Gewiss kein Falke

Schon früher habe ich einige Bücher zum Nahost-Konflikt gelesen, auch zur Geschichte Israels. Seit Anfang des Jahres habe ich das intensiviert, um nicht nach Gefühlen zu urteilen. Neben etlichen Zeitungsartikeln gehören Standardwerke wie Shlomo Sands „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ und „Die Erfindung Israels“ dazu, aber auch „Zweierlei Antisemitismus“ von Georg Auernheimer, eine Sammlung von Aufsätzen Meron Mendels und „Israel Hamas Gaza Palästina“ von Wolfgang Kraushaar. Und „Wem gehört das Heilige Land“ von Michael Wolffsohn.

Wolffsohn, lange Jahre Professor an der Universität der Bundeswehr München, war mir in unangenehmer Erinnerung. Die Laudatio zum „Wächterpreis“ 2021, einer Ehrung für Lokaljournalisten, verwandelte er in eine Publikumsbeschimpfung. Die deutschen Zeitungen hätten durchweg verschwiegen, dass bei den palästinafreundlichen Demonstrationen des Jahres antisemitische Parolen gerufen und gezeigt worden wären. Ich brauchte nur wenige Minuten, um herauszufinden, dass dies falsch ist. Von taz bis FAZ haben alle wichtigen überregionalen Medien dies berichtet und verurteilt. Ein zionistischer Hardliner also, der lügen muss, um seine Agenda durchzudrücken?

Nach dem Lesen des Buches muss ich diesen Eindruck gründlich korrigieren. Wolffsohn stellt kenntnisreich, ausgewogen und in jede Richtung kritisch dar. Und das alles in einer nicht wissenschaftlich überladenen Sprache, illustriert mit etlichen Karten der umkämpften Region von Abraham bis Netanjahu. Es ist damit gut geeignet als Einstieg in das Thema. Doch obwohl ich gewisses Vorwissen hatte, habe ich es mit Gewinn gelesen.

Zunächst beschäftigt sich der Historiker mit dem Begriff des „Heiligen Landes“, inwiefern es denn für wen und warum heilig sein soll. Er sortiert auch die heiligen Stätten in dem Gebiet nach ihrer Bedeutung für Juden, Christen und Muslime, wobei es nicht wenige Überschneidungen der drei monotheistischen Religionen gibt. Er geht außerdem auf andere Völker und Glaubensrichtungen ein. Bezüglich der Samaritaner sagt er: Macht macht grausam, und grausam verhält sich offenbar jede Minderheit, die zur Mehrheit wird. […] Als Mehrheit verwandelten sich auch Juden – freilich nicht alle, aber eben doch viele, viel zu viele. In Verfolger und Unterdrücker. (S. 80) Das Gleiche gelte aber auch für Palästinenser.

Nebenbei gesagt: Für Wolffsohn scheint die zionistische Propaganda-Erzählung, dass der Begriff Palästinenser erst vom Ägypter Arafat erfunden worden sei, offenbar nicht zu gelten. Die in der Gegend lebenden Araber bezeichnet er auch für frühere Jahrhunderte konsequent als Palästinenser.

In weiteren Kapiteln dröselt er mehr als 3000 Jahr Geschichte auf. Der immer wieder zu hörenden Legende, die Juden seien die eigentlichen Ureinwohner der südlichen Levante erteilt er eine faktenreiche Absage. Der biblische Stammvater Abraham stammte aus Ur im Süden des Zweistromlandes, zog mit seinem nomadischen Stamm in einem weiten Bogen über die heutigen Kurdengebiete bis Ägypten. Erst mit dem sagenhaften Auszug aus Ägypten unter Mose wird das Land Kanaan zum Siedlungsgebiet jüdischer Stämme. Die Gegend war nicht menschenleer, doch Gott gab den Befahl, die da lebenden Völker einfach auszurotten. Von den historischen Darstellungen zieht der Wissenschaftler, der auch politischer Publizist ist, immer wieder Verbindungen zur Gegenwart und sagt zum Beispiel: Lange (zum Teil bis heute) meinten „berufsmäßige“ Freunde der Juden und Israels, Flecken auf der jüdischen Weste verbergen zu müssen. Sie fürchteten, andernfalls als „Antisemiten“ zu gelten. Was für ein Unsinn, wenn auch wohlmeinender Unsinn. (S. 152)

