Undead Kennedys

Straßenmusik kann doch wirklich schön sein. Da geht man abends mal in die Stadt, weil das Wetter endlich etwas besser geworden ist. Und dann steht auf dem Platz vor der Oper ein Mann mit seltsamer Frisur und einer Geige in der Hand. Die Haartracht kommt mir bekannt vor. Tatsächlich – der Stehgeiger ist Nigel Kennedy. Er hat sich Kumpels mitgebracht, vier weitere Musiker. Zwei volle Stunden lang verbreiten sie Stimmung und bringen neben mir schätzungsweise weitere 3000 stehengebliebene Passanten zum Schwingen. Sogar die Glockenschläge auf dem Krochhochhaus werden spontan zum Background verarbeitet. Neben Stücken seines Lieblingskomponisten, eines Herrn Kennedy, spielen Nigel und seine Freunde zum Schluss dann auch noch eine Weise, die von einem gewissen Jimmy Hendrix stammen soll. Und alle zufälligen Zuhörer von Teenie bis zum Rentner sind verzückt.

Außer dass es ein wirklich faszinierendes Konzert war, gefällt mir daran, dass Nigel Kennedy alle künstlichen Grenzen zwischen Klassik, Jazz, „Weltmusik“ und Pop gnadenlos mit seiner fünfsaitigen Stromvioline niedergeigt, als gäbe es sie nicht. Gibt es ja auch wirklich nicht, nur in manchen Köpfen stockkonservativer Besitzstandsbewahrer.

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Schreibfehler des Tages

Und die Banken? Sie nutzen die Notlage der Menschen scharmlos aus, lautet der Vorwurf. Diesen schönen Satz habe ich gerade in der Onlineausgabe des Stern gelesen. Wirklich: Etwas freundlicher lächeln könnten die Banker schon, wenn sie jemanden über den Tisch ziehen.

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Klassik als Passagenwerk

Wandelkonzert nannte sich die Veranstaltung, die gestern abend zur Eröffnung des diesjährigen Bachfestes in vier Leipziger Passagen stattfand. Die beteiligten Musiker durften dabei nicht all zu empfindsam sein. Klassik auf akustischen Instrumenten ohne Verstärkung spielen, während tütenbehängte Shopper vorbeihasten, Verkäuferinnen ihre Werbeausteller und Sale-Schilder reinräumen und Kinder greinen – das ist schon Hardcore. Doch für Leute, die keine ausgesprochenen Kenner dieser Musik sind (wozu ich mich selbst zählen muss), ist dieses lockere, mundgerechte Servieren schon eine Anregung, doch wieder mal in ein „richtiges“ Konzert zu gehen.

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Entwicklungshilfe

Höchste Zeit, hier mal auf eine Sache hinzuweisen, für die ich wesentlich mitverantworlich bin – die erste Sommerakademie Chemnitz namens REITBAHN 09. Alle wichtigen Infos dazu sind unter www.sommerakademie-chemnitz.de stets frisch abrufbar. Über die Schwierigkeiten, dafür geeignete Räumlichkeiten zu finden, will ich mich mal nicht auslassen, Weiterlesen

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Stop and go

Vor einer reichlichen Woche noch habe ich für eine Leipziger Monatszeitung ein Interview mit dem Pressesprecher des Fotofestivals F/Stop geführt. Da hieß es, dass die Hauptausstellung diesmal in den Buntgarnwerken an der Nonnenstraße stattfände. Nun flattert eine Meldung ins Postfach, dass F/Stop in der Innenstadt, im äußerlich sanierten aber noch nicht zum Hotel ausgebauten Handelshof, sein neues Domizil hat. Es stimmt also, wenn man sagt, die Leipziger Festivalszene sei in Bewegung.

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Leipziger Geröhre

Seid umschlungen, Leipzigs Straßen
von einer ehernen Schlange
in stahlblau und blassviolett.
Die hat euch fest in der Würge,
hohl, doch zumeist ziemlich voll.
Was aber wirklich drin ist
weiß keiner. Will´s keiner wissen?
Werden da Fördermillionen
hingepumpt und her?
Wird der Elsterstau entleert,
um einen tiefen See zu füllen?
Oder ist da etwa nur
Scheiße gebunkert?
Rauszulassen nach der
nächsten Wahl?
Wie Laokoons Söhne
stemmen wir an
gegen die Umarmung
der röhrenden Kommunal-
politik. Ohnmächtig.

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Die flüchtigen Schnecken

Befreit von Pynchon, kann ich mich endlich kleineren Werken zuwenden, was ich zunächst mal mit lokalen Schriftstellern tue. Da Jan Kuhlbrodts Buch „Schneckenparadies“ (Plöttner-Verlag 2008) autobiografisch angelegt ist, kann ich es aber nicht ausschließlich nach dem literarischen Eindruck bewerten. Ich kenne den Autor seit mehr als 20 Jahren und auch manche der auftretenden Personen. Weiterlesen

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Geballte Zerstreuung

Eine gestern gehabte Diskussion, ob denn Kultur- und Freizeiteinrichtungen in einer Großstadt schön gleichmäßig verteilt liegen sollten, oder besser zum Klumpen geballt, lässt mich wieder einmal an den Gesetzen der formalen Logik zweifeln. Demnach wäre es tatsächlich sinnvoller, dass beispielsweise jede Kneipe ihren eigenen Kundeneinzugsradius hat, der nächsten also nicht zu nahe rückt. In der Praxis ist das Gegenteil der Fall. Weiterlesen

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Alle Töne des Schwarz

Am letzten Tag des diesjährigen WGT habe ich es nun doch noch geschafft, mich unter die Gaffer zu mischen und einige Fotos zu machen. Auch wenn ich nicht gerade auf die Musik dieser Szene(n) stehe, fasziniert mich aber die Vielfalt des Auftritts. Warum können andere Subkulturen nicht so bunt sein wie die Schwarzen?

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Als es noch Zukunft gab

Weil wir heute endlich mal in der Joe-Colombo-Ausstellung des Grassi-Museums waren, musste ich an das Bonmot denken: Früher war alles besser – sogar die Zukunft. Die Kreationen des Italieners mit dem amerikanisch klingenden Namen versprühen so eine Zuversicht, die heute nur noch eingefleischte Ignoranten haben können. Damals in den poppigen Sechzigern gehörte sie zum allgemeinen Lebensgefühl. Da waren Plaste und Elaste noch Hoffnungsträger und grelle Farben durften unmittelbar aufeinander treffen. Allerdings war Colombo auch zu dieser Zeit schon ein Blumenkind unter vielen mausgrauen Designern, welche die Begriffe Funktionalismus und Rationalismus mt ihren schematischen Kästen in Verruf brachten. Bei ihm ist alles viel fantasievoller, schräger, organischer – und trotzdem zumeist ganz funktional. Nur für den Schöpfer selbst war die Zukunft sehr knapp bemessen, er starb an seinem 41. Geburtstag. Vielleicht hätte er nicht so viel Energie in die Entwicklung von Trinkgefäßen legen sollen, bei deren Benutzung man die Zigarette in der Hand behalten kann.

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