach längerer Zeit mal wieder eine Rede zu einer Vernissage halten. In der Art Kapella Schkeuditz, einer früheren Leichenhalle, wurde die Ausstellung von Jürgen Raiber eröffnet. In meiner Chemnitzer Zeit hatten sich derartige Betätigungen gehäuft. Doch in Leipzig und Umland scheint es generell eine andere Kultur der Ausstellungseröffnung zu geben. Auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Sonntag konnte ich nach längerer Zeit mal wieder <a href="http://www.jens-kassner.de/wp-content/uploads/2012/05/raiber.doc">eine Rede</a> zu einer Vernissage halten. In der Art Kapella Schkeuditz, einer früheren Leichenhalle, wurde die Ausstellung von Jürgen Raiber eröffnet. In meiner Chemnitzer Zeit hatten sich derartige Betätigungen gehäuft. Doch in Leipzig und Umland scheint es generell eine andere Kultur der Ausstellungseröffnung zu geben. Auch namhafte Institutionen der Spinnerei schließen einfach die Tür auf - fertig. Dass da ein Kunstversteher salbungsvolle Worte an des Volk richtet, eingerahmt von klassischer oder jazziger Musik auf ein bis drei Instrumenten, das kommt ziemlich selten vor.</p>
<p><a href="http://www.jens-kassner.de/wp-content/uploads/2012/05/ausstellung_raiber.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-1914" title="ausstellung_raiber" src="http://www.jens-kassner.de/wp-content/uploads/2012/05/ausstellung_raiber-224x300.jpg" alt="" width="224" height="300" /></a></p>
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		<title>Vorwärts im Kreisverkehr</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Apr 2012 15:36:27 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Kann man so etwas als Roman bezeichnen? Zwei jugendliche  Aufschneider - Sam und Hailey - erzählen die gleiche Geschichte. Um die  Abweichungen in der Sichtweise auszukosten, sollte der Leser das Buch  nach jeder Doppelseite wenden, um in die Gegenrichtung weiterzulesen.  Jetzt ist &#8220;Only Revolutions&#8221; von Mark Z. Danielewski auf Deutsch  [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kann man so etwas als Roman bezeichnen? Zwei jugendliche  Aufschneider - Sam und Hailey - erzählen die gleiche Geschichte. Um die  Abweichungen in der Sichtweise auszukosten, sollte der Leser das Buch  nach jeder Doppelseite wenden, um in die Gegenrichtung weiterzulesen.  Jetzt ist &#8220;Only Revolutions&#8221; von Mark Z. Danielewski auf Deutsch  erschienen.<br />
<strong> </strong><span id="more-1908"></span><br />
Nach tastenden Versuchen der Lektüre kriegt man den Dreh raus. Um das  Prinzip noch zu betonen, hat das Buch  360 Seiten wie der Kreis Grade,  und es sind alle O-Buchstaben und alle Nullen andersfarbig gedruckt.<br />
Doch nicht allein die Spiegelung des Handlungsstrangs weicht vom Schema  herkömmlicher Romane ab. Auch die Sprache der treffend Canto genannten  Textblöcke von je 90 Wörtern auf einer Seite hat mehr Poesie als die  Dichtkunst manches Nobelpreisträgers: &#8220;Abadochski habe ich viel  abzufackeln. Keine Zeit zu verdackeln.&#8221; In die gedrechselten  Wortspiralen mischt sich immer wieder Alltag: &#8220;Ich komme vom Weg ab.  Abwegig. Aber ich bin der Weg, wenn ich will. Von Schweinsteiger über  Lahm zu Bombermüller.&#8221; Dank der Übersetzer Gerhard Falkner und Nora  Matocza, die zweifellos einen harten Job hatten, kommen sogar  Pittiplatsch, Ata und die Spree vor.<br />
War der Kern von Mark Z. Danielewskis erstem Roman &#8220;Das Haus - House of  Leaves&#8221; eine Horrorgeschichte, so erzählt er mit &#8220;Only Revolutions&#8221; ein  Road Movie, wie es in der amerikanischen Literatur nicht selten  vorkommt. Hailey und Sam, für immer 16, prallen bei ihrer Flucht vor  sämtlicher Norm aufeinander und können sich nicht mehr loslassen, einen  heißen Sommer lang. Ihr Auto, das in jeder Strophe einer anderen Marke  zugehört, trägt sie durch die USA, ausgerüstet mit zwölf Krügen  erbeutetem Honig. Schlägereien, Beschimpfungen, Orgien, Trips und  Besäufnisse sind Wegmarken in ihrer ziellosen Unrast. Einige Wochen  bleiben sie allerdings in St. Louis am &#8220;Mischischischi&#8221; hängen, um sich  in einer Kaschemme die Nahrung zu verdienen, deren Herkunft in der  sonstigen Story so wenig rational fassbar ist wie die von Kleidung,  Wagen, Unterkunft.<br />
Für seine sorgfältig konstruierte Saga hat sich Danielewski von Walt  Witman, dem lyrischen Gründungsvater, das beinahe biblische Pathos  ausgeliehen, von Jack Kerouac aber den Hang zum Trash. Zu diesem Gemenge  kommt ein enzyklopädischer Anspruch. Neben der Auflistung von  Automarken wird auch der gesamten amerikanischen Tier- und Pflanzenwelt  eine Rolle zugedacht. Diese Mehrfachkodierung einer reichlich späten  Postmoderne betont der 1966 geborene Autor mit ambitionierter  Typografie. Die gesamte Buchgestaltung bis hin zu den zwei verschieden  gefärbten Lesebändchen ist unverzichtbarer Bestandteil der  verschlungenen literarischen Konstruktion.<br />
