Neiddebatte

Etwas leidtun kann einem schon die altehrwürdige Grassi-Messe, wenn man sich die Medienberichte der letzten Tage ansieht. Das schräge und späte Kind Designers Open wird überall groß dargestellt, die museale Mutti nur am Rande erwähnt. Ob es aber nun hilfreich ist, wenn Direktorin Eva Maria Hoyer im MDR mit saurem Gesicht verkündet, es käme eben nicht darauf an, alle modischen Trends mitzumachen, erscheint fraglich. Vielleicht sollte man sich besser auf die eigenen Stärken konzentrieren, also das solide Kunsthandwerk, und nicht noch versuchen, auch das serielle Design mit reinholen zu wollen.

Eigentlich wollte ich in diesem Jahr mit dem DO-Besuch aussetzen, weil sich in den letzten Durchgängen die gleichen Aussteller und Exponate stets wiederfanden. Um aber den pompösen Saal des Hotel de Pologne mal zu sehen, gingen wir doch hin. Und zur Überraschung gab es diesmal viel Neues zu sehen. Und keinerlei Beton-Utensilien, die zuletzt arg dominant geworden waren.

Neobarocker Kitsch und neuzeitliches Design.

Neobarocker Kitsch und neuzeitliches Design.

Veröffentlicht unter kunst, leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Angefahrenes Kind

Zuviel ist schon über Helene Hegemanns Axolotl Roadkill geschrieben und gestritten worden, als dass eine Rezension jetzt noch Sinn machen würde. Aber ich hab es mir eben erst jetzt aus der Bibliothek geholt und gelesen. Und ich find das Buch ziemlich gut. Viel besser jedenfalls als den vorherigen Skandalroman namens Feuchtgebiete, der durch nichts weiter als Mittelmaß auffällt.

Zunächst mal hat der Text einen mitreißenden Drive. Obwohl genau genommen nicht sonderlich viel Handlung passiert, ist fast immer Tempo drin. Desweiteren beeindruckt mich der Wortschatz der sechzehnjährigen Akteurin, womit ich nicht unbedingt Scheißfotze und Arschfick meine. Die Autorin war ja selbst nicht älter, als sie das Buch schrieb. Wie sie beispielsweise beim Sinnieren darüber, ob sie Suppenhuhn oder Brathuhn kaufen soll, einer zufälligen Passantin im Supermarkt ihren Vater beschreibt: Der ist eins von diesen linken, durchsetzungsfähigen Arschlöchern überdurchschnittlichen Einkommens, die ununterbrochen Kunst mit Anspruch auf Ewigkeit machen und in der Auguststraße wohnen. Jeden Tag bis zu elf Prostituierte, jeden Tag Haarwachs und jeden Tag mit Textmarkern melancholisch expressionistische Kunstwerke ausmalen, die er aus schwarzweißen Plattencovern zusammensetzt. Nachts werden die dann auf LSD mit seinem Galeristen an die Wand genagelt. Boing! Manchmal wirken die Wortkaskaden wie automatisches Schreiben. Oder orale Inkontinenz, wie Mifti, die drogensüchtige Schulverweigererin, ironisch sagt. Die Selbstironie gilt auch für Helene Hegemann selbst, wenn sie sich mehrfach über diese geistig frühreife Minderjährige lustig macht. Tatsächlich klingt es manchmal wie William Borroughs als Teenager. Aber das muss ja erst mal so hinkriegen. Respekt.

Veröffentlicht unter kritik, literatur | 2 Kommentare

Kurzgeschichte

Heute konnte ich in Dresden sehn, wohin der Spar-Wahn bei der Kultur führt. Die Dresdner Stadtbibliothek musste schon drastisch reduziert werden.

Stadtbibliothek nach Mittelkürzungen.

Stadtbibliothek nach Mittelkürzungen.

