Jens Kassner

Texte, Kommentare und anderes.

Tag der geschlossenen Tür

Geschrieben am | Januar 25, 2012 | Keine Kommentare

Heute stand ich zum zweiten Mal innerhalb von acht Tagen vor der Tür des Laden für nichts in der Spinnerei, um einen LVZ-Artikel über die Ausstellung von Markus Uhr zu schreiben. Und wieder war zu innerhalb der ausgeschriebenen Öffnungszeit. Vorige Woche hing wenigstens noch ein entschuldigender Zettel dran. Nun erfüllt sich der eigenartige Name der Galerie auf unangenehme Weise. Jedenfalls ist mein Interesse gestorben. Doch auch vor Delikatessenhaus und Galerie ASPN habe ich schon vergeblich rumgestanden, obwohl hätte offen sein müssen. Klar, ich bin kein konsumfreudiger Kunstsammler. Aber wenn nur die willkommen sind, kann man sich Öffnungszeiten auch ganz sparen und nur nach vorheriger Vereinbarung aufschließen.

Farbloser Brief an einen keinesfalls Blauen

Geschrieben am | Januar 19, 2012 | Keine Kommentare

Herr Menzel,

da haben Sie also wieder mal (k)einen blauen Brief verschickt. Bisher waren die Adressaten ja normalerweise mehr oder weniger hochrangige Parteipolitiker. Nun ist es die Staatsanwältin Klenke. Die kannte ich bisher nicht, habe aber von ihr ebenso wie Sie vorige Woche ein Schreiben bekommen. So richtig traditionell, oder konservativ, wie sie zu sagen belieben, auf Papier ausgedruckt und per Post zugestellt. Da stand drin, dass Ihre Anzeige gegen mich wegen Beleidigung nicht von öffentlichem Interesse sei und darum fallengelassen wird. Das freut mich eigentlich, denn der Zeitaufwand für ein Gerichtsverfahren ist doch unproduktiv. Andererseits hatte ich mich schon darauf vorbereitet und für einen sehr wahrscheinlichen Freispruch gute Argumente gesammelt. Weiterlesen

Schöner feiern

Geschrieben am | Januar 17, 2012 | Keine Kommentare

Meine liebsten Namen von Kneipen oder Clubs in Leipzig:

1. Ilses Erika

2. Noch besser leben

3. Besser leben

4. Schlechtes Versteck

5. Conne Island

6. Nato

7. Horns Erben

8. Wärmehalle Süd

9. Staubsauger

10. Kulturwirtschaft Waldfrieden

Ja sie lebt noch (ein bisschen)

Geschrieben am | Januar 16, 2012 | Keine Kommentare

Kaum etwas bewegt die Chemnitzer derzeit mehr als der taz-Artikel Cui bono, Chemnitz? von Michael Gückel und die Reaktionen darauf. Etwas übertrieben fand ich aber die Einblendung unter den Kommentaren bei taz-online: Vorwurf der Leichenschändung. So ist das mit der eingeschobenen Werbung, da ergeben sich häufig nette Assoziationen.

Passender sind zum Thema zwei andere Medienfundstücke. In der ZEIT 52/2011 äußert die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig zu den Wünschen für das neue Jahr allen Ernstes: Das Etikett “Industriestadt” ist heute kein Makel mehr, sondern ein Gütesiegel. Weiter: Und eine wichtige Botschaft für junge Leute lautet: Hier kann man inzwischen eine internationale Karriere starten, ohne seine Wurzeln dafür aufzugeben.

Wegen ihres Idealzieles, das Sächsische Manchester wieder aufleben zu lassen, sollte Frau Ludwig nochmal bei Friedrich Engels bezüglich der Nebenwirkungen nachlesen. Und wegen der Wurzeln war im Stadtstreicher, dem Chemnitzer Stadtjournal, ausgerechnet in der Jubiläumsausgabe zum Zwanzigsten eine düstere Karikatur mit vielen Grabsteinen zu sehen, auf denen unter anderen steht: Splash, Cube, ZV-Bunker, Konzerte im Kraftwerk …  So bleibt den jungen Karrieristen nicht viel anderes übrig, als nach der Schicht an der Stanze entweder in der Stadthalle zu volkstümlichen Weisen zu schunkeln oder mitzufiebern, dass der CFC die mühsam errungene Drittklassigkeit halten kann.