Dazu gehören auch die Randspalten neben den Cantos, in denen Ereignisse  der amerikanischen und internationalen Geschichte bruchstückhaft  aufgelistet werden, durchsetzt von ebenso fragmentarischen Zitaten.  Fanclubs des Schriftstellers werden sicherlich jahrelang mit der  Dechiffrierung beschäftigt sein. In Sams Erzählung beginnt die Chronik  mit dem 22. November 1863, kurz nach Lincolns Gettysburg-Rede im  Bürgerkrieg. Hailey startet genau 100 Jahre später, dem Tag von Kennedys  Ermordung. Ab 2006, dem Jahr der Originalausgabe des Buches, bleiben  die Spalten leer.<br />
Vorbei an zertretenen Waldschnäppertyrannen und vertrocknenden Flecken  Nördlichen Storchschnabels rutscht das ewige Paar in einen eisigen  Herbst. Doch wenn sie nicht selbst gestorben sind, wird sich bei  Nachauflagen des Romans die marginale Demokratie um einige Revolutionen  weiter gedreht haben: &#8220;Alle verraten den Traum, aber wen kümmert&#8217;s? Oh  Sam, nein, ich könnte niemals von dir gehen.&#8221;</p>
<p>Mark Z. Danielewski Only Revolutions. Die Demokratie von Zweien  dargelegt &amp; chronologisch angeordnet. Aus dem amerikanischen  Englisch v. Gerhard Falkner,  Nora Matocza. Roman. Tropen Verlag; 365  Seiten, 24,95 Euro</p>
<p>Die Rezension wurde erstveröffentlicht in der Leipziger Volkszeitung vom 21. April 2012.</p>
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		<title>Rüttelscheim</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Apr 2012 15:33:50 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Grad hatt ich noch nen Leerbauch,
dann aß ich etwas Bärlauch.

Die letzte Chance bevor er blüht!
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Grad hatt ich noch nen Leerbauch,</p>
<p>dann aß ich etwas Bärlauch.</p>
<p><a href="http://www.jens-kassner.de/wp-content/uploads/2012/04/baerlauch.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-1905" title="letzte Chance bevor er blüht" src="http://www.jens-kassner.de/wp-content/uploads/2012/04/baerlauch-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a></p>
<p>Die letzte Chance bevor er blüht!</p>
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		<title>Schreibt es jetzt mit!</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Apr 2012 14:32:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[kulturpolitik]]></category>

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		<description><![CDATA[Oh Archivare des Für- und Gegenwärtigen, verplempert nicht den Moment – JETZT! - (ohne erst dreifach durchschlagende Anträge auszufertigen): dabeisein, mitschreiben, bewahren, aufheben, einsortieren.  Diese Gelegenheit kommt nicht so schnell wieder, nicht in den nächsten, sagenwirmal, 200 Jahren.
Da passiert grad was von epochalem Umwälzpotenzial. Doch vergesst nicht: Besser alles auf Papier ausgedruckt (säurefrei) aufheben. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;">Oh Archivare des Für- und Gegenwärtigen, verplempert nicht den Moment – JETZT! - (ohne erst dreifach durchschlagende Anträge auszufertigen): dabeisein, mitschreiben, bewahren, aufheben, einsortieren.  Diese Gelegenheit kommt nicht so schnell wieder, nicht in den nächsten, sagenwirmal, 200 Jahren.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Da passiert grad was von epochalem Umwälzpotenzial. Doch vergesst nicht: Besser alles auf Papier ausgedruckt (säurefrei) aufheben. Oder noch sicherer: Mikrofilm! Wer weiß schon, ob übermorgen diese Dschehpeggs, Docks und Pedeeffs noch irgendwer irgendwie dechiffrieren kann. Analog noch niemals log.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Zwar, die Zeichen der Zeit schaffens nicht in die Abendnachrichten (eure große Chance, Archivare), doch sie sind leuchtend an die Wand des allumfassenden Netzes geschrieben. Schreibt sie ab! Ein <a href="http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/pop-platten/sven-regener-urheberrecht100.html" target="_blank">Element des Verbrechens</a> zündelt lautstark im Funk. <a href="http://www.drehbuchautoren.de/nachrichten/2012/03/offener-brief-von-51-tatort-autoren-0" target="_blank">51 Undercover-Kommisare</a> pamphleten in gleiche Richtung (schon aufgefallen?: haben alle was mit Kriminal zu tun). Und <a href="http://ccc.de/updates/2012/drehbuchautoren" target="_blank">51 Clubchaoten</a> posten zurück. Warum eigentlich 51? Klar: 23 x 2 (Erinnert sich wer an den Film „23“?) ist schon mal 46, dann nur noch fünf zuzählen, weils halt ne schöne Zahl ist, römisch wie ein V für Victoria.