Alternativvorschlag

Stresstest ist also das Wort des Jahres 2011. Ich habe da einen anderen Vorschlag. Eigentlich sind es zwei Wörter, aber das eine ist nur zugehöriger Artikel: die Märkte. Wie nie zuvor trat in diesem Jahr diese heimlich-unheimliche Macht in Erscheinung. Politik wird eigentlich nur noch für die Märkte gemacht. Im Augenblick sollen sie sich vor allem beruhigen, da sie gerade cholerisch im Dreieck springen mit hochrotem Kopf. Lokalisieren oder beim Namen nennen lassen sie sich kaum, Dax oder Dow Jones sind doch nur Decknamen, biometrisch nicht auslesbar. Und solche Gesichter wie Josef Ackermann sind austauschbar, die Märkte aber bleiben. Auch 2012.

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Zeit ohne Alternativen

Noch vor wenigen Jahren konnte der slowenische Pop-Philosoph Slawoj Žižek in seinem Buch mit dem bezeichnenden Titel Auf verlorenem Posten behaupten, dass der Begriff Kapitalismus aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden sei. Die Finanzkrise von 2008 hat dem Schein-Zombie aber eine Mund-zu-Mund-Beatmung verpasst, heute ist er trotz eines erbärmlichen Verwesungsgestanks lebendiger als vor zwanzig Jahren, wo Francis Fukuyama wegen seines Siegesgrinsens das Ende der Geschichte einläuten wollte.

Zeit für Die Zeit, eine Serie Was ist die Alternative zum Kapitalismus? einzuläuten. Es fing so schön an. Im ersten Teil des Zyklus, erschienen in Nr. 46 am 10. November, arbeitete neben einem verzichtbaren Crashkurs zu Sozialutopien von Bibel bis Bolschewismus und weiteren Ausflügen in die Geschichte Wolfgang Uchatius sehr treffend das Grundproblem des gegenwärtigen Kapitalismus heraus – die Reichtumsfalle. Der dem Kapitalprinzip eingeschriebene Zwang zum ewigen Wachstum ist an die Grenzen gestoßen. Wir haben alles! Ja, nicht jeder. Aber prinzipiell. Nun bräuchte man eigentlich nur noch etwas gerechter verteilen und auf weitere Überproduktion verzichten. Doch das wäre ja kein Kapitalismus mehr. Zwar ist der weder im bundesdeutschen Grundgesetz noch in der amerikanischen oder französischen Verfassung festgeschrieben, aber wohl doch eine unumstößliche Basis unterdessen fast der ganzen Welt. Also beschließt die Bundesregierung lieber ein Wachstumssicherungsgesetz als ein Umverteilungsgesetz.

Der ganz intelligenten Zustandsanalyse hätten dann in der nächsten Ausgabe der Hamburger Wochenzeitung die eigentlichen Entwürfe für Alternativen folgen können. Doch darauf warte ich seit drei Wochen vergeblich.

In Nummer 47 ist schon die Überschrift bezeichnend: „Nichts ist kostenlos“ wird da Singapurs greiser Autokrat Lee Kuan Yew zitiert. Der singapurische Kapitalismus mag sich ja durchaus vom europäischen unterscheiden, das tut auch der japanische, aber wo steckt da die Alternative? War Nordkoreas Sozialismus etwa ein brauchbarer Gegenentwurf zu dem der DDR? Als Zugabe doziert schließlich noch der US-Wirtschaftswissenschaftler Niall Ferguson über die Renaissance des Staatskapitalismus. Auch nicht sonderlich originell.

Ein Lichtblick: In Nummer 48 diskutieren sechs Zeit-Redakteure – hinter krypischen Formeln verborgen, aber dennoch nicht anonym – über das utopische oder auch gesellschaftsverändernde Potenzial des Internets. Da werden, abgemildert durch den flapsigen Umgangston, durchaus Gedanken geäußert, die eigentlich nicht mehr so absolut originell sind, aber doch noch nicht zum Standard des politischen Denkens gehören. Beispielsweise zur subversiven Kraft der freiwilligen, unentgeltlichen Bereitstellung von Wissen im Netz oder des Crowdsourcing. Das Palaver schließt mit einem „Hallejuja“. Es kommt vom Ressortleiter Wirtschaft, nicht von der Ressortleiterin Glauben und Zweifeln. Dass zum Schluss des Artikels die Rede um einen Neuen Mensch geht, zeigt schließlich, dass trotz der netten Ansätze auch hier Kapitalismus mehrheitlich als eine mentale Angelegenheit verstanden wird.

