Zu den Guten gehören

Ist es nicht ein gutes Gefühl, zu den Progressiven zu gehören? Zu denen, die es dem Schweinesystem mal so richtig zeigen? Die dem Establishment so schmerzhaft auf die Füße treten? Geil! Stimmts?

Als ich vor vier Wochen hier einen Text zum Thema Westwerk retten veröffentlichte, gab es punktuelle Zustimmung, vor allem aber Angriffe unterschiedlichen Niveaus. Denn ich gehöre eben nicht zu den Guten, die sich uneingeschränkt solidarisch zeigen und keine Fragen stellen. Dabei habe ich durchaus Sympathie für die Kreativen oder Gewerbetreibenden nicht allein im Westwerk. Doch es ist kein reiner Sprachpurismus, wenn ich diverse Floskeln kritisiere. Ich halte es geradezu für kontraproduktiv, Thesen in den Raum zu stellen, die nicht haltbar sind, fordere stattdessen sachlichen Pragmatismus ein. Das kommt bei manchen Leuten nicht gut an, zumeist nicht selbst betroffen, aber von der Revolutionsromantik infiziert.

In den Kommentarspalten von LVZ-Online würde ich da Beifall finden, schrieb jemand auf FB, wohl auf den Rechtsdrall der dortigen Pöbler anspielend. Zudem meinte er, mein Text sei peripher, da es nicht allein um das Westwerk gehe. Geht es auch wirklich nicht. Und auf Twitter war sich eine Frau @herderpark nicht zu schade, im Biografischen zu stochern, um dann noch anzudrohen, sie könne auch noch weiteres auspacken. So geht Diskurs. Bravo!

Viel einfacher ist es da, pauschal zuzustimmen. So twitterte die Linken-Politikerin Katja Kipping, dass die Soziokultur verteidigt werden müsse. Das ist eigentlich ein in diversen Förderrichtlinien genau definierter Begriff, nach dem es im Westwerk keine soziokulturelle Institution gibt. Aber wer fragt schon so genau nach, hauptsache Solidarität! Der Wahlkampf ist schließlich schon am Laufen. Möglicherweise war Frau Kipping noch nie im Westwerk.

Genau so eine blöde Floskel ist die von der Selbstorganisation, die für das Westwerk als Ganzes einfach nicht zutrifft. Dass Westpol, Hackerspace und vermutlich auch andere Mieter in den letzten Jahre hohe Beträge an Eigenleistungen investiert haben, konnte ich nachlesen. Gut. Wurde eine Erstattung bei einer eventuellen Kündigung vereinbart? Nein? Dann ist es zumindest blauäugig, in solch eine Vorleistung zu gehen. Da ja Frau @herderpark fragt, ob denn mein mitverantwortetes Unternehmen in unmittelbarer Nähe des Westwerkes fremdbestimmt sei: Nein, nicht in den Inhalten, aber bezüglich der Immobilie schon. Erst vorige Woche mussten wir wieder die Schmierereien eines „Künstlers“ überstreichen, die Genehmigung des Hauseigentümers haben wir dafür eingeholt.

Selbstverständlich springen die alternativen Medien auf das Thema auf. Alternativ heißt in Leipzig: LVZ ist am Ende, wir machen Qualitätsjournalismus. Also habe ich mir nach etwa einem Jahr wieder einmal die Leipziger Zeitung gekauft, da schon auf dem Titelbild gut zu sehen ist: Kommerz frisst Kultur. Klar. Kultur hatte mit Kommerz noch nie was zu tun. Auch die LZ nicht. Braucht nur Geld zum Überleben. Das ist dann aber kein Kommerz. Nee, igitt.

In dem Aufmacher-Artikel schreibt Michael Freitag, unter anderem Namen auch als Anzeigenakquisiteur der LZ aktiv, bezüglich der kommunalen Rolle: Oft genügen schon ein paar tausend Euro und der Bestand eines Vereins wie der Hackercommunity „Sublab“ oder der Künstlerin Naoma mit ihrem „ Tipi“ wäre für ein weiteres Jahr gesichert. Wofür sollen diese paar tausend Euro reichen? Für die erhöhten Mietkosten? Wie geht es nach dem Jahr weiter? Mir würden paar tausend für das nächste Jahr auch reichen. Der LZ wohl auch. Welcher Förderrichtlinie entspricht das? Welche Klagewelle anderer Förderbedürftiger ist zu erwarten, wenn die Stadt nach Vorschlag Herrn Freitags dafür was aus dem Puffer des Haushaltes nimmt? Ich würde selbst klagen. Darf man solche Vorschläge populistisch nennen? Wahrscheinlich nicht, weil der Pöbel mit dem Westwerk nichts am Hut hat. Aber es ist eben ein angenehmes Gefühl, zu den Guten zu gehören, die sich stark machen für die nichtkommerzielle Kultur. Da kann man irgendwas daherlabern. Welche öffentlich nutzbaren Kultureinrichtungen sind im Westwerk nach Auszug des Westpol eigentlich vorhanden?