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Was läuft? Es geht vergeistigt ums Eigentümliche. Wer hats erfunden? Die Schweizer, die auch, Und die anderen Zampanistas der großen europäischen Drehung ins Bürgerliche. Annes Statusmeldung (wisst ihr noch, damals 1710?), von Walter, dem großen Mausmaler, ins Gehtkaumnochweiter perfektioniert. Heber des Urs, wahre Kraftprotze.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Und nun? Aufpassen: der einzigartige Augenblick! Da bröselt was wie Styropor, das aussah wie Granit. Bosse von Warner, Universal, Sony stehn frierend vor der Stempelstelle, Herr Lehmann bringt ihnen nen heißen Tee vorbei. Mit Schuss. Weil nämlich geklaut wird, und kein Tatortler kann das Verbrechen aufklären. Viel gemeiner sind aber noch die blöden Bands, die gar nicht erst bei den Plattenpressern auf Knien rutschen, sondern sich gleich selbst den Netz-Bauchladen umbinden. Wo soll das bloß hinführen? Und Autoren, die keinen Verlag mehr ums Vorlegen (von Honorar) bitten, weil das eh keiner mehr macht. Und Softwaresofties, die ihre Programmierungen verschenken, auf dass andere dran weiter rumhacken.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Von Gutenberg zu Guttenberg. Hatte das Geklapper der beweglichen Lettern ungeahnte Folgen: Reformation, Bauernkrieg und son Zeugs- so hat heute die Tastenkombi Strg+C die gleiche Sprengkraft. Gegen den Klau helfen Kopierschutz und Gesetze. Ein bisschen. Was hilft gegen die Verschenker? Nichts. Wo soll das bloß hinführen? Das ist doch kein schöner Kapitalismus mehr, wenn nicht alles Ware wird, was Ware sein kann und soll. Gut, noch wird keiner von Songs satt und kann keiner in Romanen dauerhaft wohnen. Aber da grummelt was im Untergrund. Das böse Attribut <a href="http://www.jens-kassner.de/wp-content/uploads/2010/10/offenes-prinzip.pdf" target="_blank">„open“ </a>soll schon vor handfesten Dingen gesichtet worden sein, solche, die man sich richtig reinhaun kann.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Archivare, haltet den Moment fest. JETZT! Da geht was. Notiert es mit letzter Tinte auf Papier, mottenresistent und lichtbeständig. Verpennt es nicht!</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Haben sie nicht recht?</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Apr 2012 09:07:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[kritik]]></category>

		<category><![CDATA[kulturpolitik]]></category>

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		<description><![CDATA[Die vier Autoren des Buches Der Kulturinfarkt mussten in den vergangenen zwei Wochen in diversen Medien schon viel Kritik einstecken, unter anderem mit dem Hinweis auf die bescheidenen Ausgaben für Kultur in Deutschland im Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Bereichen. Gegen den Widerspruch des Deutschen Kulturrates erließen die Autoren sogar eine gerichtliche Verfügung. Nun gibt es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;">Die vier Autoren des Buches <em>Der Kulturinfarkt</em> mussten in den vergangenen zwei Wochen in diversen Medien schon viel Kritik einstecken, unter anderem mit dem Hinweis auf die bescheidenen Ausgaben für Kultur in Deutschland im Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Bereichen. Gegen den <a href="http://www.kulturrat.de/detail.php?detail=2263&amp;rubrik=2" target="_blank">Widerspruch des Deutschen Kulturrates</a> erließen die Autoren sogar eine gerichtliche Verfügung. Nun gibt es auch noch einen <a href="http://www.adk.de/de/aktuell/pressemitteilungen/index.htm?we_objectID=30847" target="_blank">offenen Brief diverser Promis</a> aus der Szene. Viel Aufregung also. Doch sind die Befunde von Haselbach, Klein, Knüsel und Opitz wirklich so haltlos, ihre Vorschläge so abwegig?<span id="more-1895"></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Das Buch hat viele Schwächen, von denen die gravierendsten aus der politischen Grundhaltung der vier Schreiber resultieren. So wird Kultur in erster Linie als Ware verstanden. Auch wenn sie das häufig ist, lassen sich doch die Erzeugnisse in ihrer Spezifik mit keiner anderen Ware vergleichen. Gerade da, wo sich die Infarktdiagnostiker ausnahmsweise auf Marx berufen, versagt dessen Definition des Mehrwertes kläglich. An dieser Frage hat sich schon der Marxist Peter Hacks in <em>Schöne Wirtschaft</em> vergnüglich abgearbeitet. Doch für HKKO als bedingungslose Apologeten eines ungefesselten Marktes ist selbst das gegenwärtig unübersehbare Totalversagen (Infakt?) der neoliberalen Wirtschaft kein Grund, davon abzulassen. Im Gegenteil: <em>Die Kritiker des Marktes haben seit der Bankenkrise Oberwasser. Das ändert nichts daran, dass es zum freien Spiel der Kräfte keine Alternative gibt.