Ich booke jetzt face

Um nicht vor dem Zeitgeist zu erschrecken, habe ich nun endlich auch einen Account bei Facebook. Zwar kann ich mich da in der internen Suchmaschine noch nicht wiederfinden, aber über – beispielsweise – Udo Tifferts Freundesliste kann man mich finden, an 199. Stelle. Und auch meine Tochter gehört nun zu meinen vielen Freundinnen. Ich hoffe, das ist nicht missverständlich.

Um als Amateur mit dem Medium klar zu kommen, habe ich mir ein gar nicht so billiges Buch gekauft. Nun muss ich feststellen, dass es mir nur bedingt nützt, weil es mit der nagelneuen Benutzeroberfläche von Facebook etliche Änderungen auch in der Funktionalität gibt. Also: zur falschen Zeit eingestiegen.

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Offener Ausgang

„Offene Zweierbeziehung“ am TdjW Leipzig.

Es ist das Thema Nummer Eins der Literatur, des Theaters, des Films – das scheinbar so schwer umsetzbare stabile und dabei auch noch harmonische Zusammenleben eines Paares, das wegen des Dauerkonflikts der natürlichen (und damit sexuellen) und der intellektuellen Seite des Menschen permanent zu scheitern droht. Spätestens seit den wilden Sechzigern wird als eine Alternative zur Alternative Unterwerfung vs. Trennung die „offene Zweierbeziehung“ diskutiert und ausprobiert. Nur ist sie dann eben keine Zweierbeziehung mehr, wenn man die Mathematik ein bisschen ernst nimmt.

Gar nicht sonderlich ernst nehmen Nobelpreisträger Dario Fo und seine Frau Franca Rame das Thema. Die unzähligen Selbstmordversuche in dem kaum länger als eine Stunde dauernden Stück sind immer ziemlich lächerlich, die Dialoge nicht unbedingt von reflektierendem Tiefgang gezeichnet. Auch wenn das Autoren-Duo ansonsten für politische Aussagen bekannt ist, fehlen diese in „Offene Zweierbeziehung“ weitgehend. Zwar wird die Frau ganz nach dem tradierten Rollenverständnis als Opfer des wollüstigen Gatten dargestellt, aber keinerlei Feminismus der verbissenen Gangart zelebriert. Zeigefinger auf die bürgerliche Gesellschaft als eigentliche Ursache der Zerrüttung sind ebenso wenig zu erkennen. Statt dessen werden so ziemlich alle Klischees durchgenommen, die in solch einer Konstellation stecken, mit Ausnahme der Option, dass mindestens einer der Partner homoerotische Neigungen entdeckt.

Jürgen Zilinski inszeniert die Komödie am Theater der jungen Welt locker-leicht, ohne die Versuchung, etwas hineinzupacken, was gar nicht im Text steht. Einige vorsichtige Modernisierungen gibt es allerdings. So konnte der „Held“ 1983, als das Stück erstmals auf Deutsch erschien, natürlich noch nicht beiläufig eine SMS an die Geliebte eintippen, während er der Gattin erklärt, welche Achtung er ihr entgegenbringe. Das gekonnte Spiel von Sonia Abril Romero und Roland Klein trägt entscheidend dazu bei, dass aus der Farce keine Klamotte wird.

Am Ende wird klar, was eigentlich auch vorher schon fast jedem klar war. Die große Offenheit, die in der Gesellschaft, der Software, der Informationsverbreitung gerade so eindrucksvoll im Kommen ist, erscheint für die Liebe zwischen zwei Menschen nach wie vor ungeeignet. Insofern kann man die Vorlage von Fo und Rame auch als eine Abrechnung mancher eigener Illusionen der 68er-Generation lesen.

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Der gar nicht so kurze Post zum langen Abschied

Der Regionalexpress R6 fährt trotz Winterwetter fast pünktlich in Chemnitz ab, aus diesem so überdimensioniert im Verhältnis zur Zahl der Zugverbindungen wirkenden Hauptbahnhof. Vor fast fünf Jahren fuhren wir mit einem gemieteten Transporter diese Strecke ebenfalls bei Schnee und Eis, die letzte Fuhre des Umzugs nach Leipzig. Dass ich noch einen ganzen Fünfjahrplan dranhänge, um Woche für Woche im Netzwerk für Kultur-und Jugendarbeit zu werkeln, hätte ich damals nicht gedacht. Nun ist auch damit Schluss. Doch ganz lässt mich Chemnitz immer noch nicht los. Weiterlesen

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Letzte Konkretisierung

„Was mich immer etwas enttäuscht, dass die Zeitungstexte kaum konkret werden …“ beschwert sich Andreas Schüller, selbst Künstler und Chef der Chemnitzer Galerie Laterne, im aktuellen Laterne-Journal, über die Harmlosigkeit von Kunstkritik. Da muss ich an eine heftige Debatte denken, die ich mit Andreas vor langer Zeit, 13 Jahre etwa, hatte. Meinen Text im Stadtstreicher über eine Ausstellung in der Laterne fand er zu konkret in negativer Richtung. Daraufhin erschien in seinem Journal eine wütende Attacke auf diese blöden Journalisten, die mich wiederum zu einer Replik veranlasste.

Solche Auseinandersetzungen sind tatsächlich selten. So selten wie Verisse über Kunstausstellungen. In überregionalen Medien findet man die, Robert Hughes Sammlung Denn ich bin nichts, wenn ich nicht lästern darf ist ein wunderbares Beispiel dafür. Aber in der Lokalpresse scheint das schwer machbar, selbst wenn die Redaktionen es erlauben. Das hat Gründe.