Dem wird dann in Ausgabe 49 die Krone aufgesetzt: Die Menschen müssen erst noch lernen, was sie glücklich macht, sagen Verhaltensforscher. Dann ändert sich auch die Gesellschaft. Das ist die lange Unterzeile des Artikels Formel für ein besseres Leben von Uwe Jean Heuser. Na toll, kenn ich das nicht aus der jüngeren Geschichte, an der ich selbst noch teilgenommen habe? Eine Alternative zum Kapitalismus sollte das zwar auch sein, aber eine katastrophal unbrauchbare. Darum wird in den anderen Beiträgen auch gar nicht erst über die Umerziehungsprogramme diverser Diktaturen gesprochen, sondern das Himalaya-Königreich Bhutan als das Gegenentwurf gepriesen. Dort gibt es immerhin einen Minister für Glück. Sollte aber der nächste G 20-Gipfel beschließen, die Weltwirtschaft nach dem Beispiel Bhutans umzukrempeln, werden die Börsen so heftig darauf reagieren wie auf die Slow-food-Bewegung, die sich ja auch dem Wachstumssteigerungsgesetz entgegenstemmt.

So bleibt Die Zeit mit ihrer groß angekündigten Serie seltsam alternativlos. Vielleicht ist es ja doch das falsche Medium für solch ein Thema.

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Bin ich hier vielleicht im falschen Film?

MeinIch: Wieder so eine Ausstellung, wo eine Galerie mit dem Multiplex-Kino verwechselt wird.

AuchmeinIch: Ja und?

MeinIch: Wenn ich in eine Kunstausstellung gehe, will ich nicht Filme gucken. Das kann ich zu Hause im Sessel oder eben vor großer Leinwand, mit Dolby Surround und einem Eimer Popkorn.

AuchmeinIch: Häähh?

MeinIch: Okay, das mit den Popkorn war nicht so gemeint, ist wirklich ekelhaft. Aber mal prinzipell gesagt: Das Medium ist die Botschaft! (Netter Spruch, ist mir grad spontan eingefallen, sollte ich Gebrauchsmusterschutz anmelden.) Falsches Medium am falschen Platz gleich falsches Konsulat in meinem Hinterhirn. Weiterlesen

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Bin ich ein Mensch?

Vor wenigen Tagen habe ich mich in der Community der Wochenzeitung Freitag angemeldet, um da ab zu Blog-Beiträge oder Kommentare scheiben zu können. Wenn man das tut, erscheint dann eine Sicherheitsabfrage, die klarstellen soll, dass da keine gelangweilte Festplatte selbstständig Beiträge verfasst. Dieses Formuar sieht so aus:

Das finde ich relativ genial. Fragen, was 1+1 ergibt! Auf die Antwort kommt bei all den bekannten Fortschritten der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) nur ein Mensch mit richtigem roten Blut in den Adern.

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Aristoteles als Carpaccio

Entgegen aller Prognosen zum Sterben der Printmedien sind doch immmer wieder mal neue Zeitschrften – so richtig altmodisch auf Papier gedruckt – zu finden. Als mich vorige Woche im entsprechenden Ständer bei Edeka zwischen Super-Illu und Computer-Bild ein Blatt namens Philosophie anstrahlte, griff ich jenseits jedes Rationalismus zu und erwarb das Printprodukt. Erare humanum est.

Schon die auf dem Cover angepriesene Themenstrecke Warum haben wir Kinder? hätte mich doch vom Kauf abhalten sollen. Meine Tochter ist gerade 28 geworden, was gibt es für mich da jetzt noch gründlich darüber nachzudenken?

Doch dann wird eben auch mit einem Interview mit Julian Assange geworben sowie einem Gespräch mit Axel Honneth unter der gerade vermarktungsträchtigen Überschrift Das Finanzkapital entmachten. Das sind auch die beiden interessantesten Beiträge des Heftes. Doch sie könnten genau so im Feuilleton von Die Zeit oder auch im Spiegel oder Stern nachzulesen sein.

Die Zeitschrift kommt im Layout eines Journals für gesundes Kochen oder Einkaufen mit der Zielgruppe Mittelschicht daher. Als Gimmick ist ein Heft im Heft als sogenannte Sammelbeilage eingeheftet, ein Auszug aus der Nikomachischen Ethik des Aristoteles Über die Freundschaft. Da Aristoteles seit etwas mehr als siebzig Jahren tot ist, kann man sich eigentlich sein Gesamtwerk, soweit überliefert, irgendwo im Internet herunterladen. Doch 14 Seiten Sammelheft mit Pop-art-Cover machen natürlich mehr her. Vielleicht sollte man trotzdem der nächsten Ausgabe ein Foucaultsches Pendel oder eine LED-Taschenlampe zum Nachspielen  des Höhlengleichnisses beilegen?

Wen wollen die Macher von Philosophie eigentlich erreichen? Hausfrauen, die sich von ihren Spezialblättern unterfordert fühlen? Manager, die in den kurzen Pausen zwischen feindlichen Übernahmen etwas über Freundschaft wissen wollen? Garantiert keine Leute, die zumindest dann und wann sich ohnehin philosophischer Denktraditionen bedienen.

Bezüglich der Überlebenschancen dieses Journals würde ich die Schule des Skeptizismus empfehlen.

