Der international bekannteste Leipziger Künstler Neo Rauch hat sich schon vor vierzehn Jahren selbst musealisiert mit seiner Grafikstiftung in Aschersleben, der Stadt, in der er nach dem frühen Unfalltod der Eltern aufwuchs. Die aktuelle Ausstellung dort nennt sich „Feine Herrschaften“. Rauch stellt zusammen mit Jonathan Meese aus. Der eigensinnige, aber handwerklich versierte Maler und der Krakeeler im Jogging-Anzug haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam, scheinen sich aber zu mögen.
„Wir sind beide der Meinung, dass Politik in der Kunst nichts zu suchen hat“, wird Rauch in Medien nach der Vernissage zitiert. Das überrascht. Zu den ewig wiederholten Standard-Formulierungen des Nietzsche-Fans Meese gehört die „Diktatur der Kunst“. Das kann man als dadaistische Negation deuten, doch schon Dada war bei all der Blödelei nicht unpolitisch. Und in Rauchs kryptisch verklausulierten Bildern kann man zwar kaum plakative politische Aussagen herauslesen. Als aber der Kunsthistoriker Wolfgang Ulrich 2019 in „Die Zeit“ auf Tendenzen hinwies, die man als konservativ bis rechtsradikal interpretieren kann, ging der Malerstar an die Decke und reagierte in der gleichen Zeitung auf seine spezifische Weise mit dem karikaturenhaften Bild „Der Anbräuner“, wo der Kritiker Kacke an die Wand schmiert. Der Titel spielt auf die Auseinandersetzung um Ernst Jünger 1982 an, als der Schriftsteller sich damit gegen die Suche nach rechten Haltungen bei ihm verteidigen wollte.
Die Laudatio zu „Feine Herrschaften“ in Aschersleben hielt übrigens der Dresdener Schriftsteller Uwe Tellkamp, zum Kreis der Buchhändlerin und Verlegerin Susanne Dagen gehörend, die eng mit den Vernetzern der neurechten Szene Götz Kubitschek und Ellen Kositza verbandelt ist. Rauch hat ihn, den unerschrockenen Kritiker des Merkel-Regimes, einst als „Wiedergänger Stauffenbergs“ bezeichnet.
In Tellkamps Büchlein „Das Atelier“, von Dagen verlegt, sagt der unschwer als Neo Rauch zu identifizierende Künstler Martin Rahe: „Das Klischee von der Kunst und das von den Künstlern, die etwas zu rasch und zu fraglos für gute Menschen gehalten werden. Was aber, wenn sie böser sind, als ihr glaubt?“
Was wohl? Dann wird klar, dass Leute wie Rauch oder Meese keinesfalls unpolitisch sind. Allerdings in einem Sinne, der der Vorstellung widerspricht, solch bekannte Künstler seien auf der „richtigen Seite“ der Weltgeschichte, also tendenziell links.
Über die Aussage, Politik habe nichts in der Kunst zu suchen, wird heftig diskutiert, weil eben Neo Rauch und Jonathan Meese im internationalen Kunstbetrieb hochdotiert sind. Doch in den Sozialen Medien liest man täglich ähnliche Äußerungen. Nicht wenige davon mögen von Bots stammen, automatischen Kommentarschleudern also. Doch zweifellos sind auch viele reale Menschen dabei.
Udo Lindenberg oder Wolfgang Niedecken stellen sich gegen die AfD? Diese abgehalfterten Rentner sollen die Klappe halten! Noch größer ist die Empörung, wenn es um Schlagerstars wie Roland Kaiser oder Helene Fischer geht, deren Musik man tatsächlich keine politische Haltung anmerken kann.
Genau so ist es im Theater, der Bildenden Kunst oder dem Film. Sogar der großartige Regisseur Wim Wenders ließ sich bei der Berlinale Anfang des Jahres zur Forderung hinreißen „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten.“ Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten.
