Gerade im Poetenladen veröffentlicht: Meine Rezension zu Viktor Pelewins neuem Roman „Tolstois Albtraum“.
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Gerade im Poetenladen veröffentlicht: Meine Rezension zu Viktor Pelewins neuem Roman „Tolstois Albtraum“.
Als ich am Dienstag in Chemnitz war, bin ich den Brühl entlang gegangen, um zu sehen, wie das Studentenviertel aufblüht. Na ja. Es wäre aber falsch zu sagen, dass gar nichts passiert. Es wird nämlich abgerissen. Diesmal ist es eines der zwei Wohnhochhäuser zwischen Brühl und Mühlenstraße. Architekturgeschichtlich und städtebaulich ist das kein Verlust. Aber eine verpasste Chance. Schon vor etwa zwölf Jahren hatte ich mal eine Projektskizze gemacht, wie man einen leergezogenen Plattenbau zum Kletterfelsen umrüsten kann. Mit einem Geflecht von Armierungseisen die Form modellieren, mit Leichtbeton die Oberfläche. Als dann 2004 der Wettbewerb umBAU Chemnitz stattfand, staunte ich, dass es gleich zwei Einreichungen gab, die genau in dieselbe Richtung gingen. Die Idee scheint also auf der Hand zu liegen. Aber keiner will sie umsetzen. Und nun geht wieder ein Objekt verloren, das von der Lager her dafür ideal wäre.
Es muss Jahre her sein, dass ich mir das Journal Spiegel gekauft habe. Warum es nun doch wieder vorgekommen, ist Nebensache. Positiver Kollateral-Effekt ist aber die Lektüre in der Beilage KulturSpiegel, wo sich der Artikel „Die Spieltheorie“ von Maren Keller findet. Da geht es um Spielplätze, die als eine Ghettoisierung von Kindern beschrieben werden. Stattdessen sollte die ganze Stadt ein Spielfeld für die Bewohner jedes Alters sein. Beispiele werden angeführt, so Madrid. Das gefällt mir. Wäre es nicht nett, wären die Wegmarken der Leipziger Notenspur von verschiedenen Möglichkeiten, selbst Töne zu erzeugen, begleitet? Oder Schaukeln, die unter dem Dach des Querbahnsteigs im Hauptbahnhof aufgehängt sind.
Die Bezeichnung Indigo für das eigenartige Symptom, das seit den 1990er Jahren etliche Kinder und Jugendliche haben, ist eher Zufall, von den Visionen einer deutschen Esoterikerin stammend. Die von der rätselhaften Krankheit Befallenen, im Jargon Dingos genannt, haben selbst keine Beschwerden, allerdings die Menschen der Umgebung, die sich zu lange in ihrer Nähe aufhalten.
Obwohl Clemens J. Setz´ Roman Indigo in der Gegenwart spielt, ist es Science Fiction. Da gibt es Details wie iBalls oder iSockets, die aber keine tragende Rolle spielen. Vor allem aber gibt es jenes Indigo-Syndrom, dessen Träger in einer isolierten Internatsschule, dem Helianau-Institut, von der Umwelt abgeschottet werden, die aber auch untereinander das fiese „Zonenspiel“ veranstalten.
Dass ein Schriftsteller selbst in der dritten Person in eigenen Texten erscheint, ist nicht ganz neu, auch nicht die negative Darstellung. So hat Houellebecq sich in Karte und Gebiet auch zum richtigen Ekel gemacht. Setz ist in Indigo teilweise der Ich-Erzähler, der als Lehrer-Praktikant in die Helianau geschickt wird. Später dann wird er von außen als ein zunehmend geistig Verwirrter dargestellt, der einem Menschen die Haut abgezogen haben soll. Zuvor aber, nach seiner Kündigung als Lehrer, hat er Recherchen zur Krankheit betrieben und Artikel verfasst. Das Buch ist eine Collage aus angeblich aufgefundenen alten und neueren Berichten über außergewöhnliche Erscheinungen, Gesprächnotizen, Erinnerungen und verknüpfenden erzählerischen Passagen. So ergibt sich ein dichtes, mehrschichtiges Gefüge unterschiedlicher Sichtweisen, das Happy End aber fällt aus.
Ich war überrascht festzustellen, dass der in Graz lebende Schriftsteller gerade mal 30 Jahre alt ist. Indigo hat solch eine sprachliche Reife und Kraft der Imagination, auch in der Ausarbeitung von Details, dass ich mir einen Autor mit Jahrzehnten mehr Schreib- und Lebenserfahrung vorgestellt hätte.
