Wörterbuch des Widerstands, Teil 1

Ablehnung einer Ehrung

2008 erregte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranitzky Aufsehen, als er während der Zeremonie zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises die Annahme des ihm zugedachten Ehrenpreises ablehnte, um gegen die Qualität des Fernsehens zu protestieren. Wesentlich häufiger kommt die öffentlichkeitswirksame >Rückgabe einer Ehrung vor.

Adbusting

Es handelt sich um eine spezifische Form von >Street Art, die Werbung (engl.: advertisement) im öffentlichen Raum zerstört, häufiger aber verfremdet und ironisiert. Großplakate und andere Werbeinstrumente werden beispielsweise im Sinne von Collagen ergänzt, so dass sich eine anderer Sinn ergibt. Hauptanliegen ist die Kritik am Konsumverhalten und Konsumzwang. Doch auch unmittelbare politische Aussagen sind möglich, vor allem bei Wahlkampfplakaten. Bekannteste Gruppierung ist die Adbusters Media Foundation, die 1989 von Kalle Lasn und Bill Schmalz in Kanada gegründet wurde.

Aktionskunst

Diese spezielle Ausprägungsform der >Kunst eignet sich wegen ihres dynamischen Charakters besonders für die Artikulation gesellschaftlicher Anliegen. Verbreitetste Formen sind Performance, Action Painting und Happening. Die Grenzen zu anderen Kunstsparten wie dem Straßentheater sind fließend. Manche Künstler gehen aber viel weiter und organisieren Aktionen von unmittelbarer gesellschaftlicher Relevanz.

Ein Musterbeispiel dafür ist die US-amerikanische Gruppe Yes-Men, deren Kern Jacques Servin und Igor Vamos bilden. Wiederholt haben sie sich als Vertreter internationaler Organisationen oder großer Konzerne ausgegeben und sind in deren Namen bei Konferenzen mit absurden Vorträgen aufgetreten. Zu den bekanntesten Aktionen gehört die Herausgabe einer auf den 4. Juli 2009 datierten und originalgetreu aussehenden Ausgabe der New York Times im November 2008, in welcher das Ende des Irak-Krieges verkündet wird, Condoleezza Rice sich für ihre falschen Aussagen zur Begründung dieses Krieges entschuldigt etc. Die Zeitung wurde in 1,2 Millionen gedruckten Exemplaren verteilt und im Internet zum Download bereitgestellt.

Eine weniger berühmte, aber ebenfalls erfolgreich im Sinne der Provokation arbeitende Gruppe ist seit 2005 „Voina“ („Krieg“) aus St. Petersburg. Unter anderem schaffte sie es, auf die Fahrbahn der schon hochfahrenden Klappbrücke über die Newa in der Nacht zum 1. Juni 2010 unter dem Titel „Schwanz, ein KGB-Häftling“ einen riesigen Phallus zu malen. Bei einer anderen Aktion gingen weibliche Mitglieder der Gruppe auf russische Milizionärinnen zu, um sie öffentlich heftig zu knutschen.

Aneignung

Im im Unterschied zur >Besetzung ist die Aneignung auf dauerhafte Nutzung oder Nutzungsverhinderung gerichtet, also im Endeffekt auf eine Änderung der formellen Eigentumsrechte. Als historisches Vorbild können philanthropische Räuber wie Robin Hood oder Störtebecker gelten.

Attentat

Ursprünglich ist mit Attentat die Ermordung von Führern und Repräsentanten von Staaten oder Institutionen gemeint. Schon der Tyrannenmord in der Antike kann dazu gerechnet werden, so etwa der Tod Cäsars oder das viel listenreichere Attentat Judiths auf Holofernes, den Belagerer ihrer Heimatstadt.

Legendäre Attentate des 20. Jahrhunderts sind die Ermordung des habsburgischen Thronfolgers 1914 in Sarajevo, die als Auslöser für den Ersten Weltkrieg genommen wurde, und die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy 1961 in Dallas. Auch die Attentate auf den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme oder den israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin und andere Staatsoberhäupter erregten großes Aufsehen. In den 1970er Jahren machten linksterroristische Gruppen wie die RAF in Deutschland oder die Roten Brigaden in Italien das Attentat auf hochrangige Vertreter der Staatsmacht oder der Wirtschaft zur Methode.

Heute sind, statistisch gesehen, die meisten Attentate terroristische Selbstmordanschläge. Häufig richten sie sich gegen Personen oder Einrichtungen des eigenen Staates oder einer Besatzungsmacht. Doch nicht selten sind die Opfer Unbeteiligte, um ein allgemeines Klima der Angst zu schaffen.