Selbst mit einer kulturhistorischen Bildung auf Abiturniveau muss jeder wissen, wie albern solche Aussagen und Appelle sind. Schon die „Odyssee“ oder Dramen von Sophokles oder Aischylos sind nicht politikfern. Die Malerei stand sogar für etwa tausend Jahre ausschließlich im politischen Auftrag der Kirche. Als sie sich am Ausgang des Mittelalters davon befreite, autonom wurde, war sie politisch – auf unterschiedliche Weise. Häufig wieder im Interesse der Herrschenden, manchmal aber oppositionell. Die drei „gottlosen Maler von Nürnberg“ fertigten Flugblätter für die aufständischen Bauern an. Albrecht Dürer entwarf eine Gedenksäule für sie, die 500 Jahre später im thüringischen Mühlhausen materialisiert wurde. Von Goya über Picasso bis Beuys ist Kunst auf differenzierte Weise politisch. Häufig auch ganz opportunistisch wie im „Sozialistischen Realismus“. Oder wie in Arno Brekers Plastiken zur Verherrlichung der NS-Diktatur.
Schon die echten Volkslieder, nicht die der Silbereisen-Shows, zumeist von wandernden Gesellen erdacht, waren gesellschaftskritisch. Und wer kennt nicht die Protestsongs von Bob Dylan bis The Clash. Wenn aber Springsteen „Streets of Minneapolis“ anstimmt heißt es: Musik muss unpolitisch sein. Dabei kommt es gar nicht unbedingt auf klare Aussagen an. Als „Silly“ in der Spätphase der DDR sang: „In die warmen Länder würden sie so gerne flieh´n, die verlor´nen Kinder in den Straßen von Berlin“ kann man das heute als Werbung für ein Reiseunternehmen deuten, es war aber eine Aussage, die in dem eingemauerten Land jeder verstand. Sklavensprache nannte man das.
Gleiches gilt für Film und Theater. Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ ist weltberühmt wegen der eindringlichen Bilder. Zugleich ist es sozialistische Propaganda. Doch sogar Almodovars scheinbar ganz privates Drama „Volver“ ist politisch in der Zerlegung patriarchalischer Strukturen.
Was also soll das Geschwätz von der unpolitischen Kultur? Die Leute, die gerade noch, bekleidet mit einem Freiwild-Shirt, ihren Hass auf Hape Kerkeling oder Campino rausgekotzt haben, gehen morgen zu einem Rechtsrockkonzert.
Es geht nicht um „politisch“ oder „unpolitisch“. Es geht um die „richtige“ oder zumindest genehme gesellschaftliche Haltung. In Sachsen-Anhalt will die AfD, die vermutlich stärkste Partei bei der bevorstehenden Landtagswahl wird, das Bauhaus in Dessau schließen. Was hat denn solch eine weltbekannte und impulsgebende Bildungseinrichtung für Architektur und Design mit Politik zu tun? Die Nazis vertrieben sie zuerst aus Weimar, dann aus Dessau, der finale Schuss erfolgte in Berlin. „Kulturbolschewismus“ war ein Schlagwort, dass rechtsradikale Politiker heute noch nicht offen aussprechen, aber mitdenken.
Ausgerechnet der vom Marxisten Antonio Gramsci geprägte Begriff vom „vorpolitischen Raum“,
niedergeschrieben in seinen „Gefängnisheften“, wurde von deutschen Rechtsradikalen wie der in Chemnitz geborenen Gruppe um Felix Menzel namens „Blaue Narzisse“ angeeignet, um an Einfluss zu gewinnen. Erfolgreich, leider.
Spät, ziemlich spät, werden Musiker und andere Künstler in den USA aktiv, um sich gegen die drastische Montage der Demokratie zu wehren. Hier sollte man eher aufwachen, bevor die Spielräume knapp werden.
Kunst, Musik, Theater und Film müssen auf keinen Fall politisch sein. Sie dürfen unterhaltsam, lustig, skurril, gern auch dekorativ sein. Doch seit es Kultur gibt, war sie immer auch politisch. Auf ganz verschiedene Weise, die man nicht sogleich erkennt. So wie beim angebräunten Neo Rauch, oder bei Jonathan Meese, der gern mal völlig ironisch den Arm zum Hitlergruß erhebt.
Danke, für diesen Text und danke ganz allgemein für deine lesenswerten Texte. Ich freue mich immer, wenn du etwas Neues geschrieben hast. Einige deiner Gedanken finden auch Eingang in meine Texte.
Hallo Ahne. Es freut mich, dass überhaupt noch jemand diesen Blog liest. Und dann auch noch ein bekannter Autor aus der Hauptstadt. Vielleicht schaffe ich es mal wieder, bei einer Lesung vorbeizukommen, bin ja jetzt wegen meiner Enkelin häufiger in Berlin.