Es grünt so grün …

… wenn dutzende Polizeiautos vor meinem Fenster in der Leplaystraße parken (solche, die noch nicht im neuen Meerblau umgespritzt worden sind). Das ist gerade der Fall, obwohl doch erst morgen die Nazis marschieren wollen. Bei Leipzig nimmt Platz lese ich , dass das Verwaltungsgericht die Verbote der Stadt für die Demos bestätigt hat. Das kommt ja ausgesprochen selten vor. Sicher ist dafür keine frisch erwachte Sympathie der Richter für Antifas der Grund, sondern eher Sorge um einen reibungslosen Ablauf des Opernballs. Sollte das Verbot Bestand haben, könnte es also zu Spontandemos der Nasen kommen, darum vielleicht der vorfristige Auflauf der Grün-Blauen.

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Relationen

Im Fernsehn wird auf verschiedenen Kanälen seit der Nacht live über die Rettung der Minenarbeiter in Chile berichtet. Wäre da ein naher Angehöriger von mir dabei, wäre es selbstverständlich auch für mich das Ereignis, um dass die Welt sich gerade dreht. Andererseits ist der Busunfall mit mindestens 42 Toten in Dnepropetrowsk, einem anderen Revier dieser Welt, wo Bergleute unter beschissensten Bedingungen arbeiten müssen, nur eine Meldung auf der letzten Seite der LVZ wert. Und wenn in China oder Pakistan paar Tausend Leute bei einer Katastrophe umkommen, ist das kaum noch eine Randnotiz.

Vor einigen Jahren sah ich eine Repotage über einen Trauermarsch, den einige Leute in Schottland (glaub ich) für die 25 Tausend Opfer des 11. September 2001 veranstalteten – die 3000 Toten in den Twin Towers von New York und die 22000 Menschen, die jeden Tag an Unterernährung und fehlendem sauberen Wasser sterben. Aber das sind keine mediengerechten Gesichter, die vor laufender Kamera leiden oder sich im richtigen Moment freuen. Wer würde denn live zuschauen, wenn in Somalia 33 Kinder von einem Hilfstrupp vor dem Verhungern gerettet werden?

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Offen für alles

Auf vielfachen Wunsch (mindestens zwei Leute haben danach gefragt), stelle ich hier nun das Manuskript meines Vortrages „Vom Offenen Prinzip zur prinzipiellen Offenheit“, den ich am vorigen Donnerstag für die Marianne-Brandt-Gesellschaft gehalten habe, als PDF zur Verfügung.

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Alles (zer)fließt

Nach Das Hemd hat der schweizer Ammann Verlag ein weiteres Buch von Jewgenij Grischkowez herausgebracht. Flüsse wird als Erzählung bezeichnet, hat aber keine Handlung. Vielmehr ist es ein langes und ziemlich ungeordnetes Sinnieren eines angeblich anonymen Autors über seine Herkunft. Diese liegt in Sibirien. Aber nicht tief in der Taiga, sondern in einer großen Industriestadt. Auch wenn Grischkowez keinen Namen nennt, kann man darin Kemerowo erkennen, die Gebietshauptstadt des rohstoffreichen Kusnezbeckens, wo der heute in Kaliningrad lebende Schriftsteller tatsächlich herstammt.

Der Erzähler versucht, die Spezifik dieses riesigen Territoriums, welches aber recht arm an Höhepunkten ist, mental zu erfassen und schafft es nicht so richtig. Er leidet daran, dass dieses nördliche Asien faktisch keine Geschichte hat. Die Städte sind jung, historische Burgen oder Orte großer Ereignisse fehlen ganz.

Der Text könnte eine interessante Studie für die im Zuge des „spatial turn“ gerade beliebt werdende Soziologie des Raumes sein, auch wenn jede wissenschaftliche Genauigkeit fehlt. Der namenlose Stadtmensch scheitert in den eingeflochtenen Anekdoten seiner Kindheit und Jugend immer wieder, sich die unermessliche Natur Sibiriens anzueignen. Schließlich flieht er auch in den europäischen Teil Russlands: Und was änderte das? In Sibirien ganz bestimmt nichts! Und bei mir? Ich benahm mich genauso wie ein starker Trinker, der mit dem Trinken aufgehört hat, der früher eben getrunken hat, eigentlich mit nichts anderem beschäftigt war und mit dem Trinken all seine Kraft, seinen Verstand und seine Gesundheit verausgabt hat. Und jetzt trinkt er nicht mehr und ist damit beschäftigt, daß er nicht trinkt, das heißt, er verausgabt all seine Kräfte, seinen Verstand und seine Gesundheit damit, nicht zu trinken … Genau damit ist er beschäftigt – er trinkt nicht.

