Wörterbuch des Widerstands, Teil 2

Demonstration

Die Demonstration ist das klassische Mittel Nummer Eins, der Unzufriedenheit mit bestimmten Zuständen Ausdruck zu verleihen. Eine mehr oder weniger große Menschenmenge nutzt den öffentlichen Raum, um auf ihr Anliegen mittels >Transparenten, >Sprechchören und anderen Mitteln aufmerksam zu machen. Sonderformen sind Stern- und >Schweigemärsche. Demonstrationen als anerkannte Form der Meinungsäußerung laut Grundgesetz Artikel 8 müssen in Deutschland zwar bei den kommunalen Behörden angemeldet werden, für Straßensperrungen und die allgemeine Sicherheit müssen aber die Veranstalter nur im Rahmen der jeweiligen Auflagen sorgen. Dieser Umstand wurde u.a. bei der Loveparade genutzt. Indem das eigentlich politikferne Event zur politischen Demonstration erklärt wurde, sparten sich die Veranstalter viel Aufwand. Nicht angemeldet werden müssen Spontandemonstrationen. Die Regelungen des Veranstaltungsrechts differieren in den Bundesländern und Kommunen.

Desertieren

Geschieht die Flucht von Armeeangehörigen aus dem Militär aus Gewissensgründen, um beispielsweise nicht an einem als ungerecht empfundenen Krieg (weiterhin) teilzunehmen, ist dies eine Form des politischen Widerstandes. Besonders trifft dies zu, läuft der Soldat oder Offizier zur gegnerischen Armee oder Aufständischen über. Eine „sanfte“ Form des Desertierens ist die >Wehrdienstverweigerung.

Die in

Mehrere Personen legen sich in der Öffentlichkeit nieder, um das Sterben zu symbolisieren,beispielsweise als Warnung vor Krieg oder Umweltgefahren. Auch wenn das Die in seine Wurzeln in den 1960er Jahren hat, wird es heute häufig als spezielle Form des deutlich jüngeren >Flash Mob angesehen.

Dienst nach Vorschrift

In bürokratisch durchstrukturierten Gesellschaften, wie sie heute weltweit typisch sind, ist das exakte Befolgen von Vorschriften eine Sonderform des Streiks, mit der ganze Organisationen praktisch lahm gelegt werden können. Die genaue Kenntnis der jeweiligen Vorschriften ist natürlich Voraussetzung. Dienst nach Vorschrift ist legal, aber sehr effizient.

Eier (u.a.) werfen

Das Bewerfen von Personen ohne die Absicht, sie ernsthaft zu verletzen, zumeist hochrangige Politiker, ist eine gesteigerte Unmutsbekundung. Bekannte Beispiele sind der Eierwurf auf Bundeskanzler Helmut Kohl 1991 in Halle/Saale, der Farbbeutelwurf auf Außenminister Joschka Fischer 1999, bei dem er sich einen Trommelfellriss zuzog. Für das Werfen mit Torten nach Vorbild der klassischen Stummfilme gibt es die Fachbegriffe >Tortung oder pieing (engl.). Die belgische Gruppe Patissiers sans frontiers macht das Torten von Politikern oder Persönlichkeiten wie Bill Gates zum Mittelpunkt ihres Wirkens. Der irakische Fernsehjournalist Mutanzer al-Zaidi bewarf 2008 den damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush bei einer Pressekonferenz mit seinen Schuhen und wurde in der Folge zu drei Jahren Haft verurteilt, die er teilweise verbüßte. In der arabischen Welt ist das demonstrative Vorzeigen der Schuhe eine Beleidigung. 2009 wurde in der irakischen Stadt Tikrit ein drei Meter hoher Schuh aus Kupfer zur Erinnerung an das Ereignis eingeweiht.

Eulenspiegelei

Der Schelm Till Eulenspiegel, über den erstmals um 1510 in einem niederdeutschen Volksbuch berichtet wird, war bekannt dafür, Redewendungen wörtlich zu nehmen und damit Mächtige und auch Einfältige zum Narren zu halten.

