Legenden eines Schulmeisters

Ob Claus Baumann den „Mythos der Leipziger Schule“, wie es im Untertitel seines Buches heißt, verstärken oder demontieren will, ist zunächst offen. Der Titel Es war einmal … hingegen suggeriert eine Märchenstunde, zwar moralisch aufgeladen, doch ohne Nachprüfbarkeit im Detail.

Im Endeffekt ist es ein autobiografisches Fragment geworden. Vor allem wird der Mythos Claus Baumann aufgebaut. Er, der eigentlich Arzt werden wollte, dann irgendwie ins Orchideenfach Kunstgeschichte geriet, lernte von den sechziger bis neunziger Jahren viele wichtige Leipziger Künstler kennen, darunter auch solche, die es wie Heinz Müller oder Manfred Martin nie zu überregionaler Bekanntheit gebracht hatten. Nach nicht sehr glücklichen Versuchen, ab 1990 in den großen Kunsthandel einzusteigen, baute Baumann durch Zufälle begünstigt die Kunstsammlung der Sparkasse Leipzig auf, die mit der Kunsthalle an der Otto-Schill-Straße eine feste Adresse bekam. Laut seiner Eigendarstellung war er es, der das Etikett „Leipziger Schule“ geprägt haben soll. Es war einmal …

Claus Baumann analysiert nicht. Nicht die Eigenheiten der ausgewählten, mit einzelnen Kapiteln bedachten Künstler, nicht die Spezifik eben jener „Schule“ im Unterschied zu den anderen Standorten (Ost-)Deutschlands. Er erzählt Anekdoten. Das macht den Text unterhaltsam und flüssig lesbar. Es fließt viel Alkohol, es gibt viel Streit, auch Gelächter. Frauen kommen auch vor, aber nicht als Künstlerinnen, die einer eigenständigen Darstellung Wert sind, sondern nur als Zubehör ihrer erfolgreicheren Männer. Bei manchen Geschichten über noch lebende oder erst kürzlich verstorbene Personen frage ich mich, wie es sich mit dem Schutz der Intimsphäre verhält angesichts dieser nicht immer rühmenswerten Enthüllungen.

Wenn man gutmütig davon ausgeht, dass es so etwas wie eine Leipziger Schule, vielleicht auch noch eine Neue Leipziger Schule, überhaupt gegeben hat, kann das Buch den Anspruch der Gesamtdarstellung nicht erfüllen. Das liegt schon an der subjektiven Auswahl der dargestellten Protagonisten. Ob manche der ausführlich behandelten Namen zu Unrecht weitgehend unbekannt geblieben sind, sei dahingestellt. Aber es gab und gibt andere Künstler wie Stelzmann oder Hachulla, die nur in Randbemerkungen oder gar nicht vorkommen. Und bezüglich der jüngeren bis jüngsten Generation wird die Selektion ohnehin spärlich.

Wie viel Wahrheit in den Stories steckt, können nur die Beteiligten und andere Insider wissen. Doch schon bei den einfach zu recherchierenden Fakten kommen Irrtümer vor. So verlegt Baumann das Schwarze Quadrat von Malewitsch deutlich nach vorn, auf das Jahr 1906. Der Machtwechsel in der DDR hingegen wird nach hinten verschoben, auf die Zeit nach Ulbrichts Tod. Da man die eigenen Fahler am schlechtesten erkennt, sind solche Ausrutscher und Tippfehler – schon im Impressum – für den Autor eigentlich verzeihlich. Doch offenbar hat sich der auferstandene Plöttner Verlag den Luxus jeglichen Lektorats nicht leisten wollen. Ein gründlich lesender Redakteur hätte Baumann sicherlich darauf hingewiesen, dass die Marotte, den Namen eines mit einem eigenen Kapitel bedachten Künstlers erst auf der dritten oder vierten Seite zu erwähnen, für den Leser keinesfalls hilfreich ist.

Schade eigentlich. Mit etwas höherem Aufwand hätte das Buch tatsächlich eine interessante Geschichte von rund vierzig Jahren Leipziger Kunstgeschichte werden können. Das Wissen über interne Vorgänge der Szene hat Claus Baumann ja ohne Zweifel. So bleibt es aber mehr bei der Mythenbildung als der Aufklärung.

Claus Baumann

Es war einmal … – Vom Mythos der Leipziger Schule

Plöttner Verlag Leipzig 2013

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