Ich habe es gestern riskiert, zu einer Veranstaltung zu gehen, deren Organisatorin als Mitglied einer „gesichert extremistischen“ Vereinigung verschrien ist. Die Person ist Nirit Sommerfeld, israelisch-deutsche Jüdin, Enkelin eines Holocaustopfers. Die Vereinigung heißt „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“. Da ist sie allerdings kein Mitglied mehr.

Macht nichts. Trotzdem hat im Vorfeld eine sich Deutungshoheit anmaßende Chemnitzer Pressure Group massiven Druck auf die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen ausgeübt, die eine Förderung der Gesprächsreihe „Gespräche auf dem Goldenen Sofa“ von reichlich 14.000 Euro zugesagt hatte. Die Stifung war glücklich, einen Verfahrensfehler gefunden zu haben, um die Rücknahme der Förderung nicht politisch begründen zu müssen.
Erster Gast war die aus Österreich stammende, schon lange in Berlin lebende Historikerin (Fotschungsschwerpunkt Holocaust) und Schriftstellerin Eva Menasse. „Es sind immer sehr wenige, die einen Shitstorm entfachen“, sagte sie zu Anfang. Der Brandbrief, den die Gruppierung aber an diverse Institutionen verschickt hatte von Zentralrat der Juden bis Kriminalpräventiver Rat (!), trug immerhin rund 100 Unterschriften, allerdings deutschlandweit eingesammelt. Zu der Veranstaltung im Café Julius im Archäologiemuseum smac, betrieben von Sommerfeld und benannt nach ihrem in Sachsenhausen ermordeten Großvater, kamen aber ungefähr gleich viele Chemnitzer. Ein Streisand-Effekt wegen der vorherigen Aufregung? Wohl eher echtes Interesse und ein Bedürfnis nach Gesprächen über solche Themen wie jüdische Diversität und Missbrauch des Antisemitismus-Vorwurfs. Ich war als Privatperson da, habe Eintritt bezahlt, schreibe hier nicht als Journalist.
In jeder Elternversammlung gäbe es 30 normale Menschen und vier Irre, so Menasse. Es muss auch blöde Juden geben, hätte ihr Großvater gern gesagt. Sie beobachte seit ungefähr 2017 die Tendenz, dass in Deutschland israelkritische Haltungen stigmatisiert würden und Organe des israelischen Staates, darunter der Botschafter, eine aktive Rolle dabei spielen. Die Akteure würden vermutlich glauben, die Welt zu verbessern. Doch: Die Verbesserung der Welt beginnt nicht da, wo man Leute vom Reden abhalten will.
Welche weiteren extremistischen Äußerungen gab es in den anderthalb Stunden? Die BDS-Bewegung wurde als ein legitimes Mittel bezeichnet, Israel unter Druck zu setzen. Es sei ein „Kampf mit dem Verstand“ statt mit Steinen oder Attentaten wie in den ersten beiden Intifadas. Und die gegenwärtige israelische Regierung wurde als faschistisch bezeichnet, dafür dann auch Argumente gebracht.
Auf Nachfrage aus dem Publikum, was sie denn zum Massaker vom 7. Oktober 2023 sagen, antworteten sowohl Menasse als auch Sommerfeld, dass es ein Schock war. Sie möchten das aber nicht immer wieder jeglicher Kritik an der Politik der israelischen Regierung voranstellen müssen.
Die Veranstaltung fand ohne Förderung statt, so wie die nächsten der Reihe. Neun Gespräche sind geplant. Schön zu sehen, dass Sabine Wolfram, Direktorin des smac und Chefin des Tacheles-Jahres, den Veranstaltern den Rücken stärkt, ebenso wie Chris Münster vom Verein Tage der jüdischen Kultur. Er wird übrigens zum Sündenbock wegen des Verfahrensfehlers der Kulturstiftung gemacht.
Alles gut? Überhaupt nicht. Die Kampagne reiht sich ein in die Weimerschen Verhältnisse mit dem Canceln von Preisträgern, Druck auf die Biennale und so weiter. Es wird ein Klima der Einschüchterung geschaffen. Und wo Selbstzensur nicht greift, ist der Übergang zur echten Zensur schon in Sichtweite.
Warum es vor allem Künstler sind, die dagegen aufbegehren, stellte Eva Menasse eine eher rhetorische Frage. Weil sie eben nicht in Verhältnissen stehen, wo es arbeitsrechtliche Konsequenzen haben kann, wenn etwas gesagt wird, das von offizieller Seite stigmatisiert ist.
Stimmt, darum werde ich zur nächsten Veranstaltung in zwei Wochen mit Fanny-Michaela Reisin wieder als Privatperson gehen.