Aus: Der Spiegel – Geschichte. Nr. 1/2010: Die Französische Revolution. S. 36.
- Ein privates Blog von Jens Kassner zu Kunst, Literatur, Politik, Alltag und anderen Themen
Seiten
Kategorien
Archiv
Werbung
Metabereich
Wie ein Schwamm fühle ich mich, wenn ich mir auf der Messe die „Schönsten Bücher“ des Jahres ansehe oder auch die Stände der Designhochschulen mit den netten Experimenten, die im kalten Wind des realen Marktes keine Chance hätten. Ich sauge Eindrücke auf in der Hoffnung, sie dann nach Belieben wieder ausquetschen zu können. Aber dann stellt sich heraus, dass mittlerweile das meiste verdunstet ist, nur noch Restfeuchtigkeit verbleibt. So ähnlich verhält es sich mit der kreativen Energie, die da einströmt – gleich könnte ich mich hinsetzen und ein wunderschönes, ganz experimentelles, dabei auch schräges Buch machen. Aber erst einmal habe ich das und jenes zu erledigen, dann stehn noch Termine an, Besuch kommt … Und schließlich: Wer soll das denn bezahlen?
Der Donnerstagabend verging in der MB bei der Langen Lesenacht, für uns schon Gewohnheitssache. Und wieder war es eine Mischung von ziemlich vielen guten Namen, die ich noch nicht kannte, und wenigen, die ich auch nicht kennen muss. Aber nach vier Stunden auf hartem Gestühl war dann die Luft raus. Nicht aus dem Gestühl, aber sonstwo anders.
Heute haben wir auf der Messe selbst noch Franz Dobler angehört. Aber der hatte wohl eine lange Nacht hinter sich. Viel Gelaber, wenig Text. Eigentlich eine Verarschung des üppig versammelten Publikums.
Die bisher nur spärlich anzutreffenden Cosplay-Kids traten heute nun in Klumpen auf. Vor paar Jahren habe ich auf diese Kostümierten noch mit Verwunderung reagiert, danach mit etwas Ärger – nehmen die diese ernsthafte Literatur- und Buchproduktion auf die Schippe? Jetzt finde ich es amüsant. Die meisten geben sich ja auch wirklich viel Mühe für das exzentrischen Outfit.
Endlich findet die Buchmesse mal im Frühling statt, dachte ich mit heute morgen und nahm die Straßenbahn statt der schnelleren S-Bahn, um die Sonne zu genießen. Die am Roßplatz noch leere Linie 16 wurde aber am Hauptbahnhof rammelvoll, so dass die Scheiben beschlugen und nichts mit Sonne war.
Auch die morgens noch angenehm luftigen Messehallen füllten sich zusehends mit Menschen. Etwas leid taten mir die Jungs und Mädels in Bas Böttchers Textbox, die in der ohnhin aufgeheizten Glashalle zum Autoren-Grill wurde.
Nach einigen Plaudereien, Händeschütteln und Zuhören bin ich nun gerade wieder zurück und sortiere den mit bedrucktem Papier vollgestopften Rucksack. Wie nennt sich diese Sammelkrankheit?
Dank eines Mitstudenten, dessen Freundin im Buchgewerbe tätig war, kam ich in den 1980er an Bücher, die zwar in der DDR erschienen, aber trotzdem höchstens zufällig im Laden zu finden waren. Darunter solche von Christoph Hein. Die ausweglos-depressive Stimmung in „Der fremde Freund“ begeistert mich nicht gerade, dafür aber die ironische Kritik in „Der Tangospieler“. Vor zwei Jahren habe ich „Die Landnahme“ von Hein gelesen. Trotz der dichten Story und raffinierten Struktur enttäuschte mich die Farblosigkeit der Figuren – bis zum Ende des Romans kann man sich die Protagonisten nicht bildlich vorstellen, da sie Charaktere ohne Gesicht bleiben. Nun habe ich gerade den Erzählband „Exekution eines Kalbes“ durch, der 1994 in erster Auflage erschienen ist. Weiterlesen
Google macht die Nutzer ja immer häufiger mit einer superkreativen Logo-Umformung auf die Wichtigkeit des jeweiligen Tages aufmerksam. Dass am vorigen Montag auf den Internationalen Frauentag hingewiesen worden wäre, habe ich zwar nicht mitgekriegt, aber trotzdem meiner Frau Blumen geschenkt. Heute aber sagt mir Google, dass Pi-Tag ist. Was fang ich mit diesem Wissen an? Ich werde mich wohl gleich mal hinsetzen und die 3.456.769-te Stelle neu berechnen. Ich hab das Gefühl, die stimmt nicht …
Schon vor mehreren Tagen (bzw. Nächten) sagte im Traum ein Mann zu mir: „Ich bin ganz anders als man denkt. Aber das wird jetzt anders.“ Seitdem grüble ich über die philosophischen und tiefenspychologischen Aspekte dieser Aussage und komme zu keinem richtigen Ergebnis. Träume können es einem machmal ganz schön schwer machen.