Ein verlorenes Land namens BRD

Geschrieben am | Januar 12, 2012 | Keine Kommentare

Bie 2001 gab es einen ganzen Packen Bücher aus dem Verbrecher Verlag für wenig Geld. Auch wenn ich von den 10 Bänden erst die Hälfte geschafft habe, will ich nach und nach die Eindrücke vor dem gänzlichen Verblassen einfangen. Also ganz von vorn. Noch am Algarve-Strand - das passt - habe ich My private BRD von Ambros Waibel gelesen.

Eine Kindheit und Jugend im München der siebziger Jahre wird seziert. Das ist an sich nichts aufregendes, und  tatsächlich passiert bei Waibel nicht viel Spektakuläres. Sich mit Hilfe eines befreundeten Arztes vor der Wehrpflicht drücken wollen, dann aber doch gehen, ist ja nicht so außergewöhnlich. Doch der Autor findet einen angenehm selbstironischen Ton zur Schilderung dieses kleinbürgerlichen Milieus zwischen Nachbarschaft, Schule und Vereinen, das immer ein wenig auf der Kippe steht. Der Vater sondert sich ab, der Bruder schlägt eine linksradikale Karriere ein, und über sich selbst sagt Waibel: Meine einzigen Schwächen sind Feigheit, mangelndes Selbstbewußtsein und Größenwahn. Das Leben eckt immer wieder an, ohne wirkliche Schmerzen zu bereiten.

Eigentlich müsste es aus östlicher Perspektive eine fremde Welt sein, diese private BRD. Doch vieles kommt einem so sehr vertraut vor, nicht erst jetzt, da man auch die diversen Warenmarken aus eigener Anschauung kennt. Und was fremd erscheint, ist vermutlich wegen der Patina auch für viele Münchener schon etwas seltsam.

Mut zum Zweithören

Geschrieben am | Januar 11, 2012 | Keine Kommentare

So ist das mit den Weihnachtsgeschenken: Hören wollte ich Lulu - die CD des seltsamen Teams Lou Ree & Metallica schon mal, nach der Lektüre einer vernichtenden Kritik in der ZEIT aber nicht unbedingt besitzen. Nun lag sie unterm imaginären Tannenbaum.

Easy listening lässt schon das Thema nicht erwarten, diese bluttriefende Story einer Teilzeitprostituierten nach Frank Wedekind bzw. Alban Berg. Doch auch die Musiker brachten ja bisher nur gelegentlich Stücke wie Nothing else matters (Metallica) oder Pefect day (Reed) auf den Markt, die zum Wunderkerzenschwenken taugen. Schwerwiegender ist vielleicht noch, dass Lou Reed, der in Kürze 70 wird, nicht mehr singen kann. Auf ZDF Kultur sah ich im Sommer die Übertragung eines französischen Rockfestivals, wo er in Begleitung junger, guter Instrumentalisten alte Songs vor sich hinbrabbelte.

Zwar lässt sich mit zeitgenössischer Studiotechnik einiges zaubern, doch auch das hat Grenzen. Insgesamt wirkt das Opus, die erste der beiden CDs ganz besonders, wie ein neues Lou-Reed-Album, zu dessen Produktion er paar zusätzliche Musiker benötigte. Da die harten Jungs von Metallica gerade im Nebenstudio auf den Pizzaservice warteten, sind sie eben eingesprungen. Also ein knorriges Rezitativ, schon von der Verstechnik her nicht immer mit Rhythmus belastet, auf dem Teppich gitarrendominierten Sounds, der zuweilen ins Kakophonische hinübergleitet. Neben einigen sehr schrägen Passagen sind es aber gerade Hetfield, Ulrich, Trujillo & Hammett, die für einprägsame Melodiebögen sorgen und etwas Versöhnung aufkommen lassen.

Kurz: zu meinen Lieblingsscheiben wird Lulu wohl nicht gehören. Doch es stimmt auch nicht, dass man - wie es in der ZEIT stand - sie kein zweites Mal hören kann. Das tue ich nämlich gerade.

Der elfte Poet

Geschrieben am | Januar 5, 2012 | Keine Kommentare

Vier Monate ist es schon her, als ich die Nr. 11 des Leipziger Literaturmagazins (in Buchform) namens poet zugeschickt bekam. Höchste Zeit nach der kleckerweise gestreckten Lektüre für eine kleine Rezension.
Wieder ist der Band mit den fast 300 Seiten spartenmäßig unterteilt, aber mit Besonderheiten. Weiterlesen

Amtlich schadensfrei

Geschrieben am | Januar 3, 2012 | Keine Kommentare

Das Amt sei beschädigt, lamentieren gegenwärtig die Medien mit Vehemenz. Ja was ist denn kaputt da bei Wulffs in ihrem Berliner Zweitwohnsitz? Das Telefon scheint ja zu telefonieren. Oder hat er sich eines geborgt, als er auf Shakehand-Tour bei befreundeten Diktatoren war, um nicht mehr befreundete Redakteure auf diese Drehung des “Gefällt mir”-Daumens hinzuweisen? Angekratzt hat er damit jedenfalls bei Intellektuellen vorherrschende Abneigung gegen ein bestimmtes Boulevardblatt, mit dem sie nun leider solidarisch sein müssen.