Verwundert es, dass die mit der LZ unmittelbar verbandelte L-Iz mit im Boot der Guten sitzt? Obwohl die meisten L-Iz-Artikel seit einiger Zeit hinter einer Paywall verborgen sind, Kommerz frisst eben Kultur, wurden nun gerade Beiträge zu diesem Thema für alle Leser freigeschaltet.

Ralf Julke, der in der LZ einen auffällig unkritischen Artikel zu den umfangreichen Aktivitäten der CG Gruppe in Plagwitz veröffentlichte, schrieb vor kurzem in der L-Iz, dass Leipzig generell kein Ort mehr für Kreative sei. Die Vorgänge im Westwerk zeigen nur, dass die Strukturen nach wie vor prekär sind. Tja, „nach wie vor“ heißt eigentlich, dass es noch nie besser war. Aus einer Meldung des Statistischen Landesamtes Sachsen bezüglich der Insolvenzen 2016 im Freistaat schlussfolgert Julke scharfsinnig, dass es sich überwiegend um sogenannte Kreative handeln müsse, überwiegend wohl in Leipzig. Keiner der erwähnten Fakten stützt diese These. Sowieso werden nur absolute Zahlen genannt, keine Tendenzen.

Die Kreativen würden kaum Aufträge von der Stadt erhalten, heißt es weiter. Gibt es einen Anspruch darauf? Dann wird er doch noch richtig populistisch bezüglich der Ausgaben Selbstständiger: … die Steuer ist auch immer dabei, denn Papa Staat verdient immer mit, egal, ob der Auftrag zum Leben reicht oder nicht. Dass man sich mit weniger als 17.500 Euro Jahresumsatz von der Umsatzsteuer befreien lassen kann, müsste Julke eigentlich wissen. Dass es auch bei der Einkommenssteuer Freibeträge gibt, Anfang 2017 sogar angehoben, müsste er auch wissen. Aber es klingt eben viel aufmüpfiger, wenn man behauptet, Krake Staat würde sogar Verhungernde noch besteuern. Gleichermaßen seltsam ist die Behauptung, die Kreativen würden nicht regelmäßig in die Sozialkassen einzahlen. Doch, die Künstlersozialkasse möchte monatlich einen Betrag auf ihrem Konto sehen. Der Unterschied ist nur, dass hier der Leviathan die Hälfte zuschießt.

Es folgt eine Begräbnisrede. Dann verabschiedet sich das kreative Leipzig gerade und lässt uns mit den langweiligen Unkreativen aus den Ämtern und Behörden allein. Es geht eben nicht nur um bezahlbare Freiräume. Es geht um eine Menge Rahmenbedingungen, die augenscheinlich nicht mehr stimmen. Und die dafür sorgen, dass Leipzig einen Großteil seiner kreativen Vielfalt jetzt verliert. (Hervorhebungen im Original)

Um das plastisch zu unterfüttern, veröffentlicht Ralf Julke am gleichen Tag noch die herzerweichende Story eines gescheiterten Existenzgründers, dessen Schicksal die Grausamkeit der Bedingungen für Kreative in Leipzig illustrieren soll. Herr Mutig, wie er genannt wird, hat nach einer Jobkündigung ein Tonstudio gegründet. Offenbar ohne einen vorherigen Businessplan. Dann musste er merken, dass es Konkurrenz gibt, die Aufträge nicht zum Überleben ausreichen. Schuld ist die Kommune. Oder andere Institutionen, die eigentlich nicht kommunal sind. Wunderbar ist der Abschnitt zum Finanzamt: Hinzu kam, dass die deutsche Irrsinnsbürokratie mir das Leben äußerst schwer gemacht hat. Z. B. als ich eine Steuererklärung abgeben sollte, bat ich das Finanzamt Leipzig um Unterstützung. Denn schließlich wollten die was von mir und nicht ich von ihnen. Und ich bin Musikkomponist und kein Finanzbeamter. Man entgegnete mir, dass sie mir nicht helfen werden und ich mir einen Steuerberater suchen solle. Als ich fragte, ob sie mir dann vielleicht wenigstens einen Tipp geben könnten, wie ich den bezahlen soll oder ob sie mir einen Steuerberater nennen können, der seine Leistungen kostenlos feilbietet, reagierte man noch unfreundlicher als zuvor. Ist das nicht Realsatire? Seit einer Verlinkung des Artikels in der Facebook-Gruppe Startupszene Leipzig hagelt es dort Häme, aber auch gutgemeinte Hinweise auf Fördermöglichkeiten finden sich.

Was will die Leipziger Internetzeitung mit solchen Haudrauf-Artikeln eigentlich erreichen? Zu den Guten gehören, die dem System mal so richtig zeigen, was eine Harke ist? Oder zumindest ein Zahnstocher?

Als ich mit dem Text schon fast fertig war, habe ich mir das März-Heft des Kreuzer gekauft und darin den Artikel des Chefredakteurs Andreas Raabe zur Westwerk-Debatte gelesen. Wunderbar objektiv, gut recherchiert und ohne Angst, von den Revoluzzern gehasst zu werden. Qualitätsjournalismus ist also doch möglich. Freut mich.

 

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