</em> (S. 236) Das Wort alternativlos müsste am besten der internationalen Ächtung unterliegen, so gefährlich ist es. Diese Ignoranz ist jedenfalls vielsagend. Die staatlichen Rettungsprogramme für Banken, aber auch für die allseits geliebte Autoindustrie sind wesentlich umfänglicher als sämtliche Kulturgroschen. Und gerade dabei gilt die Unterzeile des Buches <em>Von allem zu viel und überall das Gleiche</em> voll und ganz (viel zu viele Neuwagen, die sich immer mehr ähneln), bei einer drastisch höheren Ressourcenvernichtung.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Unscharf ist das begriffliche Instrumentarium. Zwischen geförderten Projekten und kommunalen oder staatlichen Eigenbetrieben im Kultursektor wird nicht unterschieden, alles gilt als „gefördert“, wenn nicht gar als subventioniert. Und dann kommt auch noch die Kultur- und Kreativwirtschaft ins Spiel, die als Wirtschaftsbranche mit den Instrumentarien der Kulturförderung generell nicht kompatibel ist. Grotesk wird die Verwischungsarbeit, wenn zunächst die Soziokultur gründlich demontiert wird (die Argumentation erinnert stellenweise an die Behauptung des Leipziger Kulturdezernenten Faber, die Freie Szene sei ein Kompensationsraum für Problemgruppen), um dann mit dem unsäglichen Begriff der Laienkultur eine schmerzliche Auferstehung erleben zu müssen. All den Schwerstarbeitern dieses Bereich, die es halbwegs geschafft haben, das Image von „Aufbaukeramik + Seidenmalerei für Hausfrauen auf dem Selbsterkennungstrip“ abzustreifen, wird dank dieser Argumentation mit ergiebigem Strahl ans Bein gepisst. Ein Verdienst hätten sich HKKO hingegen durch die Auseinandersetzung mit dem <a href="http://www.jens-kassner.de/kulturpolitik/jetzt-noch-wertvoller/" target="_blank">Etikett Hochkultur </a>erwerben können, das bleibt allerdings aus. Statt dessen soll eine Massenkultur nobilitiert werden, die sich an Hollywood und anderen Unterhaltungsfließbändern orientiert. Auch in dieser Hinsicht werden sich alle für dieses Friendly Fire bedanken, die seit langem um eine Anerkennung anspruchsvoller Popkultur jenseits der Traumfabriken ringen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Fern der Realität wirken einige Charakterisierungen spezieller Mechanismen der  einzelnen Kulturbranchen, auf deren Differenzierung ohnehin erst weit hinten im Buch eingegangen wird, zu weit hinten, um vorherige Passagen überhaupt einordnen zu können. So dürfte wohl Bewertung von Literaturpreisen und anderen Unterstützungen dieser Sparte in ihrer Wirkung auf die Buchproduktion maßlos überzogen sein. Ebenso der Einfluss öffentlicher Museen auf die Erzeugung von Bildender Kunst. Nach ICOM-Definition stehen für Museen Sammeln, Bewahren und Forschen an oberster Stelle der Aufgabenhierarchie, erst dann Ausstellen und selbst das nicht mit dem Schwerpunkt der Talenteentdeckung. Hinzu kommt das weitgehende Fehlen ernst zu nehmender Ankaufetats der meisten Häuser. Der Kunstmarkt ist gerade das Musterbeispiel dafür, wie ein Sektor der Kultur von staatlicher Kulturpolitik weitgehend unbeleckt bleibt. Wenn die Autoren dann trotzdem das Fehlen von Innovationen beklagen, ist das eher ein Indiz dafür, dass die Ermüdung der Avantgarde nicht der offiziellen Kulturpolitik angelastet werden darf.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Und schließlich kommen punktuell Zweifel am Fachwissen der Experten auf, so wenn etwa die Neue Musik als typische Erscheinung der 1980er Jahre verortet wird oder ästhetische Theorie der Postmoderne als Ausfluss der 68er-Bewegung erscheint.</p>
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<p style="margin-bottom: 0cm;">Aber, nach dieser lang geratenen und noch lange nicht vollständigen Mängelliste, muss ein großes Aber kommen. Dieses wird später durch kleine Gegen-Abers partiell wieder angeknabbert, muss aber vorläufig unübersehbar aufgetürmt werden. ABER:</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Soll die Struktur und Funktion von Kulturausgaben der öffentlichen, sich gegenseitig waschenden Hände denn so bleiben, wie sie ist? Da müssen doch wirklich etliche Fragezeichen dahinter gesetzt werden.