Exil

Eigentlich ist das Exil keine aktive Form des Widerstandes. Doch unter gewalttätigen Diktaturen ist die Emigration manchmal das einzige Mittel, um vom mehr oder weniger sicheren Ausland aus publizistisch oder auf andere Weise am Sturz des Regimes zu arbeiten. Die sogenannte „innere Emigration“ hingegen ist häufig eine Rechtfertigung für angepasstes Verhalten.

Facebook

Die 2005 von Mark Zuckerberg gegründete Internetplattform Facebook kann einerseits ein technisches Mittel sein, um Protestaktionen schnell vielen potentiellen Teilnehmern bekannt zu machen und dann in Echtzeit davon zu berichten. Andererseits können über Facebook auch direkt gesellschaftliche Aussagen oder Links zu entsprechenden Webinhalten verbreitet werden. Bei den Revolutionen in Tunesien und Ägypten Anfang 2011 spielte Facebook erstmals eine wichtige Rolle als Medium der Aufständischen.

Fahne

Wie einige andere Symbole bestimmter politischer Haltungen haben Fahnen ihren Ursprung in der mittelalterlichen Heraldik der Adelsgeschlechter. Am bekanntesten ist die rote Fahne der sozialistischen und Arbeiterbewegung. In Ländern, die unter Fremdherrschaft stehen, oder nach Autonomie strebenden Regionen ist das öffentliche Anbringen oder Tragen der zumeist verbotenen Flaggen dieses Gebietes eine Form des Widerstandes. Auch reaktionäre Kräfte nutzen Fahnen, beispielsweise die deutsche Reichskriegsflagge.

Fahrradcorso

Ein Fahrradcorso kann eine spezifische Form der >Demonstration sein. Zum Ausdruck urbaner Anliegen wird auch die >Critical Mass genutzt.

Farbe

Die Verwendung von Farben als Symbole bestimmter politischer Strömungen hat ihren Ursprung in der mittelalterlichen Heraldik der Adelsgeschlechter. Seitdem gibt es eine ganze gesellschaftliche Farbenlehre, die in verschiedenen Ländern oder Kulturkreisen differiert. Am verbreitetsten ist das Rot der Arbeiterbewegung und vieler linker Parteien oder Organisationen. Dass ein historisches Ereignis mit einer Farbe assoziiert wird, kommt seltener vor, so etwa bei der „Orangenen Revolution“, dem Umsturz in der Ukraine im Herbst 2004.

Fiktive Anzeige

Entsprechend der doppelten Bedeutung des Begriffs Anzeige kann eine fiktive Anzeige als Protestform auch verschieden interpretiert werden. Zum einen kann es die nicht ganz ernst gemeinte Strafanzeige gegen Personen oder Institutionen bis hin zum Staat sein wegen angenommener Verletzungen von Gesetzen und Rechten. Zum anderen ist es eine Zeitungsannonce. Beliebt sind beispielsweise fiktive Traueranzeigen für gefährdete Sozial- und Kultureinrichtungen oder auch Biotope und Landschaften.

Fiktive Versteigerung

Objekte wie etwa Immobilien zum Verkauf oder der Versteigerung zu offerieren, über die der Anbieter kein Verfügungsrecht hat, sind ein erprobtes Mittel des Protestes. So wurden schon mehrfach durch Studenten Gebäude ihrer Universität scheinbar in einer Auktion oder auch per Ebay versteigert, um auf die mangelhafte Finanzierung der Institutionen aufmerksam zu machen. Auch das Anbieten von Personen – bevorzugt der eigenen – als käufliche Objekte, wird gelegentlich praktiziert.

Fiktiver Mahnbrief

Mit ironisch gefärbten Mahnungen an staatliche oder kommunale Behörden und deren Vertreter kann die Einhaltung von Gesetzen, Beschlüssen oder auch nur verbalen Aussagen eingefordert werden.

Fiktive Staatsgründung

> Staat gründen

Fiktives Begräbnis

Das symbolische Aufbahren oder Tragen eines Sarges – echt oder imitiert – ist beliebt, um das mögliche „Sterben“ einer von Sparzwängen betroffenen Einrichtung darzustellen, kann aber in größeren politischen Zusammenhängen auch das Ende der Demokratie, Freiheit etc. bedeuten.

