Jens Kassner

Texte, Kommentare und anderes.

Bodenhaftung

Das Fremdwörterbuch verrät es: autochthon heißt alteingesessen, eingeboren, bodenständig. Auf wen man das Attrbut anwenden kann und wo die Grenzen sind, steht leider nicht dabei. Trotzdem wird es in den letzten Tagen häufig und zumeist ganz unbefangen benutzt, auch von Kritikern des mutigen Sarazenen (war das nicht ein gar nicht so bodenständiger arabischer Reiterstamm?). So [...]

Disziplin im Becken

Der Fernsehkommentator sagt, es habe bei den Europameisterschaften in Budapest wieder eine deutsche Medaille in den Beckendisziplinen gegeben. Das ist doch mal ein innovativer Begriff, da die Bezeichnung Matratzensport wirklich schon sehr abgegriffen wirkt.

Wahlfreiheit

Die Chemnitzer Einwohner durften ganz basisdemokratisch wählen, ob das neue Haus mitten in der City “Behördenzentrum Innenstadt” oder “Bürgerhaus Am Wall” heißen soll. Der zweite Vorschlag erhielt den Zuschlag. Angesichts der Vorliebe in dieser Stadt, Neubauten nostalgisch zu benennen, etwa Galerie Roter Turm, Alte Post, Moritzhof oder Türmer, hätte ich da einen andere Idee gehabt, [...]

Feuchte Aussprache

In der heutigen Freien Presse wird ein Agenturbericht abgedruckt, in dem es um das neue Prince-Album geht, welches exklusiv nur als Beilage der Zeitschrift Rolling Stone vertrieben wird. Damit jeder Leser weiß, wer mit Prince gemeint ist, steht im Klammern dahinter “Aurale Rain”. Lieber DDP-Schreiber! Das Lied heißt “Oral Rain” und ist ein Werbesong für [...]

Vorausschauend

Hätte ich mir das gerade in Mode kommende Wort Schland vor fast 20 Jahren schützen lassen, als ich es in einem Text verwendete, könnte ich jetzt viel Geld verdienen. Doch so viel Prophetie hatte ich mir nicht zugetraut.

Jetzt noch wertvoller

Vor wenigen Tagen erschien mein Artikel zur sogenannten Hochkultur im Monatsblatt Leipzigs Neue, leider ohne Fußnoten. Bei solch einem Text mit Zitaten erscheint mir das aber nötig. Darum hier nochmal vollständig:

Die Chimäre Hochkultur
Schwierigkeiten beim Fassen eines ganz und gar bürgerlichen Begriffs

„Überquert die Grenze, schließt den Graben!“ nannte sich ein berühmt gewordener Aufsatz des amerikanischen Literaturwissenschaftlers [...]

Halbwertpolitik

Bei einer Diskussion im Deutschlandfunk hörte ich gestern, wie ein Journalistin sagte, die Regierung wolle auch ohne Zustimmung des Bundesrates die Atomlaufzeiten verlängern. Da könnte Angela Merkel als Kanzlerin etwas gelingen, was ihr in ihrem früheren Beruf als Physikerin versagt geblieben wäre. Manchmal lohnt der Umstieg in andere Branchen.

As time goes by

Auf der Suche nach neuem Lesestoff in der Stadtbibliothek wunderte ich mich zunächst etwas, unter der Regalbezeichnung Zeitgeschichte Jochen Schmidts Roman Müller haut uns raus zu finden. Nicht nur wegen meiner Vorliebe für Schmidts Art von Humor, auch des Titelbildes wegen (Heiner Müller steigt aus einem Gully) lieh ich mir das Buch aus. Nun grübel [...]

Alternativen für Lyriker

Als ich das Wort Enjambement in OpenOffice tippte, erschien darunter eine rote Welle, die üblicherweise anzeigt, dass was nicht korrekt verläuft. Nach den Änderungsvorschlägen sehend bekam ich benannt: Engagement, Etablissement, Bombardement, Abonnement. Sollte das nicht jedem Nachwuchsdichter veranlassen, den Berufswunsch noch mal zu überdenken?

Schein und Sein

Beim kürzlich erfolgten Zusammentreffen mit einer mir noch unbekannten Person dachte ich zunächst: Ziemlich unscheinbar. Doch dann fielen mir markante Züge auf. Ist der Mensch nun scheinbar, wenn er nicht unscheinbar ist? Anscheinend.

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