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Das böse Wort Besitzstandswahrung ist tatsächlich eine Haupttriebkraft vieler Akteure zur Erhaltung des gegenwärtigen Zustandes von Kulturausgaben des öffentlichen Sektors, ohne nach der Sinnhaftigkeit, der Qualität und dem Bedarf zu fragen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Es existiert eine Zwei- oder Dreiklassenschichtung in der Kultur. In den kommunalen und staatlichen Häusern arbeiten die Beschäftigten unter den recht komfortablen Konditionen des Öffentlichen Dienstes. Für ihre Gehaltserhöhung müssen sie nicht streiken, das machen mit höherer medialer Wirksamkeit die Müllmänner und Kindergärtnerinnen. Allerdings besteht auch hier die Ungerechtigkeit, dass die eigentlichen Kreativen schlechter gestellt sind als technische und Verwaltungsangestellte. Trotzdem noch viel besser als die Akteure der Freien Szene, wo trotz Förderung Einkommenslage, Sicherheit, Wertschätzung viel geringer ausfallen. Die Relationen werden u.a. daran sichtbar, dass in Leipzig etwa 50 Prozent aller Kulturbesuche in der Freien Szene stattfinden, um das Ziel, ganze fünf Prozent vom städtischen Kulturhaushalt abzubekommen, jedoch immer noch hart gekämpft werden muss. Genau dort passiert aber noch am ehesten, was man unter „Kultur für alle“ verstehen könnte – teilweise auf einem Qualitätsniveau, an das viele Verdi-Mitglieder nicht heranreichen. Die Arbeiter der Kultur- und Kreativwirtschaft schließlich sind noch häufiger in prekären Lebenssituationen, auch wenn ein kleiner Kreis von ihnen zu den Großverdienern gehört. Neben den messbaren Ungleichstellungen kommen subjektive Wertungen hinzu. Auch wenn es Quatsch ist, dass alles nicht geförderte quasi als Unkultur angesehen wird, wie HKKO leichtfertig behaupten, ist die definitorisch kaum fassbare, doch allgegenwärtige Etagenbildung nicht mit dem Ideal einer Gesellschaft der Chancengleichheit vereinbar. Die pauschale Einordnung von Produktionen kommunaler und staatlicher Häuser als sogenannte Hochkultur in Abhebung vom großen Rest ist ein Mittel zur Zementierung sozialer Schichtungen. Wieso muss man für die Karte zum Bob-Dylan-Konzert 100 Euro oder mehr bei einem privaten Anbieter bezahlen, während jede Karte für „Der Graf von Luxemburg“ in einem städtischen Haus hoch subventioniert wird. Bitte jetzt kein Einwand, dass Dylan ja primitive Massenkultur sei!</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Richtig ist das Argument der Autoren,dass es eine Überproduktion an Kunst gibt. Zwar tut die weniger weh als in anderen Branchen, doch muss sie nicht zwangsläufig mit Steuermitteln unterstützt werden. Viele Förderprogramme dienen wirklich nicht der Qualität von Kunst, sondern der sozialen Existenzsicherung von Künstlern. Dies könnte aber effektiver und gerechter mit einem Umbau anderer Art erreicht werden, etwa dem Bedingungslosen Grundeinkommen (dessen Idee die Autoren auf geradezu denunzierende Weise verkennen oder absichtlich falsch darstellen) und dem Ausbau der Künstlersozialkasse.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Schwer zu entkräften ist auch die Behauptung, dass Doppelstrukturen in der Kulturverwaltung existieren wie auch ein kaum durchschaubarer Dschungel der Förderlandschaft. Wer je für freie Projekte Anträge gestellt und nach Gewährung von Mitteln diese abgerechnet hat, weiß das. Manche Vorschriften von Förderprogrammen sind regelrecht kontraproduktiv. So darf kein Überschuss erwirtschaftet werden, der würde die Fördersumme reduzieren. Eine Umverlagerung von Mitteln durch gutes Wirtschaften und hohen Erfolg für künftige Projekte ist unzulässig.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Die größte Aufregung gibt es aber über die Forderung der Kulturinfarkt-Autoren, die Hälfte aller geförderten Einrichtungen zu schließen (meinen sie damit Eigenbetriebe oder Zuschusseinrichtungen?) Das ist in der Dimension nicht vertretbar und auch in dem Schematismus der Neuverteilung Blödsinn. Die Polemik gegen Gießkannen wird dann gerade von Kleingärtnern geführt. Trotzdem: Die Schließung von Häusern inklusive der Sprengung von Hochhäusern ist sinnvoll, um andere besser ausstatten zu können. Bezeichnend ist die gegenwärtige Diskussion um die Zukunft der Musikalischen Komödie, kurz Muko, in Leipzig. Die nicht ganz abwegige Idee einer Privatisierung – Operette und Musical gehören in anderen Städten zu den wenigen profitabwerfenden Sparten – wird praktisch gar nicht erwogen. Die FDP schlägt eine Zusammenlegung mit der Oper vor, die Grünen wollen eine  Implementierung ins Centraltheater. Die Linke hingegen macht sich für den Erhalt und die bauliche Sanierung einer Einrichtung stark, wo Rührstücke aus der Welt des untergehenden Adels das Repertoire dominieren.