Vielleicht böser als ihr glaubt

In Uwe Tellkamps von Susanne Dagen herausgegebenen neuen Buch ist Neo Rauch einer der Hauptakteure

Welche Textsorte das Büchlein Uwe Tellkamps mit reichlich hundert Seiten sein soll, steht nicht dabei. Erst im Klappentext ist von einem Essay die Rede. Das Thema hingegen ist klar. Es geht um Kunst, heutige und vergangene.

Auch wenn die ersten beiden Protagonisten im Reportagestil als Nina Schmücke und Martin Rahe vorgestellt werden, erkennt man darin schnell Rosa Loy und Neo Rauch. Nina ist die ruhige Gärtnerin mit dem grünen Daumen und Kräuterkenntnissen, Rahe der „Getriebene“, der dennoch bodenständig bleibt. Er fährt mit dem Rad von Markkleeberg in die Spinnerei, möchte keine Assistenten, isst Nudeln zu Mittag.

Schwieriger wird es, andere Personen eindeutig zuzuordnen. So den Maler Vogelstrom, ein wortgewaltiger und unheimlich belesener Dresdener, den der Erzähler aus der Studienzeit in Leipzig kennt und der manche Eigenschaften Johannes Heisigs besitzt. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich meint hingegen, dass damit Hubertus Giebe gemeint sei. Eine Melange realer Vorbilder offenbar, da kann niemand Tellkamp verklagen. Der Erzähler selbst nennt sich Fabian. Dass er auch Künstler ist, vor allem Bildhauer, erfährt man aber erst zum Ende des Buches. Und dann gibt es noch einen Carl Bunke, Galerist Rahes mit maßgeschneiderten Dreireihern als Markenzeichen, den man aber auch nicht eins zu eins mit Judy Lybke in Deckung bringen kann. Schon die Angabe, er vertrete sowohl „Rahe“, „Schmücke“ wie auch „Vogelstrom“ passt nicht dazu. Dennoch ist Lybke als Schablone der Figur erkennbar. Andere Künstler, Galeristen, Autoren hingegen werden beim richtigen Namen genannt, darunter auch solche, die noch leben.

Unterhaltung über Politisches, in dem er [Rahe] gut bewandert ist, kennt sowohl die trevische als auch die Leipziger Politik. Trevisch? Ja, die Hauptstadt des Landes heißt Treva und hat den spärlichen geografischen Angaben nach, so etwa Speicherstadt, wo Bunke seine Hauptgalerie hat, oder Elballee, mehr mit Hamburg als Berlin zu tun. Spätestens dann merkt man, dass trotz etlicher Realitätsbezüge der Text kein Essay ist, sondern ein Auszug aus oder eine Ergänzung zu Tellkamps neuem Roman, dessen Erscheinen Suhrkamp um etliche Monate verschoben hat.

Dass dieser Roman so heiß erwartet wird, liegt nur zweitrangig an der Frage, ob er an den Erfolg von „Der Turm“ anknüpfen kann. Vielmehr geht es darum, wie politisch er sein wird. Uwe Tellkamp hat seine Nähe zu Pegida und AfD deutlich gemacht, woraufhin ihn Rauch als „Wiedergänger Stauffenbergs“ bezeichnete. Das hat er später widerrufen, aber nicht wegen nachlassender Wertschätzung des Autors. Der Vergleich der Bundesrepublik mit dem Hitlerregime war all zu dick aufgetragen.

Über Kunst erfährt man wenig in dem Buch, es ist ein Namedropping ohne Tiefgang, „Vogelstrom“ weist den Erzähler auf diesen und jenen vor allem Dresdener Künstler der Vergangenheit hin, was er mit kurzen Beschreibungen beantwortet, ohne auf die Unterschiede zum Beispiel der Dresdener und Leipziger Kunstentwicklung einzugehen. Sogar das Detail, dass Rauch in der Mittagspause mit einer Luftpistole auf Porträts seiner „Lieblingsfeinde“ schießt, ist nicht neu. Wenn „Vogelstrom“ einen ausufernden Pasquill auf Kunstmarkt und Kunstmessen als mahlstrom-wahnsinnige Veranstaltungen ablässt, mag das berechtigt sein. Doch das haben Markus Metz und Georg Seeßlen mit „Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld“ schon vor Jahren viel kenntnisreicher, dazu noch stilistisch besser dargestellt. Und auch das Gejammer über die Versorgungsmentalität mancher Kunstprofessoren ist abgestandene Brühe und in dieser Pauschalisierung einfach Quark.

Tellkamp legt diesem Vogelstrom die Worte in den Mund: Die Dekadenz, Fabian, die Knabenliebe, alles wie heute, du kannst darin alles finden, eines der größten Reiche der Weltgeschichte, das Römische Reich, ist an der Dekadenz zugrunde gegangen, so ist es auch heute, auch wir werden so zugrunde gehen. Was für ein Schnulli. Wenn das gegenwärtige System zugrunde geht, dann nicht an dekadenter Knabenliebe, sondern am Turbokapitalismus, zu dem auch der Kunstmarkt gehört.