Es gibt illegale Galerien der späten DDR-Zeit, die nach der Wende ihren Underground-Nimbus erfolgreich für eine Karriere auf dem nun ganz und gar offenen Markt nutzen konnten. Judy Lybkes Leipziger Eigen+Art ist das beste Beispiel dafür. Während Lybke aber ein sicheres Gespür für neue Talente und Trends hat, verwechselt die Chemnitzer Gruppe „Clara Mosch“ das ewige Ausstellen von Stasiakten mit Kunst. Dabei gab es in den 1980ern ebenda in Karl-Marx-Stadt eine weitere Ausstellungsfläche abseits des reglementierten Künstlerbundes. Andreas Schüller öffnete sein Atelier in einer Bruchbude an der Fritz-Reuter-Straße für befreundete Künstler, von denen manche heute auch überregional einen Namen haben. Natürlich schrieben auch darüber etliche IMs Berichte. Dass bislang trotzdem kaum jemand über diese eigentliche Szene hinaus Kenntnis davon hatte, liegt wohl an Schüllers Bescheidenheit und seinem Mangel an Vermarktungstalent. Nun widmet sich die Galerie Laterne diesem Stück lokaler Kunstgeschichte mit einer sehenswerten Ausstellung und einem ebenso guten Katalog. Dass der Name „Galerie Boykott“ ein nachträgliches Konstrukt ist, stört dabei überhaupt nicht.
Nichts belehrt und erhebt mehr zur Gottesfurcht und zum heiligen Dienst als Leben und Vorbild jener, die sich dem heiligen Amte geweiht haben. Sobald sie nämlich in einen Stand über den weltlichen Dingen erhoben sind, richten alle übrigen auf sie ihre Blicke wie auf einen Spiegel und nehmen sie zum Vorbild, dem sie nacheifern sollen. Daher müssen die Kleriker, denen es bestimmt ist, ihr Leben mit dem Herrn zu teilen, ihr Leben und ihr ganzes Verhalten so einrichten, daß sie in ihrer Kleidung, ihrem äußeren Auftreten, ihrem Handeln, ihren Reden und in allem Übrigen nichts als Ernsthaftigkeit, Zurückhaltung und der Religion Gemäßes an den Tag legen.
Erlass des Tridentinischen Konzils vom 17. September 1562
Angesichts unseres Weihnachtsgrußes kamen ja gleich zwei Kommentare, ob das bei Wag the Dog abgeguckt sei. Da ich mit diesem Filmtitel nichts anfangen konnte, war Udo Tiffert so nett, das Werk beim vorletzten Livelyrix-Slam mal mit nach Leipzig zu bringen. Unterdessen hat es die ganze Familie mit größtem Vergnügen angeschaut.
Jedem, der wie ich den Film noch nicht kannte, sei ein Gang in seine Videothek des Vertrauens empfohlen. Dustin Hoffman und Robert de Niro in den Hauptrollen inszenieren da einen Krieg gegen Albanien, um kurz vor der Wahl von einer sexuellen Verfehlung des US-Präsidenten abzulenken. Zwar findet der Krieg nur im Fernsehn statt, doch die sorgfältig inszenierte Massenhysterie erinnert ganz stark an reale Nachrichten aus Gottes eigenem Land. Wenn man das Produktionsjahr 1997 berücksichtigt, ist Wag the Dog geradezu prophetisch. Und so ganz nebenbei weiß ich nun eben auch, woher die seltsame Mode der Shoefitties stammt.
Bisher hatte ich nur einmal das Erlebnis, dass ich spontan dachte: „Chemnitz ist schön!“. Das war vor vielen Jahren, als ich durch die Innenstadt von Offenbach am Main schlenderte. Heute gab es nun eine Parallelerfahrung: Wir waren in Wolfburg.
Für den Trip hatten wir uns den perfekten Tag ausgewählt – drei Stunden schlittern auf schneeglatter Autobahn, vorbei an kilometerlangen Staus in der Gegenrichtung. Aber die Ausstellung von James Turrell, unser eigentlicher Anlass der Reise, geht eben nur noch bis Anfang April und alle anderen Wochenenden sind ausgeplant.
Turrells Lichträume im Wolfsburger Kunstmuseum sind wirklich sehr beeindruckend (auch wenn es gern etwas mehr davon sein dürfte). Für mich ist das eines der ganz, ganz wenigen Beispiele, wie minimalistische Konzeptkunst gut sein kann und sich nicht in ewigem Durchkauen der gleichen uralten Gedankenblitze erschöpft.
Nach diesem inneren Leuchten dann die eingangs benannte Erleuchtung in der innerstädtischen Fußgängerzone von Wolfsburg. Übrigens stellten wir dann fest, dass die Turrell-Ausstellung bis Oktober verlängert worden ist.