Bürgerdämmerung

Falls man nicht gerade vertrauliche Daten einträgt, kann der Google-Kalender ein nützliches Arbeitsmittel sein. Als Zusatzservice lassen sich da auch die Zeiten für Auf- und Untergang von Sonne und Mond anzeigen. Das schönste dabei ist: Es existieren drei Arten von Dämmerung. Neben der astronomischen und der nautischen gibt es da noch eine bürgerliche Dämmerung. Die gefällt mir am besten. Das hört sich so nach Nietzsche an. Heute zum Beispiel war 17.33 Uhr Ende der bürgerlichen Dämmerung. Wahrscheinlich müssen spätestens zu dieser Zeit alle CDU- und FDP-Wähler zu Hause eingetroffen sein.

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Zeitiger ganz feucht

Warum hat es 2008 solch einen Skandal um Charlotte Roches Feuchtgebiete gegeben, wo doch schon sechs Jahre zuvor in German Amok von Feridun Zaimoglu all das da ist, worüber sich die Rezensenten damals so aufregten? Über Sex jenseits der Missionarsstellung wird genau so intensiv wie dreckig geschrieben. Hinzu kommen Ausfälle des Ich-Erzählers, eines erfolglosen Berliner Malers, die man bei einem deutschen Autor als rassistisch, chauvinistisch und islamfeindlich bezeichnen würde. Doch so wie die Angehörigen diverser Ethnien werden auch die Ostdeutschen pauschal als dumm und hinterwäldlerisch markiert. Während diese drastischen Überzeichnungen als vorsätzliche Enzyklopädie provokanter Themen erkennbar werden, ist das hauptsächliche Sujet des Romans offensichtlich nur schonungslos realistisch dargestellt – die aufgeblasene Leere des zeitgenössischen Kunstbetriebes. German Amok ist ein bösartiges Buch. Das mag ich.

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Dreierpack

Die Bezeichnung Trilogie klingt gewaltig. Für den Dreierpack kleiner Büchlein aus dem Passage-Verlag Leipzig wäre das Wort eine heftige Übertreibung. Das bescheidene Format hat dabei einen speziellen Zweck: Kurzgeschichten für Bahn und Bus nennt sich das Werk. Die Heftchen kann man deshalb gut in die Jackentasche stecken, und die Länge der Geschichten passt gerade für die Fahrt zwischen zwei, drei Stationen.

Der Unterhaltungswert ist allerdings sehr verschieden. Die drei Stories des ersten Heftes mit dem Titel Wasser hat Katharina Bendixen geschrieben. Sie sind kunstvoll gestrickt mit surrealen Untertönen, haben auch teilweise etwas Beklemmendes. Die Texte des zweiten Bandes namens Blickwechsel sind von Ralph Grüneberger. Hier geht es tatsächlich um (fiktive) Begebenheiten in der Straßenbahn. Ein besonderer Effekt ist, dass zwei Geschichten identisch beginnen und dann verschieden weiterführen. Insgesamt ist die Machart jedoch ganz Old School, solide aber nicht aufregend. Gänzlich unbedarft ist aber Das Leben der Dinge im dritten Heft, das Jutta Pillat verfasst hat. Es sind Miniaturen ohne richtige Handlung, aber auch ohne technische Rafinesse – schlichtweg überflüssiges Gelaber. Da schau ich in der Bahn doch lieber aus dem Fenster als so etwas zu lesen.

Wenn man die Lebensalter der drei Autoren nimmt – 1981, 1951 und 1943 geboren – und daraus ein Entwicklungsgesetz ableiten möchte, dann steht der Leipziger Literatur eine glänzende Zukunft bevor.

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Im Namen des Volkes

Mein nicht durchweg gefestigter Glaube an den Rechtsstaat hat etwas Auftrieb bekommen, seit ich in der vorigen Woche ein Urteil des Amtsgerichtes Leipzig zugeschickt bekam, in welchem die Rechtmößigkeit meiner Klage bestätigt wird. Ich bin nämlich der Meinung, dass man für bestellte und pünktlich abgelieferte Zeitschriftenartikel das volle Honorar bekommen sollte. Da Jonas Plöttner, Chef des gleichnamigen Verlages, das nicht so sah und für meine Beiträge zur Zeitschrift Kunststoff gar nicht oder nur prozentual bezahlen wollte, war der Gang vor Gericht leider nötig. Wie der Richter in einer Nebenbemerkung äußerte, bin ich nicht der einzige, der sich die Geschäftspraktiken dieses Verlages nicht einfach so gefallen lässt, auch wenn es nicht um riesige Beträge geht.

Nun steht sicherlich noch die Frage im Raum, warum ich das auch noch öffentlich machen muss, wenn ich doch schon Recht bekommen habe. Die Zeitschrift ist nach halbjähriger Pause wieder aufgelegt worden, und zweifellos gibt es neue Autoren, die an die Seriosität des Unternehmens glauben. Sie sollten wissen, dass eine vertragliche Absicherung vor jeder, auch noch so bescheidenen, Zuarbeit sehr sinnvoll ist.