Somit ist der Rückblick überhaupt nicht nostalgisch und Grischkowez scheint sich immer wieder darüber zu wundern, dass er seiner sogenannten Heimat so wenig warme Emotionen entgegen bringen kann. Und trotzdem kann er sie eben nicht ganz hinter lassen und arbeitet sich in diesem auf unaufdringliche Weise psychologisierendem Buch daran ab.

Jewgenij Grischkowez

Flüsse

Zürich: Ammann 2010

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Freiheit, Gleichheit, Schweineschnitzel

In einer Pressemitteilung des AJZ Chemnitz für eine heute stattfindende Diskussionsveranstaltung über Menschenrechte mit Martin Dornis bin ich über den Satz gestolpert: Heute wollen die Menschenrechtler dem einzig legitimen Staat der Welt an den Kragen, womit sie den inhumanen Kern ausplaudern, der den Menschenrechte seit je innewohnte. Herr Dornis sagt nicht, welchen Staat er meint. Der ohnehin nicht existente palästinensische ist es vermutlich nicht. Früher war es unter Linken mal üblich davon auszugehen, dass beispielsweise ein israelischer Fabrikarbeiter und ein arabischer Apfelsinenpflücker mehr gemeinsam haben als ihre jeweiligen Ausbeuter. Das ist offenbar lange vorbei. Nationale Identität (was immer das auch sein mag) ist wichtiger als die soziale Situation. Der Vorteil für mich, nicht zu dieser Art von Linken zu gehören, ist, dass ich mir heute zu Mittag ohne schlechtes Gewissen ein Schweineschnitzel braten darf.

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Das Kunstwerk im Zeitalter seiner unzureichenden Reproduzierbarkeit

Heute geht das Leipziger Fotofestival F-Stop zu Ende. Da es diesmal wieder auf mehrere Standorte verteilt wurde, brauchte ich die ganze Woche (mit Pausen) zum Ansehen. Eigentlich fand ich die vorjährige Konzentration auf ein Haus besser, aber zumindest das Erlebnis, die oberste Etage des Ringmessehauses sehen zu können, war die Wanderei wert.

Um nun auch zu Hause einige der wirklich sehr interessanten Fotoarbeiten nochmals rezipieren zu können habe ich mir die beiden Kataloge 2009 und 2010 im günstigen Bündel erworben. Der Blick in diese Druckwerke war dann allerdings die blanke Ernüchterung. Was an den gar nicht so hübschen Fabrikwänden ganz stark aussieht, wird hier auf dem makellosen Papier zum düsteren Fleck. Das liegt nicht nur am bescheidenen Format der Publikationen. Offenbar haben Kunstwerke im Original entgegen Benjamins Befürchtungen immer noch etwas von der berühmten Aura bewahren können. Das gilt auch für künstlerische Fotografie, obwohl diese heute überwiegend schon die Datei als natürliche Lebensform hat und gar nicht mehr reproduziert werden muss. Der Rahmen macht den Unterschied (womit ich nicht diese Holzgestelle meine).

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Hemdsärmlig

Eine Rezension zu Jewgenij Grischkowez´ neuestem Buch im Kreuzer veranlasst mich, endlich mal was zu schreiben über sein voriges, „Das Hemd“, das ich schon vor etwa zwei Jahren gelesen habe. Vorausgegangen war ein Hinweis von russischen Bekannten auf ein Foto auf der Fan-Seite dieses Autors im Internet. Dieser zottelige Mensch da unten bin ich im Sommer 1989 und der ganz oben am Grenzpfahl zwischen DDR und CSSR ist eben Grischkowez. So geht man zufällig in die Literaturgeschichtsschreibung ein. Grischkowez, den ich immer nur Schenja nannte, ist immerhin in Russland heute ein richtiger Star.