Clemens J. Setz
Indigo
Suhrkamp 2012
Zur Buchmesse gab mir Andreas Eichler, der vor über 20 Jahren mal mein Kollege war, ein kleines, selbst verlegtes Büchlein. „Innokonservation. Erneuern und Bewahren“ nennt es sich. Also eine weitere der gerade so hoch im Kurs stehenden Fortschrittskritiken. Doch dass gerade Zweifel an Wachstum, Moderne, Progress von Autoren unterschiedlichster politischer Ausrichtung in Buchform gebracht werden, kann er wohl nicht wissen. „Ich warte lieber ab, was wirklich bedeutsam ist, meide deshalb Neuerscheinungen grundsätzlich.“ Und ein Fernseher kommt ihm auch nicht ins Haus. Weiterlesen
Am Donnerstag, erster Tag der Buchmesse, sah es ungewohnt leer aus in den Hallen. Am Ende wird nun doch ein neuer Besucherrekord gemeldet und die LVZ titelt sogar: Branche tankt neues Selbstbewusstsein. Gab es da mal eine Krise des Verlagsgewerbes? Auffällig und immer wieder wundersam ist jedenfalls, wie trotz des erschlagenden Überangebotes viele Veranstaltungen überfüllt sind. Außer an etlichen Lesenbühnen draußen im Messegalände habe ich das am Donnerstag in der MB zur Langen Lesenacht gespürt, dann auch am Sonnabend zur Diskussion von Harald Welzer und Daniel Cohn-Bendit. Ich dachte, fast allein im Saal des Neuen Schauspiels zu sein, als ich 20 Minuten vorher da ankam. Doch der war schon voll, ich konnte einen der letzten Stühle aus der benachbarten Gaststätte erwischen, die später Gekommenen mussten stehen oder auf dem Fußboden sitzen.
Überrascht war ich aber auch, dass das Thema Urheberrecht, das im Vorjahr so im Mittelpunkt stand, jetzt scheinbar uninteressant geworden ist. So als hätte es da eine sinnvolle Klärung gegeben statt des bescheuerten neuen Leistungsschutzgesetzes. Es lebe das Kurzzeitgedächtnis!
Aber Driftbewegungen sind schon unübersehbar. Die eine ist die immer stärkere Betonung der Gestaltung (nicht nur) von Büchern. Die erstmalige Vergabe eines Preises für Druckgrafik ist ein Symptom dafür, aber auch die vielen Stände von Kunsthochschulen, Illustratoren und so weiter. Die andere Bewegung geht logischerweise in Richtung E-Book und Selbstpublizieren. Auch dazu gab es einen neuen Preis für erfolgreiche Selbstvermarkter.
Im Gegensatz dazu habe ich von vielen Schriftstellern, darunter ganz jungen, in den Diskussrunden immer wieder die Beteuerung gehört, dass ihnen nie ein Lesegerät vor die Augen geraten werde, so beispielsweise einhellig von sämtlichen Podiumsgästen bei der Diwan-Sendung von BR2 am Freitag. Das wirkt dann ziemlich asterixmäßig.
Die Liste der mit einem bestimmten Titel versehenen „Generationen“ ist um einen Eintrag reicher. Sabine Rennefanz hat ihr den Namen Eisenkinder gegeben. Der Untertitel nennt sich Die stille Wut der Wendegeneration. Ziemlich willkürlich wird damit die Altersgruppe eingegrenzt, die in der Zeit von Mauerfall und Vereinigung zwischen 8 und 16 Jahre alt war, im soziologischen Sinne also nicht einmal eine halbe Generation. Weiterlesen
Er ließ das Badewasser ab, indem er ein Loch in die Wanne machte. Der geneigte hellgelbe Fliesenboden des Badezimmers leitete das Wasser zu einem Abfluß, der genau über dem Schreibtisch des Mieters in der unteren Etage lag. Dieser Colin, der nach dem Bad noch die Ränder seiner schlaffen Augenlider mit einer Nagelschere schräg schnitt, hat mich erschüttert. Vor 25 Jahren. Weiterlesen
Statt immer nur Kunst zu kritisieren, habe ich mich am Sonntag mal selbst an der Produktion eines temporären Kunstwerkes beteiligt:
1. Wollt zur Hauptpost gehn, Telegramm an Omi aufgebn. Beides nich finden könn. Omi ist tot.
2. Tamagotchi füttern! schreck ich nachts auf, sieben nach halb drei. Obwohl kein Gewimmer, wälz ich Stunden schlaflos.
3. Bin doch kein Deezuch, sag ich zur drängelnden Tochter. De, de, de? Ist wohl son Ostzeuch? sagtse, holt sich nen ICE-Tee.