Eine fatale Fixierung

Anfang Mai fanden in Chemnitz mehrere Verlegungen von Stolpersteinen statt, zu denen rund sechzig Nachkommen der betroffenen jüdischen Personen (sie hatten die Flucht geschafft) nach Chemnitz gekommen waren. Was ich erst dabei erfahren habe ist, dass der frühere OB Peter Seifert in den 1990er Jahren die Suche nach solchen Nachkommen begonnen hat. Das passierte nicht aus politischen Opportunismus. Ein enger Verwandter Seiferts hat in Chemnitz im NS-Regime als Rechtsanwalt vielen jüdischen Familien (die sich das finanziell leisten konnten), bei der Ausreise geholfen. Heute wird diese Arbeit durch die AG Stolpersteine und den Verein Buntmacherinnen fortgesetzt.

Bei diesen Verlegungen der Gedenksteine und auch den folgenden zwei Ausstellungen der Reihe „Threads“ im Smac und im Fahrzeugmuseum konnte ich mit einigen dieser Nachfahren sprechen, anderen zumindest zuhören.

Eine heute 87-Jährige wurde vermutlich als letztes jüdisches Kind in Chemnitz geboren, wenige Wochen nach der Pogromnacht. Mit vier Monaten konnte ihre Mutter sie mit nach Argentinien nehmen, wo der Vater schon lebte. Trotzdem spricht sie muttersprachlich deutsch. Vor wenigen Jahren ist sie nach Kanada umgezogen. Ich habe sie gefragt, wie sie ihre Identität auf einen Begriff bringen kann. Ich war mir sicher, dass sie antwortet: „Ich bin Jüdin.“ Doch sie sagte: „Ich habe keine Identität.“

Éine andere alte Frau, schon in den USA geboren, sagte, sie sei stolz, vor Kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen zu haben. Ich fragte sie erstaunt, warum. „Weil ich mich vor allem als Deutsche fühle.“

In den wenigen Jahrzehnten zwischen der Liberalisierung jüdischen Lebens in Deutschland und der Katastrophe des Naziregimes haben sehr viele Juden, nicht nur in Chemnitz, erfolgreich Existenzen als Unternehmer, Anwälte, Ärzte und auch in der Kultur aufgebaut – im Verhältnis zum Anteil an der Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich viele. Sie wollten hier erfolgreich sein, anerkannt, gleichberechtigt, respektiert. Aber nicht in eine Halbwüste auswandern, in der schon Andere lebten.

Als sie dann doch zum Exil gezwungen wurden, bevorzugten die meisten andere Gegenden als Palästina. Sogar Rabbiner Hugo Fuchs ging lieber nach Argentinien.

Ich finde, dass solche Begegnungen mit Nachfahren der Opfer (ich hatte auch in den Jahren davor mehrere, darunter mit den zwei Töchtern der in einem Film verewigten „Irmi“) viel besser zum Kampf gegen „jeden Antisemitismus“ beitragen, als die auf Repression setzende Kampagne des selbsternannten Zensors von Chemnitz Wladimir Schickmann und seiner Anhänger unter dem Dach der Jüdischen Gemeinde.

Sie sind wie viele Zugewanderte, aber auch hier Geborene wie die Ex-Chemnitzerin Ulrike Richter, die lieber nach Rügen ausgewandert ist als nach Haifa, total auf Israel fixiert. Zum ersten Mal war ich im Büro der Jüdischen Gemeinde Chemnitz 2001, damals noch an der Jakobstraße, da ich den Auftrag hatte, die Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge herzustellen. In dem Schulungsraum, in denen die „Kontingentflüchtlinge“ ihre Crashkurse zur Integration erhielten, hing eine Landkarte an der Wand. Nicht die der Bundesrepublik Deutschland, ihrer neuen Wahlheimat, sondern die von Israel. Warum eigentlich? Die Karte war eine solche, die schon damals von der israelischen Regierung verbreitet wurde, in der es kein Westjordanland als autonomes Gebiet gibt. Das sind die israelischen Provinzen Judäa und Samaria.

So auf Linie gebracht, verteidigen die osteuropäischen Zuwanderer, die selbst nicht in Israel leben möchten, auf Biegen und Brechen jeden Scheiß, den dieser Statt anrichtet. Und ich meine damit nicht nur die aktuelle rechtsradikale Regierung. Israel ist in seinen Grundlagen ein ethnozentristischer, auf die völkische Ideologie des Zionismus aufbauender Staat. Daran wird auch ein möglicher nächster Ministerpräsident Naftali Bennett überhaupt nichts ändern. Vom Regen in die Traufe.

Falls die hier lebenden Juden tatsächlich etwas gegen Antisemitismus bewirken wollen, sollten sie vielleicht anerkennen, dass sie deutsche Staatsbürger sind, die Verfassung dieses Landes achten einschließlich der darin festgeschriebenen Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit. Aber nicht einen anderen Staat gnadenlos verteidigen, in dem per Nationalstaatsgesetz (eine Verfassung gibt es nicht), die Juden als auserwähltes Volk juristisch definiert werden. Eine Korrektur ihres falschen Auswanderungszieles ist aber auch denkbar.

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