Aufkleber

Selbstklebende Papier- oder Kunststoffzettel, im Jargon linker Gruppierungen auch Spucki genannt, sind ein universelles, doch deshalb auch inflationär wirkendes Mittel, um Meinungen, Haltungen oder Ideen publik zu machen. Der Aufkleber im öffentlichen Raum (das kann auch auf dem eigenen Fahrzeug oder der Kleidung sein) kann eine konkrete Aussage in Form eines Slogans oder Bildes transportieren oder bloßes >Symbol sein. In massenhafter Anwendung stellt er eine Art von >Besetzung dar.

Aufruf

Der schriftlich oder als Video bzw. Audiodatei verbreitete Aufruf ist im Grunde genommen nur die Vorbereitung für weitere Handlungen, denen sich möglichst viele Personen anschließen sollen. Je nach Umfang können im Aufruf aber auch schon wesentliche Ziele und Forderungen kommuniziert werden. Der Aufruf kann sich aber auch direkt an die Adressaten des Protests richten und hat in diesem Falle vor allem Sinn, wenn er von bekannten Persönlichkeiten kommt.

Aufstand

Sofern der Begriff nicht symbolisch gemeint ist („Aufstand der Anständigen“, von Bundeskanzler Gerhard Schröder im Oktober 2000 nach dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge gefordert), ist ein Aufstand auf eine radikale Änderung der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse gerichtet. Sofern der Aufstand nicht schnell von den Machthabern niedergeschlagen werden kann, mündet er in eine >Revolution, oder bei Unentschiedenheit der Kräfte in einen >Bürgerkrieg. Normalerweise kommen Aufstände spontan zustande, wenn ein bestimmter Anlass (der manchmal nur in einem Gerücht bestehen kann) eine angespannte Situation zur Explosion bringt. Ein Aufstand kann auf die Verbesserung der Lage einer bestimmten Gruppierung, zum Beispiel von Häftlingen bei einem Gefängnisaufstand, gerichtet sein. Häufig wird aber eine Umwälzung der Gesellschaft angestrebt wie beim „Arabischen Frühling“ in Tunesien, Ägypten und anderen arabischen Ländern 2011. Von einem Aufstand mit konkreten Forderungen ist die anarchische Revolte, im deutschen Sprachgebrauch heute häufig mit dem englischen Begriff >riot bezeichnet, zu unterscheiden.

Autocorso

Spezifische Form der spontanen oder genehmigten >Demonstration mit Kraftfahrzeugen.

Bed in

John Lennon und Yoko Ono veranstalteten im Mai 1969 ein „Bed in“ als Protest gegen den Vietnamkrieg. Sie empfingen, in Nachtwäsche im Bett des Elizabeth Hotel Montreal liegend, über mehrere Tage Vertreter der Medien zum Interview. Obwohl diese Aktion viel Aufsehen erregte, blieb sie ohne nennenswerte Nachahmung.

Befehlsverweigerung

Für Angehörige der Armee, Polizei oder anderer Organe der staatlichen Exekutive stellt die Befehlsverweigerung aus moralischen Beweggründen ein radikales Mittel des Widerstandes dar, die üblicherweise zur Bestrafung des Verweigerers führt einschließlich der Hinrichtung. Im Unterschied zu vielen anderen Formen des Widerstandes kann die Befehlsverweigerung nur selten auf die öffentliche Wirkung setzten, wird deshalb manchmal nicht oder erst viel später bekannt.

Befreiung

Die gewaltsame Befreiung von Menschen, speziell politischen Gefangenen, ist ein radikales Mittel im Vergleich zu eher symbolischen Befreiungen von Tieren aus Farmen und Versuchsstationen durch Tierschützer oder symbolische Feldbefreiungen durch Gegner der Gentechnologie.

Beschimpfung

Im Alltag stellt die Beschimpfung die allgemeine, niederschwellige Form des subjektiven Protestes dar, ist aber dennoch als Beleidigung oder Verleumdung strafrechtlich relevant. Gleiches gilt bei der Beschimpfung als Mittel der politischen Auseinandersetzung, sofern nicht glaubhaft die Form der >Satire nachgewiesen werden kann.