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Doch selbst bei der Oper muss die Frage zulässig sein, wie viele Bühnen mit festem Ensemble in einem Umkreis von 100 Kilometern benötigt werden (bezüglich Leipzig sind das fünf). Wenn die Autoren zur Oper schreiben: <em>Noch immer ist sie bürgerliche Verschwendung, ein europäischer Potlach </em><span style="font-style: normal;">(S. 26)</span><em>,</em> klingt das sehr polemisch, ist aber nicht ganz daneben. Die Vielfalt des Angebots besteht beispielsweise darin, dass es in der Spielzeit 2008/09 in Deutschland 52 Inszenierungen der „Zauberflöte“ gab. Wie viele sind noch nötig? „Hänsel und Gretel“ brachten es „nur“ auf 33 Inszenierungen, „Die Hochzeit des Figaro“ auf 21, „Don Giovanni“ auf 20, „Tosca“, „Carmen“ und „Freischütz“ je auf 19. Ist es wirklich ein Tabu, diese jeweils mit enormen Finanzmitteln – andere Kultursparten einer Großstadt haben ein kleineres Gesamtetat für das ganze Jahr – verbundenen Inszenierungen als Überfluss zu bezeichnen?</p>
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<p style="margin-bottom: 0cm;">Ja, Haselbach, Klein, Knüsel und Opitz haben recht damit, dass unser System der Kulturfinanzierung gründlich geprüft werden muss bis hin zum Verzicht auf Einrichtungen. Nein, sie liegen völlig daneben mit ihrer Glorifizierung der Quote und anderen neoliberalen Lobeshymnen auf den entfesselten Markt. Mit dieser Wahl der ungeeignetsten Mittel werden sie, wie die bisherigen Reaktionen verdeutlichen, eine sachliche Diskussion des Themas leider mehr verhindern als befördern.</p>
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		<title>Alles ausradiert, außer ich</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Mar 2012 17:05:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<category><![CDATA[literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein vor zwei Wochen eingetroffenes Päckchen mit französischem Absender enthielt ein kleines, aber dickes Buch, exakt so aussehend wie die Reclam-Bände bis vor wenigen Wochen. Doch statt des bekannten Verlagsnamens steht &#62;&#62;greatest hits&#60;&#60;. Der Einzige und sein Eigentum nennt sich das Werk. Doch statt Max Stirner steht da Michalis Pichler als Autor. Beim Aufschlagen denke [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein vor zwei Wochen eingetroffenes Päckchen mit französischem Absender enthielt ein kleines, aber dickes Buch, exakt so aussehend wie die Reclam-Bände bis vor wenigen Wochen. Doch statt des bekannten Verlagsnamens steht &gt;&gt;greatest hits&lt;&lt;. <em>Der Einzige und sein Eigentum</em> nennt sich das Werk. Doch statt Max Stirner steht da Michalis Pichler als Autor. Beim Aufschlagen denke ich, dass mir da jemand in Überschätzung meiner Beziehungen zu Konkreter Poesie ein Rezensionsexemplar für ebensolche Dichtkunst zukommen lasen will. Denn auf den Seiten stehen immer nur wenige Worte, scheinbar willkürlich über die Fläche gestreut. Anhand des noch im Päckchen liegenden Zettels wird mir dann klar, woher ich den Autorennamen kenne. Pichlers<em> Statements zur Appropriation</em> habe ich in <a href="http://www.freitag.de/community/blogs/jkassner/just-be--mach-ich-doch-aber-alle-passworte-sind-schon-vergeben" target="_blank">meinem Essay </a>zu eben jener Kunstrichtung benutzt. Darum wohl diese Zusendung, Google Alert machts möglich.</p>
<p>Das Buch sieht nicht nur aus wie ein Reclam-Band, sondern beruht auch auf einem solchen, eben die Ausgabe von Stirners &#8220;Bibel des Egoismus&#8221;. Unter Beibehaltung des originalen Layouts hat Pichler über mehr als 400 Seiten den gesamten Text gelöscht, mit Ausnahme der Überschriften und der Personalpronomen erste Person. So steht auf wenigen Seiten gar nichts, häufiger aber verstreut <em>Ich</em>, <em>mich</em>, <em>meine </em>und so weiter. So kommt die &#8220;Konkrete Poesie&#8221; also zustande, die sehr überzeugend die Ich-Bezogenheit des Autors demonstriert. Und eine gewisser poetischer Effekt kommt tatsächlich zustande, wenn da etwa auf einer Seite steht <em>Meiner meine Ich Mich Ich</em>. Zugleich ist es eben ein Beispiel für die sinnvollere Anwendung von Appropriation Art, vielleicht mehr der bildenden Kunst zuzuordnen als der Literatur, falls das überhaupt wichtig ist.</p>
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		<title>Buchmessenachwäsche</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Mar 2012 08:28:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<category><![CDATA[literatur]]></category>