Etwas auf die Nerven gegangen ist mir der im zweiten Teil des Buches zwischen „Besitz“ und „Eigentum“. Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt völkerrechtlich relevante Kategorien sind. Wolffsohn selbst sagt, dass die göttlich verfügte Landnahme durch die Juden im 13. Jahrhundert v.u.Z. in den Bereich der Heilsgeschichte gehört und betont: Das Beharren auf der Geschichte erweist sich oftmals als nicht enden wollende Geschichte des Leids. (S. 160). Die Hurru jedenfalls als älteste bekannte Ethnie in diesem Gebiet und die Kanaaniter als deren gesellschaftliche Elite gibt es nicht mehr. Weder Juden noch Palästinenser seien ihre Rechtsnachfolger als Eigentümer des Landes, meint der Autor.

Er zeigt, dass es nur etwa 500 Jahre in der langen Geschichte der Juden mit staatlicher Selbstbestimmung gab, in einer erheblichen Zeit davon aber in den zwei Reichen Israel und Juda, die sich gegenseitig bekämpften. Und unter der den immer wieder wechselnden Fremdherrschaften ging es ihnen sehr unterschiedlich, unter den muslimischen Türken, die volle 400 Jahre herrschten beispielsweise viel besser als unter den Römern oder den christlichen Kreuzfahrern.

Die Zeit vom Aufkommen des Zionismus bis heute nimmt von 300 Buchseiten nur 50 ein. Doch auch in diesem recht bescheidenene Abschnitt werden einige verbreitete Narrative widerlegt, so jener der ewigen Sehnsucht nach Rückkehr ins „Heilige Land“. Er steht sogar im Widerspruch zu den Vorschriften des Talmud, sorgt bis heute für Konflikte mit den Ultraorthodoxen.

Und Wolffsohn zeigt auch klar, wer die Hauptschuldigen am heutigen Schlamassel sind: die Briten. Fast zeitgleich, als das Gebiet noch osmanisch war, versprachen sie im McMahon Brief den rebellierenden Arabern nationale Selbstbestimmung, im Sykes-Picot-Abkommen wurden die Einflusssphären zwischen Frankreich und Großbrittanien aufgeteilt, und in der berühmten Balfour-Deklaration wurde den Juden eine Heimstatt (kein Staat) versprochen.

Das Unheil mit Verbrechen und Versagen von allen Seiten nahm seinen Lauf. Zur Nakhba, die es nach Darstellung prozionistischer Progagandisten gar nicht gab, zitiert er den israelischen Kollegen und ehemaligen IDF-Offizier Meir Pail: Ungefähr ein Drittel der palästinensischen Flüchtlinge beschloß, aus freien Stücken zu fliehen, besonders am Anfang des Krieges [also schon seit November 1947]. Ein weiteres Drittel floh aufgrund psychologischer Maßnahmen. Man sagte ihnen, es sei besser für sie, freiwillig zu gehen , als erobert zu werden. Das letzte Drittel wurde regelrecht mit Gewalt vertrieben. Es geht dabei um etwa 700.000 Menschen zu einer Zeit, als etwa 600.000 Juden dort eingewandert waren.

Das Überraschendste am Buch von Michael Wolffsohn ist, dass er ganz am Ende mit einem konstruktiven Vorschlag kommt. Er meint, ein föderales Gebilde, dass zugleich Bundesstaat wie auch Staatenbund ist, Lebensraum und Selbstbestimmung für Alle bieten kann. Klingt gut, ist aber heute noch weniger wahrscheinlich, als 2002, als die Erstauflage des Buches erschien.

Was denn nun 2021 Wolffsohn zu seiner Entgleisung beim „Wächterpreis“ veranlasst hat, bleibt mir nach der Lektüre völlig unverständlich.

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