Veröffentlicht unter dresden, kulturpolitik | 2 Kommentare

Tendenziell unbefriedigend

Gestern nachmittag standen nach einem Kolloqium zur Kulturentwicklungsplanung noch paar Leute vor dem Chemnitzer Weltecho und diskutierten, wie man dieser Stadt denn helfen kann und ob ihr zu helfen ist. Gerade heute habe ich nun zwei Dokumente lesen müssen, die in dieser Beziehung nicht sonderlich optimistisch stimmen.

Das eine ist der jährliche Vergleich von Mieten für Wohnungen und Gewerbe in den Städten Sachsens und Sachsen-Anhalts. Da hat Chemnitz fast durchweg die niedrigsten Werte, zumindest unter den Großstädten. Das ist gut für die Einwohner, aber eigentlich nur, wenn man was draus macht. Zum Beispiel, Kreativen von anderswo für ein Jahr mietfrei Wohnung und Atelier zur Verfügung stellen. Ansonsten ist es vor allem ein Indiz für mangelnde Anziehungskraft der Stadt.

Untermauert wird das noch deutlicher durch das frisch erschienene Ranking des HWWI der dreißig größten deutschen Städte bezüglich ihrer Zukunftsfähigkeit, wo Chemnitz einen unangefochtenen 30. Platz belegt. Im Unterschied zu formal ähnlich aussehenden Vergleichen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, wo es im Geiste des Neoliberalismus vor allem auf niedrigste Lohnkosten ankommt und Chemnitz deshalb regelmäßig gelobt wird, werden hier recht ausgewogen Kriterien abgewogen, darunter zum Ärger der Sarrazin-Jünger auch die Rate von Ausländern als positiv zu bewertenden Fakt.

Veröffentlicht unter chemnitz, kulturpolitik, politik | Hinterlasse einen Kommentar

Archiv in Gefahr

Das Berliner Archiv der Jugendkulturen ist aus finanziellen Gründen (was sonst) in der Existenz gefährdet. Um diese einzigartige Einrichtung zu retten, werden eifrig Spenden gesammelt. Es hilft aber auch, hauseigene Publikationen zu erwerben, die ich wärmstens empfehlen kann.

Veröffentlicht unter berlin, kulturpolitik, politik | 1 Kommentar

Zitat des Tages

Gleichzeitig hält derzeit Tommy Naumann eine Ansprache vor fünf rechten Kameraden am Leipziger Hauptbahnhof.

Die Leipziger Internetzeitung in den Berichten über die Nazi-Kundgebung in Leipzig.

Veröffentlicht unter leipzig, politik | Hinterlasse einen Kommentar

Es grünt so grün …

… wenn dutzende Polizeiautos vor meinem Fenster in der Leplaystraße parken (solche, die noch nicht im neuen Meerblau umgespritzt worden sind). Das ist gerade der Fall, obwohl doch erst morgen die Nazis marschieren wollen. Bei Leipzig nimmt Platz lese ich , dass das Verwaltungsgericht die Verbote der Stadt für die Demos bestätigt hat. Das kommt ja ausgesprochen selten vor. Sicher ist dafür keine frisch erwachte Sympathie der Richter für Antifas der Grund, sondern eher Sorge um einen reibungslosen Ablauf des Opernballs. Sollte das Verbot Bestand haben, könnte es also zu Spontandemos der Nasen kommen, darum vielleicht der vorfristige Auflauf der Grün-Blauen.

Veröffentlicht unter leipzig, politik | Hinterlasse einen Kommentar

Relationen

Im Fernsehn wird auf verschiedenen Kanälen seit der Nacht live über die Rettung der Minenarbeiter in Chile berichtet. Wäre da ein naher Angehöriger von mir dabei, wäre es selbstverständlich auch für mich das Ereignis, um dass die Welt sich gerade dreht. Andererseits ist der Busunfall mit mindestens 42 Toten in Dnepropetrowsk, einem anderen Revier dieser Welt, wo Bergleute unter beschissensten Bedingungen arbeiten müssen, nur eine Meldung auf der letzten Seite der LVZ wert. Und wenn in China oder Pakistan paar Tausend Leute bei einer Katastrophe umkommen, ist das kaum noch eine Randnotiz.