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Alles Lüge

Aus einem nicht gerade erfreulichen Anlass war ich vor wenigen Tagen in einer Berliner Tierklinik, die auch Schauplatz einer Reality-Soap des deutschen Privatfernsehns ist. Als wir dort im Warteraum mit etlichen Hunden, Katzen und deren Haltern saßen, kamen zwei Polizisten und erklärten dem Mädchen am Aufnahmefenster, dass sie die Schwäne wieder holen wollen, die sie gestern gebracht haben. Aber auch das Kamerateam komme noch vorbei. Als es dann kam, wurden diese Vögelchen erst einmal in großen Pappkartons auf die Straße geschafft und dann vor laufender Kamera wieder hereingebracht. Der Vortag, der wohl noch nicht auf Video war, musste also noch einmal nachgestellt werden. So werden die Fernsehzuschauer, die glauben, da sei alles live durch fliegende Reporter erfasst worden, verarscht.

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Preiswert

Das freut mich richtig: Der Leipzig/Dresdner Verlag Voland & Quist bekommt den diesjährigen Kurt-Wolff-Förderpreis verliehen. Vielleicht hilft diese Anerkennung auch, der Art von Literatur, die bei V & Q im Mittelpunkt steht – also Spokenword – etwas mehr Anerkennung beim etablierten Literaturbetrieb zu verleihen, wo zumeist hochnäsig auf diese angeblichen Schmuddelkinder herabgeblickt wird.

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Wie die alten Rittersleut

Bei meinem fortgesetzten Kampf mit der Chimäre namens Hochkultur habe ich an unerwarteter Stelle eine Erklärungshilfe gefunden.  Warum sich gerade Funktionäre von SPD, Grünen oder Linken in Bezug auf kulturelle Präferenzen manchmal noch dünkelhafter verhalten als ausgewiesene Konservative, erläutert Arnold Hauser in seiner 1953 erschienenen Sozialgeschichte der Kunst und Literatur anhand des spätmitelalterlichen Rittertums. Diese Parvenus unter den Adligen, aus dem Berufskriegerstand hochgerackert, achteten nämlich besonders pedantisch auf höfische Etikette und Moral. Hauser: Es ist eine wohlbekannte, in der Geschichte der Gesellschaftsklassen sich oft wiederholende Erscheinung, daß die neuen Mitglieder einer privilegierten Schicht in ihren Anschauungen über Fragen der Standesmäßigkeit rigoroser sind als die alten Vertreter des Standes und daß ihnen die Ideen, die die betreffende Gruppe zusammenhalten und von anderen Gruppen unterscheiden, stärker zum Bewußtsein kommen als denjenigen, die in diesen Ideen aufgewachsen sind.

Allerdings ist ja seit Don Quichote bekannt, wie es den zu spät kommenden Rittern ergeht. Sie werden zur Witzfigur.

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Heiteres Städteraten

Die Rechtschreibkommission hat ja im zurückliegenden Jahrzehnt schon ganze Arbeit geleistet, das ehemals starre Regelwerk der deutschen Sprache zu entkrampfen. Nun legt die Bahn AG nach und will auch bei der Schreibung von Ortsnamen eine Liberalisierung bewirken. Vielleicht soll uns mit der variantenreichen Anzeigetafel im Chemnitzer Hauptbahnhof aber auch nur gesagt werden, dass es gleich ist, wohin man fährt – alle Züge haben Verspätung.

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Pole Position

Zwar weiß ich, dass heutige Diskos erst zu einer Stunde beginnen, als zu meiner aktiven Diskozeit schon die Stühle hochgestellt wurden. Doch eine Silvesterparty, die Punkt Mitternacht ihren Höhepunkt haben soll, könnte doch eigentlich gegen 21 Uhr beginnen. So stand es ja auch im Programm. Jedenfalls waren wir dank meiner Drängelei die ersten, die am letzten Abend des Jahres an der Clubeinlasstür standen. Die Garderobenmarke mit der mageren 1 durften wir deshalb auch mitnehmen. Und wir kamen in den Genuss, auf einem bequemen Sofa einen uralten ungarischen Trickfilm im zweimaligen Durchlauf genießen zu können, einmal davon mit englischen Untertiteln. Jedenfalls wurde es noch eine schöne, sich langsam steigernde Nacht in der Südvorstadt.

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Guten Rutsch …

… kann ich allen nur wünschen, wenn ich so aus dem Fenster schaue, wo der Regen gerade in Schnee übergeht. Wir wollen jedenfalls heute abend mal bei Horns Erben vorbeirutschen, wo zwei Kapellen aufspielen sollen.

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