Keine Sehnsucht mehr

Schön ist das nicht. Zersplitterte Fenster, kaputte Türen, herausgerissene Installationen, dazwischen Dreck aller Art. Selbst von einem morbiden Charme zu sprechen, verbietet sich bei vielen Bildern Sebastian Nebes. Doch daneben wuchert deutscher Mischwald, türmen sich Haufen nordischer Findlinge. Die Himmelsfragmente zwischen den Wipfeln glimmen in zarten Pastelltönen. Das ist Romantik!

nebe

Eine Romantik des 21. Jahrhunderts. Schon Runge, Friedrich, Carus & Co schwärmten für Ruinen und Verfall, vermischt mit Schwärmerei für die angeblich unberührte Natur. Bei Nebe sieht das allerdings gar nicht anheimelnd aus. Mitten im bereits matschig werdenden Schnee steht das Skelett eines ramponierten VW Golf, daneben ein modernistischer Stahlrohrstuhl aus DDR-Produktion, bespannt mit Schnüren aus Plaste und Elaste. Müll West trifft Müll Ost auf neutralem Boden.

Eine andere Bildserie des diesjährigen Kunstpreisträgers der LVZ ist genauer verortet. Die verwüsteten Bungalows stehen in Wandlitz, dem ehemaligen Regierungsghetto der DDR. So wie Piranesi und seine Nachfolger Relikte einstiger Machtherrlichkeit ins Bild setzten, tut dies Sebastian Nebe mit neueren, aber auch schäbigeren Überbleibseln Gescheiterter. Dass dabei keine sehnsüchtige Verklärung aufkommen will, ist nicht die Schuld des Malers.

Zwar ist es ein Fakt, dass manche Materialien wie Ziegel, Natursteine oder Holz ansehnlicher verwittern als Kunststoff (sic!) und lackierter Stahl, manche Stoffe durch eine Patina gar veredelt werden. Doch Nebe veranschaulicht drastisch, was die Romantiker und ihre auch heute noch existenten Anbeter nicht wahrhaben wollten: Abfall ist Abfall, Ruine ist Ruine, Dreck ist nichts weiter als Dreck. Und ein Zurück gibt es nicht. Das Mittelalter war dreckiger als die Gegenwart.

Doch dann schiebt sich eine Bildserie zwischen diese Devastierungen. Vier graue Flächen. Abstrakt, dennoch konkret. So konkret wie Sichtbeton im Englischen eben auch heißt. Und wie viele Wände des Bildermuseums aussehen. Nagelneu. Fast. Jedenfalls noch nicht angeranzt. Auch wenn viele Bilder Nebes trotz des aufwändigen Malverfahrens wie geknipste Momentaufnahmen aussehen, haben sie eine zeitliche Dimension, berichten von Prozessen. Dazu passen diese doppelt neuen Blätter. Sie antizipieren gedanklich den unvermeidlichen Verfall. Das bemalte Papier wird noch schneller altern als die Museumswände.

Die Romantik von heute kann nicht schön sein. Auch die von vor 200 Jahren war es eigentlich nicht. Sie war nur verlogener.

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