Eine legitime Entscheidung

Die in der Spinnerei ansässige Galerie Kleindienst trennt sich von einem Künstler, dessen politische Meinungen sie nicht teilen kann – Axel Krause. In den Medien gibt es einen Aufschrei. Nicht nur in Springerblättern wie Die Welt, sondern auch im MDR, der den ZEIT-Redakteur Hanno Rauterbach dazu interviewt hat. Andere springen gierig auf den Zug auf, so Erika Steinbach oder das rechtsextreme Portal Achse des Guten. Und deren Anhänger sind dann selbstverständlich mit „Zensur“ und „Gestapo“ schnell bei der Hand.

Letzteres überrascht nicht, Rauterbergs Stellungnahme aber schon. Offensichtlich wirft er da mehrere Sachen in einen Topf, die differenziert gesehen werden müssen. Er bringt zuerst Woody Allen ins Spiel wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs seiner Tochter: Obwohl das so lange her ist … Tolles Argument für Missbrauchsopfer. Hat mit dem Fall Krause aber absolut nichts zu tun. Dann kommt die Sache mit der Übertünchung des Gomringer-Gedichts in Berlin wegen angeblichem Seximus. Eine völlig andere Ebene.

Zunächst mal muss wohl klar zwischen privatwirtschaftlichen und öffentlichen bzw. gemeinnützigen Einrichtungen unterschieden werden. Bei Krause ist die Sache so: Eine private Galerie vertritt den Künstler seit vielen Jahren nicht nur mit eigenen Ausstellungen und Sammlerkontakten, sondern auch auf kostenintensiven Kunstmessen in Deutschland und international. Sie muss also hinter ihm stehen, ihn überzeugend repräsentieren. Sie könnte sich von einem Künstler trennen, weil sie von dessen Qualität der Arbeiten nicht mehr überzeugt ist. Oder weil es unüberbrückbare Differenzen in der Weltanschauung gibt. Das ist völlig legitim. Bei einem Arbeitsverhältnis wäre das im juristischen Sinne problematisch, nicht aber bei Vereinbarungen zwischen Dienstleistern und Lieferanten. Ganz klar ist: Axel Krause wird in seiner Meinungsfreiheit wie auch Kunstfreiheit durch die Entscheidung der Galerie nicht irgendwie beeinträchtigt. Er kann weiterhin malen was er will und kann auf Facebook und sonst wo posten was er will. Er ist auch nicht existenziell bedroht. Ihm steht es frei, sich eine andere Galerie zu wählen oder sich selbst zu vermarkten. Publicity hat er jetzt ja mehr als je zuvor. Wenn da manche wohlwollende Kommentatoren auf seiner FB-Seite schreiben, das sei wie in der DDR, ist das völliger Unsinn. Als freiberuflicher Künstler durfte damals nur arbeiten, wer nach zweijähriger Prüfung in den allmächtigen Verband aufgenommen wurde. Gut, dass dies nicht mehr so ist. Mit der Kehrseite, einer Schwemme drittklassiger Kunst, muss man eben leben.

Problematischer ist die Sache bei öffentlichen Einrichtungen. Zwar hat auch da die Leitung die Möglichkeit, Künstler, die ihnen nicht ins Konzept passen, einfach zu ignorieren. Schwierig wird es dann, wenn es schon vertraglich vereinbarte Projekte gibt und diese wegen bestimmter Äußerungen in Frage gestellt werden. Noch schwieriger, wenn Werke aus dem Bestand oder zumindest der bisherigen Präsentation entfernt werden.

Auffällig bei den bekannt gewordenen Fällen dieser Art ist aber, dass die Initiative dazu praktisch nie von den Institutionen selbst ausging, sondern von Pressure Groups oder gar lautstarken Einzelnen. So ist es auch mit dem Gomringer-Gedicht in Berlin. Die Hochschule ist zwar privater Art, der Text aber wurde in der Öffentlichkeit präsentiert und durch eine unabhängige Jury ausgewählt.