Oder ist im Schloss Bellevue die namensgebende schöne Sicht beschädigt, etwa durch den Bau der A 100? Der Ausblick auf die weitere Amtszeit könnte immerhin getrübt worden sein.

Aber es geht doch nicht um dem Amtssitz, sondern das Amt, das die Person mit jenem Titel ausfüllt, werden Nörgler nun sagen. Wieso denn? An einer unweit gelegenen Immobilie steht doch drangeschrieben “Bundeskanzleramt”. Und wenn Frau Merkel von einer ihrer Spritztouren nach Paris zurückkehrend die Garageneinfahrt zu schwungvoll nimmt, dann hat sie das Amt beschädigt, ist doch ganz eindeutig.

Aber das Amt des Präsidenten steht noch etwas über dem der Kanzlerin, formal gesehen. Ein Hochamt also, da gibt es keine Garageneinfahrten, nur Himmelstore. Welchen symbolischen Schaden hat denn Wulff nun angerichtet? Sein Vorgänger musste zurücktreten, weil er die Wahrheit gesagt hat wegen der Kriegsgründe in Afghanistan. Davon hat der jetzige Amtsleiter doch hervorragend gelernt - bloß nicht zu viel sagen oder zu zeitig. Ein Wahrheitsgelübde kann also nicht zur Hausordnung gehören, die er nun verletzt haben soll.

Oder hat gar das Frollein vom Amt, die von den Medien unisono als attraktiv bezeichnete Reisebegleiterin des Präsidenten, einen Schaden? Davon wurde nichts bekannt.

Möglicherweise irren sich alle mit ihrer hohlen Floskel. Gibt es da überhaupt was zu beschädigen? So stromlinienförmig, luftig, fast unsichtbar wie dieses Amt ist, so unkaputtbar ist es doch auch. Jedes Bauamt kann mehr Schaden anrichten.

Zeit der Abrechnung

Geschrieben am | Dezember 31, 2011 | Keine Kommentare

Schaun wir doch mal, was aus den persönlichen Vorhaben für 2011 geworden ist:

1. bleibt zur Wiedervorlage, nur dass jetzt die Version 3.3. aktuell ist

2. naja, was heißt lernen? ungefähr 10 Akkorde kann ich schon

3. grandios gescheitert

4. eine selbsterfüllende Prophezeiung

5. kaum kündige ich an, teilnehmen zu wollen, fällt die Aktion aus. ich sollte wohl solche Drohungen sein lassen

6. kann sein, weiß nicht genau

7. erfüllt

8. nicht gefunden, nicht geschrieben

9. kein Problem

10. zum Glück haben wir keine Waage.

Und 2012?

1, 2, 8 und 10 bleiben als Wiedervorlage bestehen. Eigentlich auch die 9, aber man so klar ist ja nicht, ob alle Koalitionen halten. Bleiben also fünf Vorhaben offen:

1. wieder zwei Bücher veröffentlichen, natürlich andere als 2011

2. alle Leipziger Museen besuchen, in denen ich bisher noch nie war

3. an irgendeiner Ausstellung teilnehmen, notfalls eine eigene machen

4. Artikel in mindestens einer überregionalen Zeitung unterbringen

5. dieses Blog viel häufiger füttern.

So, das dürfte reichen.

Alternativvorschlag

Geschrieben am | Dezember 19, 2011 | 1 Kommentar

Stresstest ist also das Wort des Jahres 2011. Ich habe da einen anderen Vorschlag. Eigentlich sind es zwei Wörter, aber das eine ist nur zugehöriger Artikel: die Märkte. Wie nie zuvor trat in diesem Jahr diese heimlich-unheimliche Macht in Erscheinung. Politik wird eigentlich nur noch für die Märkte gemacht. Im Augenblick sollen sie sich vor allem beruhigen, da sie gerade cholerisch im Dreieck springen mit hochrotem Kopf. Lokalisieren oder beim Namen nennen lassen sie sich kaum, Dax oder Dow Jones sind doch nur Decknamen, biometrisch nicht auslesbar. Und solche Gesichter wie Josef Ackermann sind austauschbar, die Märkte aber bleiben. Auch 2012.

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