Flashmob

Der nicht unbedingt politisch ausgerichtete Flashmob hat sich in den letzten Jahren zu einem beliebten Mittel für Protestaktionen entwickelt. Der unterschwellig (z.B. durch SMS, Webforen oder über Facebook) organisierte Menschenauflauf ohne erkennbare Führung kann dem reinen Vergnügen dienen wie Kissenschlachten auf öffentlichen Plätzen, aber auch gesellschaftliche Ziele haben.

Flugblatt

Das Flugblatt hat seinen Namen von der früheren Praxis, von Gebäuden oder anderen erhöhten Punkten unerkannt herabgestreut zu werden. Das massenhaft kopierte Blatt kann >Slogans, Manifeste oder auch nur >Aufrufe zu bestimmten Aktionen verbreiten. Heute wird es häufiger per Hand verteilt, in Briefkästen eingeworfen oder zur Mitnahme ausgelegt.

Guerilla Gardening

Das Guerilla Gardening oder Urban Gardening ist eine Art der >Besetzung oder >Aneignung urbaner Flächen, um sie gärtnerisch zu nutzen und umzugestalten. Zumeist soll damit auf urbane und ökologische Defizite aufmerksam gemacht werden, seltener geht es um eine Nutzung der angebauten Pflanzen.

Gefangennahme

„Seit 31 Tagen Gefangener“ steht auf dem Schild, das Unternehmerpräsidert Hanns Martin Schleyer auf dem Foto umgehängt bekam, mit dem die RAF 1977 ihre Forderungen bekräftigen wollte. So wie der Name Rote Armee Fraktion drückt auch die Bezeichnung „Gefangener“ für eine entführte Geisel als, dass sich die Terrorgruppe in einem regulären >Bürgerkrieg gegen das herrschenden System sah. Für Betroffene ist es im Endeffekt unwichtig, ob sie als Gefangene, Geiseln oder Entführte bezeichnet werden. Wirkliche Gefangene unterscheiden sich von >Geiseln dadurch, dass sie nicht als Druckmittel zur Durchsetzung von Forderungen eingesetzt werden.

Gegenkultur

Die Konstatierung von Gegen- oder >Subkulturen setzt die Annahme einer offiziellen, herrschenden Kultur voraus, gegen welche opponiert wird. Häufig wird die konkrete Lebenswelt tatsächlich oder scheinbar diskriminierter gesellschaftlicher Gruppen als Gegenkultur verstanden, aber auch bestimmte Bewegungen und Stile in Musik, Literatur etc. Da Gegenkulturen wie etwa Punk oder HipHop schnell kommerziell instrumentalisiert wurden und damit das subversive Potenzial verloren, gehen Kritiker davon aus, dass es heute keine Gegenkulturen mit tatsächlicher politischer Wirksamkeit mehr geben kann.

Gehzeug

Der Wiener Wissenschaftler Dr. Herrmann Knoflacher entwickelte 1975 ein Gehzeug als Pendant zum Fahrzeug, um auf den enormen Platzbedarf des Individualverkehrs aufmerksam zu machen. Das leichte Lattengerüst mit den Abmessungen eines Kleinwagens hängt sich ein Mensch um und läuft damit auf der Straße. In vielen Aktionen hat Knoflacher gemeinsam mit Studenten und anderen Aktivisten mit Gehzeugen gegen die aus der Massenmotorisierung erwachsenden städtebaulichen Defizite und Umweltbelastungen demonstriert.

Geiselnahme

In >Bürger- und >Guerillakriegen, aber auch von Terroristen werden Geiseln genommen, um Forderungen durchzusetzen. Berühmt-berüchtigt wurden die Geiselnahmen der Roten Armee Fraktion in den 1970er Jahren, aber auch die manchmal Jahre andauernde Geiselhaft der kolumbianischen Farc-Guerilla.

Generalstreik

Im Vergleich zum überwiegend der Durchsetzung wirtschaftlicher Forderungen dienenden „normalen“ >Streik hat ein Generalstreik, dem sich große Teil der berufstätigen Bevölkerung anschließen, häufig politische Ziele. Ein berühmtes Beispiel, der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch 1923 in Deutschland zeigt, dass Widerstand auch der Verteidigung eines gefährdeten Status quo dienen kann.