Besetzung

Da seit der Herausbildung des Privateigentums am Ausgang der Urgesellschaft dieses als eine Grundlage der meisten Gesellschaftsordnungen angesehen wird, ist die Verletzung juristisch festgesetzter oder vermeintlicher Eigentumsrechte ein grundlegendes Mittel des Widerstandes. Bei der gegenwärtigen Occupy-Bewegung drückt sich das Anliegen schon im Namen aus. Während die Occupy-Aktionen aber zumeist symbolischen Charakter haben oder einer >Blockade ähneln, sind echte Besetzungen durch eine zeitweilige oder auf eine längere Dauer ausgerichtete Verletzung der formellen Eigentums- und Nutzungsrechte gerichtete Maßnahmen. Am bekanntesten sind die Hausbesetzungen, die in Westdeutschland in den 1970er und 80er Jahren, und nach 1990 in Ostdeutschland in vielen Städten sowohl als Mittel der Umsetzung alternativer Lebensformen als auch zum Zweck des politischen Widerstandes praktiziert wurden und punktuell heute noch werden. In mehreren lateinamerikanischen Ländern und anderen Weltregionen gab und gibt es Besetzungen von landwirtschaftlich nutzbarem Gelände, um das eigene Überleben zu sichern. Auch Industriebetriebe können von der Belegschaft gegen den Willen des Managements besetzt werden, um eine Schließung zu verhindern.

Blackboard/Wandzeitung

In Gebäuden oder im Freiraum befindliche Wandzeitung, an der jeder Passant Mitteilungen, Stellungnahmen, Thesen etc. hinterlassen kann. Im übertragenen Sinne kann es sich auch um ein Diskussionsforum im Internet handeln.

Blockade

Die am häufigsten angewandte Form der Blockade ist die Besetzung von Verkehrsraum durch Demonstranten, ggf. auch unter Zuhilfenahme von Fahrzeugen oder Gegenständen, um entweder Organe der Staatsmacht oder politische Gegner an der Umsetzung ihrer Vorhaben zu hindern. Die juristische Zulässigkeit ist umstritten.

Berühmt geworden sind die Blockaden des Raketenstützpunktes Mutlangen der US-Armee. Gegen die Stationierung von Pershing II-Raketen mit Atomsprengköpfen ab 1983 wurde die Zufahrt zur Basis wiederholt blockiert, u.a. durch bekannte Persönlichkeiten wie Petra Kelly oder Walter Jens. Fast 3000 Blockierer wurden zu Strafen verurteilt, das Bundesverfassungsgericht hob diese Urteile aber später wieder auf.

Bekannte Beispiele der Gegenwart sind die Blockaden der Castor-Transporte radioaktiven Materials ins niedersächsische Zwischenlager Gorleben durch Atomkraftgegner und Bewohner der Region Wendland. Dabei werden häufig radikale Blockademethoden angewandt wie das Anschweißen angeketteter Demonstranten an Eisenbahnschienen oder das Einbetonieren ihrer Hände und Beine auf der Bahnstrecke.

Blockaden sind auch das typische Mittel zur Verhinderung von Demonstrationen rechtsradikaler Organisationen. Heftige Auseinandersetzungen um die Zulässigkeit dieser Proteste gibt es jährlich um die von Neonazis missbrauchte Erinnerung an die Zerstörung Dresdens im Februar 1945.

Geht eine Blockade von Staaten aus, kann auch ihr Durchbrechen ein Mittel des Widerstandes sein. Beim Versuch, die israelische Blockade des palästinensischen
Gazastreifens mit einem türkischen Schiff zu unterlaufen, wurden 2010 durch die israelische Armee neun Menschen getötet.

Boykott

Die typische Art des Boykotts als politisches Mittel ist der Aufruf, Waren eines Landes oder eines Unternehmens nicht zu kaufen. Aufsehen erregte 1995 der Boykott von Shell-Tankstellen (in Kombination mit anderen Protestformen), um die Versenkung der Öllagerplattform Brent Spar in der Nordsee zu verhindern, der zum Erfolg führte. Soll ein Staat durch Beschlüsse internationaler Organisationen per Boykott zu politischen Schritten gezwungen werden, wird dies zumeist als Embargo bezeichnet.

Brandstiftung

Die ersten Aktionen der linksterroristischen Roten Armeefraktion in den späten 1960er Jahren bestanden darin, Kaufhäuser in Brand zu stecken. Traditionell ist die Brandstiftung sowohl ein Mittel von Pogromen gegen Minderheiten, wie in der sogenannten „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 gegen Synagogen und andere jüdische Einrichtungen, aber auch bei spontanen Aufständen vor allem in Großstädten wie etwa in Berlin am 17. Juni 1953. Eine positive Wirkung zum Erreichen von Zielen ist ausgesprochen fragwürdig.

