Brauche ich ein Smart Home, wenn ich selbst smart bin?

Ich fühle mich wie ein Kleinkind, vor dem die Fernbedienung des Fernsehers versteckt wurde. Zu Gast bei einem Freund will ich wie immer auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen, kann aber die Deckenleuchte, die den Raum in eine Disko meiner Jugend verwandelt, nicht ausschalten. Mein Kumpel sitzt in der Küche, schaltet das nervige Ding auf seinem Handy aus. Übersetzt man „smart“ mit „schlau“, habe ich im Intelligenztest nicht völlig versagt, ich war nur nicht im Besitz des Codes.

Braucht man solche Spielereien wirklich? Wo fängt Ausgrenzung an? Wie viel Kontrolle übernehmen Instanzen, die ich nicht kenne? Damit meine ich nicht meinen Gastgeber.

Denn ich bin nicht so unbedarft, um nicht zu wissen, dass man schon unterscheiden sollte zwischen solchen „remote“ gesteuerten Geräten wie der häuslichen Lichtshow und wirklich autonom arbeitenden Systemen. Unseren Fernseher – wir gehören noch zur aussterbenden Generation, die lineares TV schauen – können wir gar nicht ohne Fernbedienung nutzen. Für zwei Leuchten haben wir die Möglichkeit, Helligkeit und Lichttemperatur per Handy zu verändern, tun das aber nie. Nachdem wir die optimale Einstellung gefunden haben, gibt es keinen Bedarf mehr für Veränderung, Und dann gibt es die Steuerung der Etagenheizung, die von der Hausverwaltung vor wenigen Jahren digitalisiert wurde. So ist es möglich, für Tag und Nacht unterschiedliche Wunschtemperaturen einzustellen und bei längerer Abwesenheit ganz auf ein Minimum zu reduzieren. Gut so.

Ein naher Verwandter hat nahe München mit seiner Familie ein Eigenheim gebaut. Im Eingangsbereich hängt ein Display, auf dem alle Funktionen des Hauses kontrolliert und eingestellt werden können, unterschiedliche Wärme in den Zimmern, Kühlung, Beschattung, Beleuchtung in Abhängigkeit von der Anwesenheit der Bewohner. Das kommt wohl einem Smarthome näher als diese Lichtspiele über dem Esstisch. Aber dafür muss man eben auch Hausherr sein, unabhängig von Vermietern und Verwaltungen. Das trifft nur auf ein Viertel der Bevölkerung zu.

Das Auto ist zwar nur für mache Menschen auch ein „Home“, aber gerade beim Fahrzeug kann man sehen, wohin die Reise auch im Wohnbereich gehen wird. Schon jetzt hat man hier weniger Wahlmöglichkeiten, sogar neue Kleinwagen sind mit Sensorik vollgestopft. Als Carsharing-Nutzer fahre ich immer wieder andere Modelle. Dass ich vor Kurzem bei einem Škoda Fabia das scheppernde Geräusch für einen technischen Fehler hielt, erst spät erkannte, dass es die Warnung bei zu hoher Geschwindigkeit ist, kann man als Anekdote abhaken. Doch die vielen Überwachungsmaßnahmen gehen mir tatsächlich auf die Nerven. Vieles lässt sich deaktivieren. Dafür muss man in die Bedienungsanleitung schauen, was mir bei kurzen Fahrten zu viel Aufwand ist.

Kontrolliere ich das Fahrzeug oder kontrolliert es mich? Und wer bekommt die Informationen? Die Carsharing-Zentrale muss natürlich wissen, wann ich das Auto in Nutzung genommen und wieder abgestellt habe, auch wo das war. Der Füllstand des Tanks wird ebenso übermittelt wie die gefahrenen Kilometer. Wissen sie auch, wie häufig ich zu schnell gefahren bin, wo ich das Fahrzeug mal im Parkverbot abgestellt habe? Die Zentrale verneint das, es ginge ausschließlich um die für die Buchung und Abrechnung nötigen Angaben.