Held des Romans ist Sascha, ein aus der weiten Provinz in die Weltstadt Moskau zugereister sogenannter „Neuer Russe“, ein Aufsteiger im Wirtschaftsboom (man merkt, dass das Buch eben schon ein paar Jahre alt ist). Der Text ist eine Art Roadmovie – Sascha lässt sich einen Tag durch die Metropole treiben. Alle Zutaten sind versammelt: Action, junge (noch unsichere) Liebe, Alkohol, Humor, zufällige Begegnungen … Eine erfolgreiche Verfilmung des Buches im Hollywood-Stil kann man sich gut vorstellen.

Das namensgebende Hemd steht dabei, so wie es die Literaturwissenschaft für das Genre der Novelle lehrt, als symbolischer Aufhänger für die Handlung. Früh ist es noch blütenrein, abends voll von den Spuren dieses turbulenten, aber trotzdem ziemlich leeren Tages. Das Buch liest sich sehr flüssig. Es ist eine treffende Momentaufnahme des aufgeplusterten Moskaus im frühen 21. Jahrhundert. Allerdings fehlt mir die Schärfe mancher anderer russischer Autoren der Gegenwart. Es ist einfach nur nett, nicht mehr.

Jewgenij Grischkowez

Das Hemd

Zürich: Ammann 2008

ISBN 978-3-250-60122-7

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Aus meinem Tagebuch der Moderne II

Beim Urlaub in Tunesien ist mir aufgefallen, dass dort Zeit und Raum nicht so festgefügt aufgefasst werden wie bei uns, alles ist mehr relativ. Als wir ankamen, sagte uns der Vertreter des Reisebüros, morgen sei der Feiertag des Fastenbrechens zum Ende des Ramadan. Oder übermorgen. Das wird erst am Abend nach Betrachten des Mondes durch eine Kommission entschieden. Entgegen der allgemeinen Erwartungen wurde er dann auf übermorgen festgesetzt. Schwer vorstellbar, Weiterlesen

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Falsch, aber einprägsam

Brechts Gleichnis vom großen Karthago, das drei Kriege führte, hinkt gewaltig. Abgesehen davon, dass der Dritte Punische Krieg ein Verteidigungskrieg war, wurde auch nach der Zerstörung die Stadt wieder aufgebaut – von den Siegern. Noch etwas größer und schöner. Endgültig Schluss war erst Jahrhunderte später, als die Araber kamen. Das wäre heute nun aber eine fatale Metapher.

Auf historische Genauigkeit kommt es also nicht so an. In die Schulbücher und auf Kalenderblätter schafft man es trotzdem, wenn die Formel nur griffig genug formuliert wird.

Siegerarchitektur: Römische Thermen in Karthago.

Siegerarchitektur: Römische Thermen in Karthago.

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Nachlassende Sprungweite

Dass ich mir Die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling gekauft habe, liegt weder am Rückentext, noch am Aufkleber „Sehr, sehr komisch“ Jürgen von der Lippe. Vielmehr habe ich Kling mehrfach bei Slams erlebt, unter anderem beim großen Finale 2007 in Berlin, wo er zum zweiten Mal Sieger wurde. Er gehört zu den leider nicht gerade zahlreichen Slammern, die sich gesellschaftlicher und politscher Themen annehmen.

Das schlägt natürlich auch in seiner ersten Buchveröffentlichung durch.

In der Nebenwohnung zieht ein Känguru ein, welches sich ganz menschlich verhält. Dieses Sujet kennt man von Marc-Oliver Schusters wurderbaren Katzen-Geschichten. Klings Beuteltier ist nicht nur frech und vereinnahmend, sondern auch Nirvana-Fan, Kommunist, Ex-Vietkong und Mitglied der Jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung. In seinem Beutel trägt es neben dem kleinen roten Büchlein und Kurt Cobains Tagebuch immer auch zwei rote Boxhandschuhe. Also geht es turbulent zu. Doch in der zweiten Hälfte verlieren die kurzen Stories an Witz und Schärfe, viele wirken zunehmend konstruiert. Konstruiert ist natürlich alles, doch die spontan erscheinende Flapsigkeit des Beginns wird immer angestrengter. Vielleicht hatte der Verlag (der in den Texten selbst sein Fett abbekommt) ein Seitenlimit gestellt, welches dann auch irgendwie voll werden musste. Weniger wäre hier mehr gewesen. Komisch ist es trotzdem, da hat Jürgen von der Lippe schon recht.

Marc-Uwe Kling

Die Känguru-Chroniken

Berlin: Ullstein 2009

7,95 €

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