Geste

Bekanntestes Beispiel einer körperlichen Geste, die Protest ausdrückt, ist die erhobene Faust. Sie ist allgemeines Symbol des Nichteinverstandenseins ohne konkrete politische Zuordnung. Besondere Brisanz erhält diese Geste dann, wenn sie in der gegebenen Situation zusätzlich ein Nichteinhalten der Konventionen darstellt wie bei den Siegerehrungen afroamerikanischer Sportler bei den Olympischen Spielen 1968. Eine andere bekannte Geste ist das Victory-Zeichen, als gespreizter Zeige- und Mittelfinger.

Go in

In den 1960er Jahren wurde das Go in an Universitäten als Protest gegen den akademischen Lehrbetrieb praktiziert und stellt quasi das >Stören einer (Lehr-)Veranstaltung dar. Berühmt wurde das Go in einer Vorlesung von Theodor W. Adorno an der Goethe-Universität Frankfurt 1969 durch barbusige Studentinnen.

Graffiti

Graffiti, also mit Farbsprays im Stadtraum aufgebrachte Bilder oder Schriftzüge sind die älteste und am weitesten verbreitete Form der >Streetart. Graffiti sind nicht per se politisch, können aber zur Verbreitung gesellschaftskritischer Aussagen beitragen. Eine Sonderform stellen die mit Hilfe von Schablonen hergestellten Stencil- oder Pochoir-Graffiti dar. Graffiti ohne Zustimmung des Eigentümers der Immobilie werden als Sachbeschädigung strafrechtlich verfolgt.

Großtransparente

Vor allem die Umweltaktivisten von Greenpeace haben mit hoher Wirksamkeit wiederholt riesige Transparente mit Slogans an Schornsteinen, Brücken oder anderen überraschenden und schwer zugänglichen Stellen angebracht, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen.

Guerilla

Die Guerilla (span.: kleiner Krieg), früher auch als Partisanenkampf bekannt, ist eine Form der irregulären Kriegsführung gegen Besatzer oder diktatorische Regimes. Guerilleros kämpfen in kleinen Gruppen im Hinterland des Feindes, häufig mit einer flachen Kommandohierarchie. Die personelle und technische Unterlegenheit wird durch den Überraschungsfaktor ausgeglichen.

Hacking

Das Eindringen in Computer oder Netzwerke wird zwar überwiegend aus kriminellen Motiven heraus betrieben oder aber um Lücken im Sicherheitssystem zu verdeutlichen, es kann aber auch politische Ziele verfolgen. Ursprünglich stand der Begriff Hacken allgemein für das Programmieren, also einen Code in die Tastatur „hacken“. Später wurde es teilweise als Bewegung zum Erhalt oder der Wiedererlangung freien und kostenlosen Zuganges zu Software im Sinne von Open Source verstanden. Gegenwärtig ist das Kollektiv mit dem bezeichnenden Namen Anonymous am bekanntesten in dieser Art von Internet- Aktivitäten. Zu dessen Zielen gehört es neben dem Kampf um die Freiheit des Internets auch, die Scientology-Sekte zu attackieren. Das Hacken kann dazu dienen, die Arbeit staatlicher und militärischer Institutionen (zeitweise) zu stören oder ganz zu verhindern, oder es geht um das Erlangen sensibler Daten, die dann für eigene Zwecke benutzt bzw. im Sinne des >Leaking veröffentlicht werden.

Hungerstreik

Da der Hungerstreik bei konsequenter Umsetzung zu gesundheitlichen Folgen bis hin zum Tod des Protestierenden führen kann, ist es ein radikales Mittel, mit dem moralischer Druck ausgeübt werden soll. Häufig greifen Gefangene, die kaum andere Möglichkeiten zum Unterstreichen von Forderungen haben, zum Hungerstreik. Berühmt geworden sind die Hungerstreiks Mahatma Ghandis als eine seiner Methoden des gewaltlosen Widerstandes zur Erringung der Unabhängigkeit Indiens sowie die Hungerstreiks von IRA-Häftlingen in Nordirland 1981, bei dem zehn Gefangene starben. 1993 Jahre erregte der Hungerstreik der Kali-Bergleute im thüringischen Bischofferode Aufmerksamkeit, mit dem sie (erfolglos) versuchten, die Schließung ihrer Grube zu verhindern.

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