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Hintenrum

Die Veranstaltung, für die heute in der LVZ geworben wird, geht mir glatt am Hintern vorbei:

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Unverseglich

Ausgerechnet in einem libanesischem Film habe ich das Wort gebendeit gehört. Das erinnerte mich irgendwie an das zu DDR-Zeiten gebräuchliche Gerede von „unverbrüchlicher Freundschaft“. Da habe ich auch immer überlegt, wovon das denn abgeleitet ist: verbrechen? Aber benedeien gibt es wirklich als Verb, ich habe nachgeschlagen. Es soll synonym mit segnen sein. Der jetzige Papst wusste schon, warum er den Namen Benedikt, also der Gesegnete, gewählt hat. Da spart er vor der Heiligsprechung einen Schritt ein.

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Zwischenlese

Nun habe ich endlich angefangen, Sarrazin zu lesen. Geld wollte ich dafür nicht ausgeben, jetzt war es in der Bibliothek zu haben. Für eine Einschätzung ist es nach etwa 100 Seiten noch zu früh, doch ein Zitat aus dem Buch, das ich unmittelbar davor gelesen habe, scheint zufällig ganz gut zu passen. In dieser Einführung in die „Cultural Studies“ steht da über die von Politik und Medien praktizierte „Signifikationsspirale“:

(1) Identifizierung eines bestimmten „Problemthemas“

(2) Identifizierung einer subversiven Minderheit

(3) Artikukation – d.h. Herstellung von „Konvergenzen“ – des Themas mit anderen gesellschaftlichen Problemen

(4) Einrichtung symbolischer „Schwellen“, deren Überschreitung zur Eskalation der Bedrohung führen kann

(5) Vorhersage noch größerer Probleme, sollten keine Maßnahmen getroffen werden

(6) der Ruf nach „strengeren Maßnahmen“

Das scheint aber die Sarrazin-Debatte zu beschreiben. Es stammt aber aus dem England der 1970er Jahre, als angeblich jugendliche Straßenräuber die gesellschaftliche Zukunft infrage stellten.

Quelle: Marchart, Oliver: Cultural Studies. Konstanz: UVK 2008, S. 237.

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Volltreffer

Die Präzision der Horoskope im der LVZ verblüfft mich immer wieder. Die Vorhersage in der aktuellen Wochenendausgabe ist aber unübertrefflich. Da wird mir geraten, doch endlich Behördengänge zu erledigen. Am Samstag und Sonntag. Aus welcher Sternkonstellation wurde das herausgelesen? Und was sagt die Gewerkschaft der Hellseher dazu?

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Voller Zug

Das Jugendwort des Jahres ist also „Niveaulimbo“. Leider hat das keiner der mir persönlich bekannten Jugendlichen (und manche davon wohnen in der Metropole Berlin) je gehört. In welchen Redaktionsstuben denkt man sich so was aus?

Reales Leben war allerdings die Durchsage, die ich heute früh im Zug Leipzig-Chemnitz gehört habe, als er (wie fast immer) in Liebertwolkwitz außerplanmäßig hielt: „Werte Fahrgäste, die Weiterfahrt verzögert sich um wenige Minuten. Wir erwarten einen Zugvollzug.“ Leider wurde nicht mitgeteilt, ob es sich um offenen oder geschlossenen Vollzug handelte. Bei diesem Wetter plädiere ich für geschlossenen.

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Kindheit in KMSt

Etwas erstaunt war ich, vom Plöttner-Verlag, gegen den ich vor einen Jahr prozessiert hatte, einen dicken Brief zu bekommen. Drin war das neue Buch von Jan Kuhlbrodt, ohne Anschreiben. Gut, gegen Schenkungen von Lesestoff habe ich selten was einzuwenden. Und gelesen habe ich das Büchlein nun auch.

„Vor der Schrift“ heißt es. Die grafische Gestaltung deutet schon darauf hin, dass es um Kindheitserinnerungen geht. Doch ins Französische gedreht – avant la lettre – kann auch gemeint sein, das die Autoren-Persönlichkeit schon existierte und geformt wurde, als sie ihren schönen Namen noch gar nicht buchstabieren konnte. Für den Schriftsteller und Philosophen Kuhlbrodt muss die Schrift einen herausragenden Stellenwert haben, die Zeit davor ist wohl nur eine Vorbereitung.

Er erzählt präzise (nehme ich jedenfalls an) von teilweise recht verwickelten Familienverhältnissen im Karl-Marx-Stadt der späten sechziger Jahre, von den Wohnungen – der heruntergekommenen auf dem Sonnenberg, der neuen im Plattenbau – und von frühen Freundschaften. Für mich gibt es Dejà-vu-Effekte, da ich ja die Stadt auch noch vor der Wende kennengelernt habe und Namen wie Friedrich-Engels-Straße mit etwas Anstrengung zu verorten weiß. Und auch weil ich den Autor und von den handelnden Personen zumindest die Mutter kenne. Ob die Aufreihung von Episoden aber für Leute in anderen Gegenden auch einen Reiz haben kann, ist doch eher fraglich. Denn die literarische Verarbeitung bleibt im Unterschied zu Kulbrodts vorigem Buch, dem ebenfalls autobiografischen „Schneckenparadies“, dünn. Zwar werden Reflektionen über die jetzige Zeit, in der er selbst Vater von zwei Töchtern ist, eingeflochten, doch Tiefe ist selten mal vorhanden. Es ist ein sehr persönliches Buch. Es sieht so aus, als habe er diese Erinnerungen sicherstellen wollen für sich selbst, ein bisschen auch für die Familie. Doch dafür wäre nicht unbedingt die Veröffentlichung nötig gewesen.

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