Gestern abend war ich zu einer Veranstaltung in der Chemnitzer Unibibliothek mit Thomas Feist, dem Beauftragten der sächsischen Regierung für Jüdisches Leben in Sachsen. Der Gast begann seinen Vortrag damit, sich zu wundern, dass es keine Proteste gegen die Diskussion gäbe. Moderator Vladimir Shikmann wies darauf hin, dass es eine Technische Universität sei.
Dass ich von der Veranstaltung erwartet hatte, etwas mehr über das einladende neue Komitee gegen Antisemitismus unter dem Dach der Jüdischen Gemeinde zu erfahren, war mein Fehler. Dazu wurde nichts gesagt. Aber zu Zielen und Methoden dieser Shikmann-Kogan-Gruppe, die sich nun für politische Zwecke in einer religiösen Organisation institutionalisiert hat, weiß ich ja sowieso seit einem reichlichen Jahr Bescheid: Ausgrenzen, Canceln, Diffamieren. Schön zu hören von Herrn Feist, dass er zu Beginn sagt, Grundlage für Diskussionen sei, sich zuzuhören und aussprechen zu lassen.
Thomas Feist plauderte viel, erzählte aber wenig Substanzielles. Als die Sprache auf die Ibug-Ausstellung kam, meinte er, der in Leipzig lebende englische Künstler Luke Carter habe das Werk, auf dem man lesen kann „Deutsche Waffen morden mit“, sicherlich nur geschaffen, weil er weiß, dass dann die Freie Presse genau dieses Werk in den Mittelpunkt stelle, die andere, wirklich gute Kunst aber ignoriere. Ich habe dann abends, in der Freizeit, mal nachgeschaut. Den ersten Artikel zur Ibug habe ich selbst geschrieben, als sie noch in der Vorbereitung war. Carters Arbeit war da schon zu sehen, ich habe sie nicht erwähnt. Die eigentliche Rezension kam von Katharina Leuoth. Sie hebt fünf für sie bemerkenswerte Punkte der Ausstellung mit Beispielen hervor. Ein Punkt sind politische Arbeiten, unter anderem zu Gaza. Der Fokus auf diese richtete sich dann genau zu dem Zeitpunkt, als Shikmann und Kogan in einem Brandbrief sich über den angeblichen Antisemtismus aufregten. Das nennt man Streisand-Effekt.
Auch beschwerte sich Feist darüber, dass in den deutschen Medien nur das Leid der Palästinenser beklagt werde (die in Wahrheit in Gaza in den Cafés sitzen und auch rauschende Hochzeiten feiern). Niemand, wirklich niemand, berichte über das Leid der Israelis, die täglich in Bunker flüchten müssen. Niemand! Das Publikum im Saal, das zu 99 Prozent wohl zur Bestätigung eigener Meinungen gekommen war, nickte zustimmend.
Außerdem meinte Thomas Feist, der grassierende Antisemitismus und Antizionismus beruhe auf Bildungsferne, selbst bei Hochschulstudenten. Sie wüssten nichts über die Geschichte Israels, würden Hitler und Hussein nicht kennen. Man solle sich doch einfach mal mit einem Juden unterhalten, außerdem die Bibel lesen, um solche Vorurteile abzulegen.
Ich habe mich in den letzten dreißig Jahren mit vielen Juden unterhalten, allein in den letzten zwei Tagen mit mindestens fünf. Und habe schon viel Literatur über jüdische und israelische Geschichte gelesen, in den letzten vier Monaten nochmals sehr intensiv. Je mehr ich in die sehr komplexe Materie eindringe, weiß ich, dass Antisemitismus und Antizionismus keinesfalls gleichzusetzen sind. Und ich finde immer mehr Gründe, die nationalistische Ideologie des Zionismus abzulehnen. Und ich wehre mich dagegen, deswegen als Antisemit bezeichnet zu werden.