Ich persönlich habe eine tiefe Abneigung gegen die Auswüchse einer dogmatischen und aggressiven Political Correctness. Besonders peinlich wird es, wenn Leute, die sich als Erben der 68er-Generation sehen, nicht damit klar kommen, nackte Penisse oder Vaginas ertragen zu müssen.

Nur hat diese Art von PC aber so rein gar nichts mit dem Fall Krause zu tun, wie Rauterberg suggerieren will. Er sagt dem MDR: Dass alles, was wir an Kunst um uns haben, was uns in den Theatern, im Kino, in den Museen an Kunst begegnet, jetzt nicht mehr eine aufstörende Wirkung haben soll, eine uns beunruhigende Wirkung, weil das war ja lange die Aufgabe der Avantgarde: dass sie uns in irgendeiner Weise durchrüttelt, dass wir die Welt neu sehen lernen – das war immer der Anspruch. An Krauses Kunst ist nichts aufrüttelnd, auch nichts aufklärend. Muss es auch nicht sein. Es geht um seine Haltung als Privatperson. Und da hilft es wenig, auf die Vergangenheit zu verweisen. Heute sind rechtsautoritäre Regime in ganz Europa auf dem Vormarsch. Wie es mit der Kunst- und Meinungsfreiheit in der Türkei und in Russland, in Ungarn und Polen aussieht, kann man eindrücklich studieren. Dass die AfD dies genau so handhaben will, gibt sie offen zu. Dann ein Bekenntnis zu dieser faschistoiden Partei als Ausdruck von Meinungs- und Kunstfreiheit, gar als aufrüttelnd zu bezeichnen, ist doch reichlich unbedarft. Von einem Redakteur der ZEIT hätte ich das nicht erwartet. Das ist Compact-Niveau.

Ich habe volles Verständnis für die Entscheidung der Galerie Kleindienst. Im Herbst 2019 wird mit großer Sicherheit eine Haselnuss-Koalition von CDU und AfD in Sachsen an die Macht kommen. Die hat zwar nicht die Macht einer Bundesregierung, aber Kultur und Bildung sind Ländersache. Einrichtungen, die nicht kuschen, können im öffentlichen und gemeinnützigen Bereich einfach Gelder entzogen werden. Auch den Privaten kann man auf die Pelle rücken, irgend einenen Paragrafen findet das Ordnungsamt immer. Darum wäre es jetzt fatal, wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren. Gerade im Interesse der Kunst- und Meinungsfreiheit muss alles was möglich ist getan werden, dieses Szenario zu verhindern.

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4 Antworten auf Eine legitime Entscheidung

  1. herrmann sagt:

    leckt die verdammte Galerie nicht am Arsch leider gibt es immer wieder sols eche Fluechtlingschmeichler🤑🕌🤑

  2. admin sagt:

    Vielen Dank für Ihren argumentativ überzeugenden Kommentar.

  3. m sagt:

    »Achse des Guten« rechtsextrem? Besorgt euch mal einen neuen Kompass, der alte ist ganz offensichtlich kaputt.

    • admin sagt:

      Wer mit „euch“ gemeint ist, weiß ich nicht. Das ist der private Blog einer Einzelperson.
      Wie ich denn „Achgut“ anders einordnen sollte, müssten Sie mir erklären. Dass die Autorinnen und Autoren alles hassen, was links ist oder sie dafür halten, ist nicht zu übersehen. In diese Himmelsrichtung gehören sie also definitiv nicht. Rechts muss noch nicht radikal sein, aber diese Leute geben sich alle Mühe, doch diesen Eindruck zu erwecken. Da stellt beispielsweise Cora Stephan alle Flüchtlinge unter den Generalverdacht, kriminell zu sein. Und Vera Lengsfeld schreibt in Bezug auf die metwo-Debatte, bei der es eigentlich um den Alltagsrassismus gegenüber allen Zugewanderten geht, auch hier Geborenen, von „klaglose[r] Alimentierung von Einwanderern durch den Steuerzahler“. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nennt man solche Pauschalisierungen, die ein Zeichen für Radikalismus sind. Und um Linksradikalismus handelt es sich auf keinen Fall.

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