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Da lag etwas in der Luft bei dieser Buchmesse 2012. Der Frühling, klar. Das meine ich aber nicht. Umbrüche, kaum sichtbar, doch spürbar, geisterten durch die Hallen. Dass erstmals seit Jahren kein Besucherrekord vermeldet werden konnte, muss kein Symptom dafür sein. Immerhin gab es doch andere Bestmarken wie die höchste Zahl an Ausstellern oder eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;">Da lag etwas in der Luft bei dieser Buchmesse 2012. Der Frühling, klar. Das meine ich aber nicht. Umbrüche, kaum sichtbar, doch spürbar, geisterten durch die Hallen. Dass erstmals seit Jahren kein Besucherrekord vermeldet werden konnte, muss kein Symptom dafür sein. Immerhin gab es doch andere Bestmarken wie die höchste Zahl an Ausstellern oder eine weitere nennenswerte Steigerung der Veranstaltungen bei „Leipzig liest“.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Das Wort sei kein Wert mehr, klagt mir ein befreundeter Verleger aus der westsächsischen Provinz mit bangem Blick auf seine kleinen Gedicht- und Aphorismenbände. Wenige Stände weiter freut sich ein anderer Bekannter, dass sein bildlastigen Bände gut laufen. Meinhard Michael schließlich, Journalist für den MDR, sieht nicht nur im scheinbaren Rückzug des gedruckten Wortes eine Gefahr für die Kultur, auch im Hörbuch und der Flut von Ratgeber- und Kochbüchern, Krimis, Bestsellern.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Tatsächlich findet man Marx und <span style="font-family: Times New Roman,serif;">Ž</span>i<span style="font-family: Times New Roman,serif;">ž</span>ek als Comic, van Gogh als Bildgeschichte, Aufzeichnungen aus Jerusalem als Graphic novel. Der Iconic turn ist in voller Drehung. Und man findet die Schwemme an Produkten, die mit anspruchsvoller Literatur nicht viel zu tun haben. Vom Event-Charakter der Darbietung ganz zu schweigen, da sind die vielen Cosplay-Kids nur der auffälligste Ausdruck.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Man muss wohl zwei Dinge unterscheiden, auch wenn das zeitlich und räumlich schwer fällt. Die eigentliche Messe ist ein ganz und gar kommerzielles Unternehmen, da zählen nur Umsatzzahlen. Ein Freund, den zufällig in der Glashalle traf, fragte, warum er denn eigentlich als Buchinteressent Eintritt bezahlen müsse. Ganz einfach. Beim Geschäft zwischen Herstellern und Händlern ist der Endverbraucher zunächst Störfaktor, dafür muss er Strafe entrichten. Da der Weg vom Schreiber zum Leser dank Internet aber kürzer geworden ist, sieht die Branche eine Gefahr.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Die andere Sache hingegen ist „Leipzig liest“, teils in den Messebetrieb integriert, vor allem aber flächendeckend in Stadt und Umland. 2500 Veranstaltungen sollen es diesmal gewesen sein, was sich im Programmheft wegen der im Vorjahr eingeführten Gebühr für Einträge nicht ganz widerspiegelt. Und der Andrang ist gewaltig, gerade auch bei Literatur, die nicht ganz so leicht konsumierbar ist. Fast schon surreal fand ich das Erlebnis, gegen Mitternacht in einer zur temporären Lyrikbuchhandlung umfunktionierten Galerie an der Karl-Heine-Straße etwa 30 Leute (mehr passen nicht rein) zu sehen, die Gedichte hören. An eine Verramschung oder gar ein Absterben der Literatur, die über Kochrezepte, Thriller und Esoterik hinausgeht, kann ich nicht glauben.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Ein anderer Umbruch besteht in der Digitalisierung. Zunehmende Anpreisung von E-Books sind ein Zeichen dafür, aufwändigere Gestaltungen der gedruckten Gegenstücke ein anderer. Ein indirektes sind Buttons, mit denen manche Autoren rumliefen. Bei Peter Wawerzinek habe ich ihn zuerst am Revers gesehen: „JA zum Urheberrecht!“ Ob dieser Rebell eigentlich weiß, dass das Urheberrecht in der jetzigen Form ein Produkt des Disney-Imperiums ist und keineswegs im Interesse der Künstler?</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Veränderungen liegen in der Luft. Aber gefährdet ist mehr der Profit einiger Großkonzerne, als die Qualität der Literatur. Sofern man zumindest Worte nicht per se für wertvoller hält als visuelle Elemente und das gedruckte Wort für wertvoller als das digitale. Und die Distribution von Wissen und Kultur wird sich noch radikaler umwälzen. Da helfen kein Acta und keine roten Buttons.</p>
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		<title>Aus meinem Tagebuch der Moderne VII</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Mar 2012 18:17:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[tagebuch der moderne]]></category>

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		<description><![CDATA[Das war eine langwierige Angelegenheit. Mehr als ein halbes Jahr habe ich an der „Lektüre“ von Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ gekaut. Grund für das Unterfangen war mein anhaltender Versuch der Annäherung an den Begriff der Moderne. In dieser Beziehung hat sich der Kraftakt kaum gelohnt, aber auch in keiner anderen in nennenswertem Ausmaß.