Das Buch ist in der Edition Buchhaus Loschwitz erschienen, dem Kleinverlag der Buchhändlerin Susanne Dagen, die enge Kontakte nicht nur zu Pegida sondern auch den Neuen Rechten um Götz Kubitschek und Ellen Kositza pflegt. Im vermutlich von ihr verfassten Klappentext heißt es, Tellkamp führe auch die Bedrohung der Kunst vor Augen, wenn sie und der Künstler in die Mühlen der Politik und Ideologien geraten. Eine Falschaussage. In dem für viele rechte Autoren typischen Geraune wird mal am Rande – im Kontext der Dresdener Romantik – erwähnt, dass im Jahre 15 in Dresden ein Vulkan ausgebrochen sei mit Folgen für die ganze Republik. Was dann im kommenden Roman namens „Lava“ zu erwarten ist, kann man erahnen. In welche Mühlen der Politik und Ideologien ist den Rahe aka Rauch geraten? Was veranlasst den wohlhabenden Weltstar zu einer Sympathiebekundung für Rechtsradikale? Das zu untersuchen wäre ein lohnendes Thema für einen Essay. Natürlich nicht für Tellkamp, der ist genau so ein Fall.

Nach einigen Tagen habe ich auf meine Nachfrage Antworten von Susanne Dagen erhalten. Nicht nur weil es eine private Nachricht ist. Möchte ich daraus nicht zitieren. Es lohnt auch nicht. Wirklichen Aufschluss ergeben ihre Aussagen nicht.

Aufschlussreicher als die Vulkan-Metapher ist eine andere Nebenbemerkung. Auf dem Bücherbord in Rahes Atelier gebe es viel Ernst Jünger. Mit dem Titel seiner gemalten Karikatur „Der Anbräuner“ hat sich Rauch im Vorjahr im Schlagabtausch mit dem Leipziger Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich direkt auf Jünger bezogen. Dieser hatte sich trotz seiner antidemokratischen, antiliberalen und nationalistischen Einstellung vom NS-Regime distanziert, aber fortan die Haltung des „Anarchen“ eingenommen, der von der Seite beobachtet, auch sympathisiert, aber nicht verantwortlich ist. Das passt sowohl zu Tellkamp als auch Rauch. Das Klischee von der Kunst und das von den Künstlern, die etwas zu rasch und zu fraglos für gute Menschen gehalten werden. Was aber, wenn sie böser sind, als ihr glaubt? fragt Rahe im Buch.

Nun könnte man zwar fragen, ob solch ein Verhalten tatsächlich Schaden anrichten kann. Wer liest Tellkamp? Wer kauft Rauch-Bilder oder geht auch nur in seine Ausstellungen? Sicherlich nicht das Pegida-Fußvolk. Das Gefährliche ist aber die Strategie der Normalisierung rechtsradikaler Ansichten, die das Gefühl des Angekommenseins in der Mitte vermittelt, eben auch unter angesehenen Intellektuellen. Dagegen zu argumentieren ist genau so nötig wie Bachmann, Höcke oder Kubitschek als Rechtsextreme zu bezeichnen.

Uwe Tellkamp: Das Atelier

Edition Buchhaus Loschwitz, Dresden 2020

ISBN 9783982013183

17,00 Euro

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5 Antworten auf Vielleicht böser als ihr glaubt

  1. Otto Thoenißen sagt:

    Prima, d.h. mit recherchierten und also lesenwerten Fakten, angefangen, dann mehr in Richtung eines mit dem richtigen Glaubensbekenntnis garnierten Besinnungsaufsatzes abgedriftet, welcher – zugegeben – das Gefühl des Angekommenseins in der Mitte klar genug vermittelt (Höcke brav erwähnt, etc.). Ob es dazu aber so einen Blog braucht? Damit laufen den Feuilletons doch ohnehin die Leser weg.

    • admin sagt:

      Was hat eine Buchrezension mit recherchierten Fakten zu tun? Und was soll ein „Besinnungsaufsatz“ sein? Braucht jemand diesen Kommentar? Die Versatzstücke rechtsradikalen Geschwafels kenne ich auswendig.

  2. Hendrich sagt:

    Also ich gehe zu Pegida und ebenso in Rauch-Ausstellungen. Manchmal sogar ins Theater. Herr Kassner sollte seine Vorurteile überprüfen.

    • admin sagt:

      Welche Vorurteile? Wer zu Pegida geht, ist rechtsradikal. Und wenn Tellkamp, Dagen und Rauch mit Pegida sympathisieren, sind sie es auch. Punkt.

      • g. haase sagt:

        Der große Philosoph Volker Pispers sagte einmal in einer Show zu einer in der ersten Reihe sitzenden Frau: „Das kennen Sie noch aus den Zeiten des Feminismus – wenn man morgens beim Aufstehen weiß, wer der Feind ist, hat der Tag Struktur.“

        Noch ein Zitat (vergessen von wem):
        „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“

        GvH

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