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Rechtsweg

Da ja alle großen Medien gerade entdecken, dass man den Rechtsradikalismus ernst nehmen sollte, zeichnet sich beim Betrachten der diversen Fernsehsendungen eine einträgliche Karrieremöglichkeit ab: Zuerst Nazi werden. Sich dann vom Verfassungsschutz als V-Mann, wie die IMs heute genannt werden, anheuern lassen, um für die nichtssagenden Berichte gutes Geld zu bekommen. Dann aussteigen, sich vom Staat einen Umzug bezahlen lassen und anschließend als Kenner der Szene bei Talkshows aufzutreten und als Warner durch die Schulen zu touren. Auch das für üppiges Honorar.

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Bitterfelder Weg Nr. 2

Nach mehrjähriger Lektüre der Tippgemeinschaft, also des Jahrbuches der Studenten des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, und dreijähriger Rezension dieses Werkes kommen mir trotz des Fehlens interner Kenntnisse des dortigen Lehrbetriebes einige Gedanken, was vielleicht zu verändern wäre. Die Resultate sollten ausreichen, um externe Vorschläge machen zu dürfen. Weiterlesen

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Hinterhof-Wut

Bei der aktuellen Ausstellung Szenarien über Europa I der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig habe ich mir im Zuge des Lifelong Learning einen neuen Begriff angeeignet: Nimbyismus. Der Künstler Nils Norman benutzt ihn in seiner fiktiven Landkarte der südenglischen Romney Marsh, wo er soziale Gruppen wie etwa Old School Bohemians, Underground Agrarians oder Unemployed Fishermen Sex Workers geografisch verortet. Und ebenda taucht NIMBY auf – Not in my Backyard! Also jene Art von kleinbürgerlicher Protestkultur, die zuerst die Abschaltung von Atomkraftwerken fordert und dann strikt gegen Hochspannungsleitungen ist, die neben dem eigenen Haus errichtet werden sollen, um Windkraft vom Erzeuger zum Abnehmer zu transportieren.

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Kunst last minute

Die Volksmassen interessieren sich nicht für Kultur jenseits des Musikantenstadls? Von wegen. Wir selbst nutzten den gestrigen Feiertag, um am letzten möglichen Tag die Gesichter der Renaissance samt Leonardos Dame mit dem Hermelin zu sehen. Das wäre uns ohne hier nicht näher zu erleuternde Tricks trotz sehr zeitigem Aufstehens eigentlich nicht gelungen. Denn als wir gegen 10 in Berlin ankamen, wurde dem hinteren Teil des Wartekollektivs vor dem Bodemuseum schon verkündet, dass sie nach Hause gehen könnten. Obwohl die Öffnungszeit bis Mitternacht verlängert wurde, sei heute keine Chance mehr, noch reinzukommen.

Wir waren drin, so ab vier Uhr nachmittags. Dass die Ausstellung das Warten lohnt (und dies die restlichen Tage sogar ohne den Leonardo tut), haben alle Zeitungen schon berichtet. Darum hier keine Rezension.

Und die Wartezeit haben wir mit Hokusai im Gropius-Bau verbracht. Auch das dank einwöchiger Verlängerung am letzten möglichen Termin. Doch für die Ausstellung bräuchte man eigentlich einen vollen Tag, so üppig und vielseitig ist das Lebenswerk des Japaners. So war es nur ein Schnelldurchlauf.

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Gestern abend bei Zimmermann & Co.

Die Musiker in der Arena Leipzig haben das geliefert, was von ihnen zu erwarten war: Mark Knopfler zelebrierte virtuoses Gitarrenspiel, in besten Sinne klassisch zu nennen, mit seinem ruhigen Gesangsstil vereint. Und Dylan machte das, was er seit fünfzig Jahren macht: gute, einfache Musik, die einfach gut ist. Dass er mit 70 keine Melodiebögen im Gesang mehr hinkriegt, wird durch die wunderbar knarrende Stimme kompensiert.

Aber. Großes Aber. Ein Rockkonzert, wo es ausschließlich durchnummerierte Sizplätze gibt, das geht gar nicht. Als wir dann zumindest bei Dylans Part uns hinter die letzte Stuhlreihe gestellt haben, um sich zu dieser immer noch ganz dynamischen Musik bewegen zu können, kam natürlich schnellstens so ein Pinguin angerannt und forderte uns auf, sofort wieder zum Platz zu gehen und sich hinzusetzten. Immerhin ließ uns die Dame nach meinem Hinweis, dass dies hier nicht der Musikantenstadel sei und der Herr am Mikrofon nicht Florian Silbereisen heißt, in Ruhe. Doch den bösen Blick ständig im Rücken zu spüren versaut den besten Konzertgenuss. Die meisten anderen so Aufgeforderten setzten sich nämlich wieder brav hin. Deutsche eben. Irgendwann in der Mitte des Konzertes brach dann der Damm und die Ordnungstruppe schaffte es nicht mehr, die vielen Aufgestandenen in die Schranken zu weisen. Zu spät. Der Manager, der solch eine Planung anordnet, ist ganz einfach am falschen Platz. Er soll zur Stadthalle Chemnitz wechseln. Insofern war es das bekackteste Konzert, das ich je erlebt habe. Die Musiker sind daran völlig unschuldig.

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