Spengler [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das war eine langwierige Angelegenheit. Mehr als ein halbes Jahr habe ich an der „Lektüre“ von Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ gekaut. Grund für das Unterfangen war mein anhaltender Versuch der Annäherung an den Begriff der Moderne. In dieser Beziehung hat sich der Kraftakt kaum gelohnt, aber auch in keiner anderen in nennenswertem Ausmaß.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Spengler war von der fixen Idee befangen, <span id="more-1877"></span>dass sich alle Hochkulturen der Menschheit in einem sich überall gleichenden Schema bewegen, analog zu den menschlichen Lebensaltern, und diese Phasen im alten China oder Ägypten, im antiken Südeuropa oder dem abendländischen Mitteleuropa (für ihn um die erste Jahrtausendwende beginnend) sogar zeitlich annähernd gleich lang sind. Auf sämtlichen Gebieten der menschlichen Existenz sucht er Analogien zwischen den diversen, von ihm selbst festgelegten, Stadien. Wie es sich für einen richtigen Idealisten gehört, kommt das Wirtschaftsleben erst ganz am Ende in einem vergleichsweise sehr kurzem Kapitel dran.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Um nun allzu offensichtlichen Inkomparatibilitäten entgegen zu wirken, führt Spengler drei geistige Daseinsweisen ein: die apollinische, die faustische, die magische. Die erste ist der griechisch-römischen Antike vorbehalten, die zweite dem neuzeitlichen Abendland, der Rest der Welt muss in die dritte passen – orientalische, arabische, indische, chinesische Gesellschaft, sogar das christliche Byzanz. Während er den Unterschied zwischen apollinisch und faustisch nachvollziehbar erklärt – da das stationäre, zweidimensionale, auf den Augenblick gerichtete, hier das vorwärtsstrebende, auf die Ferne schauende Wesen – so unklar muss die dritte Kategorie bleiben. Von Tunnelzeit und anderen erratischen Umschreibungen ist da die Rede.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Nach dem Stadium der introvertierten „Kultur“ aufstrebender Gesellschaften folgt bei ihm das der nach außen drängenden „Zivilisation“, die den Niedergang kennzeichnet.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Im Feld des Politischen hält Spengler den Cäsarismus für die letzte Stufe vor dem Untergang. In Bezug auf sein „Abendland“ mag das zur Zeit des Erscheinens seiner Schrift, also in den 1920ern, fast zutreffen. Doch in seinen längerfristigen Prophezeiungen hat er gründlich daneben gehaun. Er meinte, dass das erste von zwei Jahrhunderten der Endzeit, welches jetzt also gerade zu Ende gegangen ist, die Ablösung der Parteien und der Demokratie durch Diktaturen bringen würde, welche auch die Herrschaft des großen Geldes beenden. Und man muss Spengler an seine Vorhersagen messen, schließlich behauptet er vollmundig: <em>In diesem Buche wird zum erstenmal der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur, und zwar der einzigen, die heute auf diesem Planeten in Vollendung begriffen ist, der westeuropäisch-amerikanischen, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu verfolgen.</em></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Noch schlimmer wird es bei Vorhersagen auf anderen Gebieten. Den Höhepunkt der rationalen Wissenschaften hielt er zu seiner Zeit schon für überschritten, und die Darwinsche Evolutionslehre sei dadurch widerlegt, dass nirgendwo Übergangsformen zwischen Arten gefunden worden seien, nur fertig ausgebildete Spezies.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">In den größten Widerspruch begibt er sich mit der ziemlich korrekten, wenn auch mythisch verbrämten Charakterisierung des „Faustischen“, also dem nach stetigem Fortschritt strebenden Geist der Moderne (dieser Begriff kommt im Buch selten vor, wenn doch, dann als Synonym für Abendland) und dem gleichzeitigen Beharren auf der Vergleichbarkeit dieses eigentlich weltgeschichtlich singulären Phänomens mit anderen Kulturen bis in kleine Details hinein. Da passt überhaupt nichts zusammen, die Aporien versucht er mit universeller Belesenheit und mit schwülstigen Wortkaskaden zu übertünchen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Erstaunlich ist die Beharrlichkeit der Verehrung Spenglers durch Vertreter des ultrakonservativen Lagers. Ich konnte bei ihm keine unmittelbar verwertbaren Argumente für deren antidemokratisches, antiliberales, nationalistisches Weltbild herauslesen. Wahrscheinlich haben sich viele gar nicht die Mühe gemacht, den Wälzer wirklich zu studieren. Jedenfalls hält Spengler den von den Rechten gepriesenen Cäsarismus zwar für unvermeidlich, aber keinesfalls als die Rettung, sondern eben für das letzte Stadium vor dem allgemeinen Chaos. Eigentlich müsste jedes politische Handeln demzufolge sinnlos sein. Und Aussagen wie diese dürften den Rechtsauslegern eigentlich überhaupt nicht ins Konzept passen: <em>Alles Gewordne ist vergänglich. Vergänglich sind nicht nur Völker, Sprachen, Rassen, Kulturen. Es wird in wenigen Jahrhunderten keine westeuropäische Kultur, keinen Deutschen, Engländer, Franzosen mehr geben, wie es zur Zeit Justinians keinen Römer mehr gab.</em></p>
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