Blut in der Milch

Nirit Sommerfeld, israelische Jüdin und Enkelin eines Holcaust-Opfers, hat mit über 60 ihren ersten Roman geschrieben. Zu einer Versöhnung mit radikalen Zionisten wird er vermutlich nicht beitragen.

„Beduinenmilch“ heißt der Roman. Der Titel ist einer der wenigen Kritikpunkte am Buch für mich. Abgesehen davon, dass man erst kurz vor dem Ende den Zusammenhang erfährt, ist er mir zu sentimental bezüglich so gar nicht sentimentalen Handlung.

Talia kommt wie jeden Sommer auch 2014 nach Israel, ihre Heimat. In Gaza gibt es einen Krieg, was für eine Überraschung. Die in Berlin lebenden Eltern wissen nicht, dass sie sich schon bei der Einreise, kurz vor dem 18ten Geburtstag, zum Wehrdienst meldet, um statt des Architekturstudiums in Deutschland etwas für ihr Land zu tun. Das Geständnis gegenüber den Eltern verzögert sich, doch die israelische Familie ist (überwiegend) begeistert wegen ihres Mutes.

Eine Parallelhandlung ist die Geschichte des Großvaters mit dem für einen Juden seltsamen Namen Siegfrid, aus Chemnitz stammend. Der tatsächliche Großvater Julius von Nirit Sommerfeld, nach dem ihr heutiges Café im Schocken benannt ist, kommt am Rande vor. Doch: Es ist ein fiktiver Roman, keine Dokumentation. Jener vor Talias Ankunft gestorbene Opa, der heiß geliebte Siggi, war Kommandeur bei der Hagana, hat vor der Staatsgründung Israels an der gewaltsamen Vertreibung von Arabern teilgenommen. Das wird aus Aufzeichnungen deutlich, welche die Enkelin vererbt bekommt, aber noch nicht kennt. Auch seine Skrupel bezüglich dieses Vorgehens und die Auseinandersetzungen mit der radikalen Irgun, stehen in den Notizen.

Durch die Großmutter in Tel Aviv, keine überzeugte Anhängerin des Staates, kommt Talia in Kontakt mit Arabern. Später lernt sie einen jüdischen Aktivisten kennen und verliebt sich. Die Konflikte mit der Familie sind vorgezeichnet, nehmen ihren Lauf.

Dass die Autorin bei einer Gruppierung Chemnitzer Zionisten unbeliebt ist und gemobbt wird, kann man an dem Buch nachvollziehen. Menschen sind sie immer noch, schreibt sie über die ohne Permit in Israel auf Baustellen arbeitenden Palästinenser. Tiere sind das, keine Menschen, versteht ihr sagt hingegen Guy, Talias in der Armee kämpfender Cousin.

Schwarz-weiß ist die Darstellung aber keineswegs. Auf einem Markt fragt ein arabischer Händler, wo sie herkommt. „Germany very good. Hitler!“ ruft er aus.

Dreißig Seiten vor dem Ende erscheint die Möglichkeit eines verkitschten Happy Ends. Der illegale Arbeiter, für den Talia vor Gericht gebürgt hat, wird freigesprochen. Der israelische Richter, die israelische Anwältin sind Menschen, die Gerechtigkeit wollen. Schließlich bekommt auch noch der als Kind vertriebene Araber seine Holzschatulle zurück, die sich Talias Opa angeeignet hatte. Doch dann schafft Nirit Sommerfeld noch eine radikale Wendung, Nichts ist gut.

Im Unterschied zum Roman „Chamäleon“ von Yishai Sarid, der zumindest im Thema der Spaltung der israelischen Gesellschaft ähnlich gelagert ist, erzählt die Autorin in ihrem Erstling sehr plastisch, man sieht Figuren vor sich, spürt Farben und Gerüche.

Ein wichtiges Buch, will man den dramatischen Konflikt, der auch in die deutsche Gesellschaft schwappt, nicht holzschnittartig sehen. Und auch das im Krieg gegen die Ukraine so aktuelle Pazifismus-Paradox erhält eine hintergründige Ebene.

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