Vor einigen Jahren sah ich eine Repotage über einen Trauermarsch, den einige Leute in Schottland (glaub ich) für die 25 Tausend Opfer des 11. September 2001 veranstalteten – die 3000 Toten in den Twin Towers von New York und die 22000 Menschen, die jeden Tag an Unterernährung und fehlendem sauberen Wasser sterben. Aber das sind keine mediengerechten Gesichter, die vor laufender Kamera leiden oder sich im richtigen Moment freuen. Wer würde denn live zuschauen, wenn in Somalia 33 Kinder von einem Hilfstrupp vor dem Verhungern gerettet werden?

Veröffentlicht unter politik | 2 Kommentare

Offen für alles

Auf vielfachen Wunsch (mindestens zwei Leute haben danach gefragt), stelle ich hier nun das Manuskript meines Vortrages „Vom Offenen Prinzip zur prinzipiellen Offenheit“, den ich am vorigen Donnerstag für die Marianne-Brandt-Gesellschaft gehalten habe, als PDF zur Verfügung.

Veröffentlicht unter chemnitz, kulturpolitik, politik | 2 Kommentare

Alles (zer)fließt

Nach Das Hemd hat der schweizer Ammann Verlag ein weiteres Buch von Jewgenij Grischkowez herausgebracht. Flüsse wird als Erzählung bezeichnet, hat aber keine Handlung. Vielmehr ist es ein langes und ziemlich ungeordnetes Sinnieren eines angeblich anonymen Autors über seine Herkunft. Diese liegt in Sibirien. Aber nicht tief in der Taiga, sondern in einer großen Industriestadt. Auch wenn Grischkowez keinen Namen nennt, kann man darin Kemerowo erkennen, die Gebietshauptstadt des rohstoffreichen Kusnezbeckens, wo der heute in Kaliningrad lebende Schriftsteller tatsächlich herstammt.

Der Erzähler versucht, die Spezifik dieses riesigen Territoriums, welches aber recht arm an Höhepunkten ist, mental zu erfassen und schafft es nicht so richtig. Er leidet daran, dass dieses nördliche Asien faktisch keine Geschichte hat. Die Städte sind jung, historische Burgen oder Orte großer Ereignisse fehlen ganz.

Der Text könnte eine interessante Studie für die im Zuge des „spatial turn“ gerade beliebt werdende Soziologie des Raumes sein, auch wenn jede wissenschaftliche Genauigkeit fehlt. Der namenlose Stadtmensch scheitert in den eingeflochtenen Anekdoten seiner Kindheit und Jugend immer wieder, sich die unermessliche Natur Sibiriens anzueignen. Schließlich flieht er auch in den europäischen Teil Russlands: Und was änderte das? In Sibirien ganz bestimmt nichts! Und bei mir? Ich benahm mich genauso wie ein starker Trinker, der mit dem Trinken aufgehört hat, der früher eben getrunken hat, eigentlich mit nichts anderem beschäftigt war und mit dem Trinken all seine Kraft, seinen Verstand und seine Gesundheit verausgabt hat. Und jetzt trinkt er nicht mehr und ist damit beschäftigt, daß er nicht trinkt, das heißt, er verausgabt all seine Kräfte, seinen Verstand und seine Gesundheit damit, nicht zu trinken … Genau damit ist er beschäftigt – er trinkt nicht.

Somit ist der Rückblick überhaupt nicht nostalgisch und Grischkowez scheint sich immer wieder darüber zu wundern, dass er seiner sogenannten Heimat so wenig warme Emotionen entgegen bringen kann. Und trotzdem kann er sie eben nicht ganz hinter lassen und arbeitet sich in diesem auf unaufdringliche Weise psychologisierendem Buch daran ab.

Jewgenij Grischkowez

Flüsse

Zürich: Ammann 2010

Veröffentlicht unter kritik, literatur | Hinterlasse einen Kommentar