Bürgerkrieg

Kommt bei einem >Aufstand oder einer >Revolution keine schnelle Veränderung der Machtverhältnisse oder eine Restauration zustande, ist häufig ein Bürgerkrieg die Folge. Er führt nach mehr oder weniger langen Auseinandersetzungen zum Sieg einer Seite, kann wegen Ermattung aller Beteiligten abflauen oder durch Eingreifen fremder Mächte in einen regulären Krieg führen.

Büttenrede

In mehreren Regionen Deutschlands hat sich zum Karneval die Büttenrede, bei welcher der Redner in ein echtes oder symbolisches Fass (die Bütt) steigt, als Mittel der ironischen Kritik etabliert. Die häufig anzutreffende Kopfbedeckung mit einer dreizipfligen Narrenkappe verdeutlicht dabei die Tradition der Hofnarren an barocken Höfen. So wie der Spott dieser Narren bleibt auch die Büttenrede sowohl straffrei wie auch folgenlos.

Bummelstreik

Bei diesem nicht angemeldeten Streik wird bewusst langsam gearbeitet. Eine spezifische Form ist der >Dienst nach Vorschrift.

Button

Aus Blech oder Plastik gefertigter Anstecker, der Symbole oder Slogans tragen kann.

Camp

Ein aus Zelten, Wagen oder provisorischen Hütten gebildetes Camp kann entweder andere Protestformen wie >Blockaden oder >Demonstrationen begleiten oder selbst ein Mittel der symbolischen und realen Besetzung von öffentlichem oder privaten Raum sein. Berühmt wurden die Camps auf dem Kairoer Tahrir-Platz im Januar 2011 sowie im gleichen Jahr im Stadtzentrum von Madrid, wo die Acampada-Bewegung ihren Ausgang nahm. Auch die zuerst in mehreren US-amerikanischen Städten initiierte Occupy-Bewegung nutzte Camps als wichtigstes Mittel des Widerstandes, u.a. mit dem bekannten, unterdessen geräumten Lager im New Yorker Zucotti-Park.

Carrotmob

Bei dieser Sonderform des >Smart Mob werden mittels heutiger Kommunikationsmedien Teilnehmer aufgerufen, in einem bestimmten Laden massenhaft einzukaufen. Mit dem Ladeninhaber wurde zuvor abgesprochen, dass er einen Teil des so entstandenen Umsatzes in ökologische Sanierungsmaßnahmen zu investieren. Im Unterschied zum bestrafenden >Boykott schafft dieser „Buykott“ positive Anreize, so wie die Karotte vor der Nase eines Esels.

Clownarmee

In Deutschland wurden erstmals beim G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 Demonstranten, die mit Seifenblasen und Wasserpistolen gegen die Polizeikordons vorgingen, durch die Medien wahrgenommen. International ist die Clandestine Insurgent Rebel Clown Army (CIRCA) schon länger aktiv. Sie tritt, mit Staubwedeln „bewaffnet“, wie eine militärische Formation auf, um Polizeifahrzeuge symbolisch abzustauben. Clownerie oder zumindest die Verkleidung von Teilnehmern an Demonstrationen und Kundgebungen in Clownskostümen haben ambivalente Wirkung. Wegen ihres spaßigen Charakters können sie zur Deeskalation beitragen oder genau das Gegenteil bewirken, weil die Vertreter der Ordnungsmacht sich eben nicht ernst genommen fühlen.

Critical Mass

Critical Mass, also eine „kritische Masse“, ist eine Art der Fahrraddemonstration gegen die Vereinnahmung der Städte und Landschaften durch den motorisierten Verkehr. Daneben gibt es aber auch CMs mit politischen Anliegen, so im August 2004 zum Parteitag der Republikaner in New York, als mehrere Tausend Radfahrer gegen die Politik von Präsident George W. Bush demonstrierten. Eine CM hat keine formellen Veranstalter und wird wie ein >Flash Mob unterschwellig angekündigt. Die bisher größten derartigen Veranstaltungen fanden in Budapest mit bis zu 80.000 Teilnehmern statt. In Deutschland kann der Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung zur >Blockade des Autoverkehrs genutzt werden, der Gruppenfahrten mit dem Rad auf öffentlichen Straßen zulässt, wenn mindestens 16 Teilnehmer durch Warnwesten gekennzeichnet sind.

Ergänzungen, Korrekturen und sonstige Hinweise, auch auf Literatur und Weblinks, sind ausdrücklich erwünscht. Teil 2 (von Eier werfen bis Guerilla) folgt in Kürze.

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