Jens Kassner

Texte, Kommentare und anderes.

Bürgerdämmerung

Falls man nicht gerade vertrauliche Daten einträgt, kann der Google-Kalender ein nützliches Arbeitsmittel sein. Als Zusatzservice lassen sich da auch die Zeiten für Auf- und Untergang von Sonne und Mond anzeigen. Das schönste dabei ist: Es existieren drei Arten von Dämmerung. Neben der astronomischen und der nautischen gibt es da noch eine bürgerliche Dämmerung. Die [...]

Zeitiger ganz feucht

Warum hat es 2008 solch einen Skandal um Charlotte Roches Feuchtgebiete gegeben, wo doch schon sechs Jahre zuvor in German Amok von Feridun Zaimoglu all das da ist, worüber sich die Rezensenten damals so aufregten? Über Sex jenseits der Missionarsstellung wird genau so intensiv wie dreckig geschrieben. Hinzu kommen Ausfälle des Ich-Erzählers, eines erfolglosen Berliner [...]

Dreierpack

Die Bezeichnung Trilogie klingt gewaltig. Für den Dreierpack kleiner Büchlein aus dem Passage-Verlag Leipzig wäre das Wort eine heftige Übertreibung. Das bescheidene Format hat dabei einen speziellen Zweck: Kurzgeschichten für Bahn und Bus nennt sich das Werk. Die Heftchen kann man deshalb gut in die Jackentasche stecken, und die Länge der Geschichten passt gerade für [...]

Im Namen des Volkes

Mein nicht durchweg gefestigter Glaube an den Rechtsstaat hat etwas Auftrieb bekommen, seit ich in der vorigen Woche ein Urteil des Amtsgerichtes Leipzig zugeschickt bekam, in welchem die Rechtmößigkeit meiner Klage bestätigt wird. Ich bin nämlich der Meinung, dass man für bestellte und pünktlich abgelieferte Zeitschriftenartikel das volle Honorar bekommen sollte. Da Jonas Plöttner, Chef [...]

Alles Lüge

Aus einem nicht gerade erfreulichen Anlass war ich vor wenigen Tagen in einer Berliner Tierklinik, die auch Schauplatz einer Reality-Soap des deutschen Privatfernsehns ist. Als wir dort im Warteraum mit etlichen Hunden, Katzen und deren Haltern saßen, kamen zwei Polizisten und erklärten dem Mädchen am Aufnahmefenster, dass sie die Schwäne wieder holen wollen, die sie [...]

Preiswert

Das freut mich richtig: Der Leipzig/Dresdner Verlag Voland & Quist bekommt den diesjährigen Kurt-Wolff-Förderpreis verliehen. Vielleicht hilft diese Anerkennung auch, der Art von Literatur, die bei V & Q im Mittelpunkt steht - also Spokenword - etwas mehr Anerkennung beim etablierten Literaturbetrieb zu verleihen, wo zumeist hochnäsig auf diese angeblichen Schmuddelkinder herabgeblickt wird.

Wie die alten Rittersleut

Bei meinem fortgesetzten Kampf mit der Chimäre namens Hochkultur habe ich an unerwarteter Stelle eine Erklärungshilfe gefunden.  Warum sich gerade Funktionäre von SPD, Grünen oder Linken in Bezug auf kulturelle Präferenzen manchmal noch dünkelhafter verhalten als ausgewiesene Konservative, erläutert Arnold Hauser in seiner 1953 erschienenen Sozialgeschichte der Kunst und Literatur anhand des spätmitelalterlichen Rittertums. Diese [...]

Heiteres Städteraten

Die Rechtschreibkommission hat ja im zurückliegenden Jahrzehnt schon ganze Arbeit geleistet, das ehemals starre Regelwerk der deutschen Sprache zu entkrampfen. Nun legt die Bahn AG nach und will auch bei der Schreibung von Ortsnamen eine Liberalisierung bewirken. Vielleicht soll uns mit der variantenreichen Anzeigetafel im Chemnitzer Hauptbahnhof aber auch nur gesagt werden, dass es gleich [...]

Pole Position

Zwar weiß ich, dass heutige Diskos erst zu einer Stunde beginnen, als zu meiner aktiven Diskozeit schon die Stühle hochgestellt wurden. Doch eine Silvesterparty, die Punkt Mitternacht ihren Höhepunkt haben soll, könnte doch eigentlich gegen 21 Uhr beginnen. So stand es ja auch im Programm. Jedenfalls waren wir dank meiner Drängelei die ersten, die am [...]