Solche Skepsis treibt mich dann auch bei der immer stärker vernetzten und damit kontrollierten Geräten in der Wohnung um. In einem Unternehmen, für das ich gearbeitet habe, traf schon vor einigen Jahren ein Päckchen ein, in dem eine neue Kartusche für den Drucker war. Niemand war sich bewusst, diese bestellt zu haben. Es war das Gerät selbst, angeschlossen an das Intranet. Daraus resultierte der nicht ganz ernst gemeinte und auch nicht umgesetzte Beschluss, bei der Neuanschaffung von Geräten mit diesen erst einmal ein Einstellungsgespräch zu führen.

Fortgeschrittene Staubsaugerroboter vermessen bei Initialisierung zunächst die Wohnung inklusive aller Störfaktoren auf ihrem Arbeitsweg. Die noch beliebteren Mähroboter tun das im Freiraum. Werden die Daten wirklich nur intern gespeichert?

Dass die Waschmaschine ein Signal sendet, wenn der Waschgang beendet ist, mag ganz nett sein. Noch besser wäre, könnte sie die Klamotten auch selbst aufhängen. Es gibt aber schon Kühlschränke, die merken, wenn die vegane Butter, die Hafermilch oder die Quittenmarmelade zu Ende geht. Ein digitaler Einkaufszettel ist ziemlich bequem, aber verpetzt mich der Kühlschrank bei der Krankenkasse, wenn ich zu häufig Fleisch kaufe oder zu viel Bier?

Neben der effizienten Planung des Alltags ist ein Argument für Smart Homes auch die Energieeinsparung, vor allem wenn sie verbunden sind mit Smart Meters, also angeblich „intelligenten“ Messgeräten, die in den Regelkreis eingreifen. Für den individuellen Nutzer ist das sicherlich so. Wenn man aber berücksichtigt, dass ein großes KI-Rechenzentrum so viel Energie wie 800.000 Wohnungen verbraucht, außerdem viel Wasser, scheint die Rechnung im globalen Maßstab nicht aufzugehen.

Die Systeme sind schlau, aber nicht intelligent. Das trifft generell auf die KI zu, der Begriff ist falsch. Es geht um das Abarbeiten von Algorithmen, nicht um kreative Lösungen. Und es ist ein Irrtum, dass die Automaten frei von Interessen sind. Sie wurden von Unternehmen programmiert, die Interessen haben, vor allem solche der Steigerung des Profits.

Ich möchte bei der Nutzung der Wohnung Kosten sparen. Und es ist angenehm, wenn die Temperatur stimmt, wenn ich nach Hause komme. Aber ich will ich die Kontrolle über meinen Alltag nicht komplett abgeben. Mal ganz abgesehen davon, dass Hackerangriffe ganze Regionen lahmlegen können. In der Ukraine wurde das schon 2015 als aggresiver Angriff Realität. Die Wahrscheinlichkeit für Mitteleuropa wird gering eingeschätzt. Doch als vor wenigen Wochen der Test einer neuen KI-Anwendung entgleiste, wurden auch Experten hellhörig.

Smart. Das Wort klingt gut, ist allgemein mit positiven Assoziationen verbunden. Aber „schlau“. können auch Verbrecher sein, die gute Beute machen.

Ich bin vor Kurzem 65 geworden. Manchmal vergesse ich Sachen, erledige Aufgaben nicht so, wie es sein sollte, mache Fehler. Im Allgemeinen gilt das als menschlich, solange es nicht zu ernsthaften Problemen für Mitbürger führt. Die smarte Technologie gilt als fehlerfrei, was schon mal ein Irrtum ist. Aber in Analogie zu den verzeihbaren menschlichen Fehlern muss sie dann als unmenschlich gelten. Die Entwicklung läuft rasant. Was ich üner „Neuerungen“ lese, zum Beispiel dem vereinfachten Datenaustausch zwischen verschiedenen Plattformen, bestärkt mich jedoch sogar in meiner Vorsicht.

Ich mag altersbedingt als konservativ in technischen Fragen gelten. Doch sogar im Silicon Valley, dem Epizentrum der KI, wächst die Gruppe der „Doomer“, die ihren eigenen Geschöpfen skeptisch gegenüberstehen.

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